Foto: Jörg Pütz
Eduard-Martin-Preise

Ausgezeichnet geforscht

Das Leben von Kastratensängern im 18. und frühen 19. Jahrhundert, ein neues Verfahren, temperaturempfindliche Bauteile fest und nahtlos zu verbinden, die Sprache indigener Völker: Diese und viele weitere spannende Themen erforschten die zwölf jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, denen die Unigesellschaft des Saarlandes jetzt den Eduard-Martin-Preise verlieh. Sie sind unsere Besten 2018!
Von Claudia Ehrlich • 25.10.2018

Hohe Temperaturen, wie sie beim Schweißen oder Löten entstehen, halten viele Materialien nicht aus. Wird es etwa Kunststoff zu heiß, verformt er sich oder er verbrennt. Soll er mit Metall verbunden werden, wird es knifflig. So sind heute auch der Mikroelektronik im Handy Grenzen gesetzt, da nur das auf die Platine kann, was die Hitze im Lötofen verträgt. Wie kann die Industrie trotzdem solche Bauteile fest verbinden? Christoph Pauly hat in seiner Doktorarbeit bei Professor Frank Mücklich an einer neuen Methode geforscht, mit der sich hitzeempfindliche Materialien blitzschnell und nahezu nahtlos zusammenfügen lassen. Und das, indem sie einfach nur kurz aneinandergehalten werden. Der Clou liegt in Spezialschichten, die Pauly erforscht hat.

Portrait Pauly: privat

Nur an der Verbindungsstelle – auf Haaresbreite – findet die Reaktion statt. Die hohe Temperatur wird nur dort freigesetzt und dringt nicht in das Material ein

Dr. Christoph Pauly
 

Seine „Reaktivschichten“, die zwischen die zu verbindenden Bauteile gebracht werden, erzeugen von selbst bis zu 2000 Grad Celsius – aber nur punktuell und nur für den Bruchteil einer Sekunde. „Nur an der Verbindungsstelle – auf Haaresbreite – findet die Reaktion statt. Die hohe Temperatur wird nur dort freigesetzt und dringt nicht in das Material ein“, erklärt er. Entscheidend ist die Zusammensetzung der Spezialschichten. „Derart schnelle Reaktionen lassen sich nur erreichen, indem spezielle Metalle in Schichten von 1/1000 Haardurchmessern Dicke zu einem Stapel von einigen Mikrometern Höhe abwechselnd übereinandergestapelt werden“, sagt Pauly. Er verwendet hierfür Ruthenium, Aluminium und ein weiteres Element: Platin, Nickel, Titan oder Hafnium. In seiner jetzt preisgekrönten Arbeit hat er sich damit befasst, wie sich die Eigenschaften der Reaktion durch die Wahl der Elemente und die Anordnung der Schichten maßschneidern lassen.

Die Universitätsgesellschaft des Saarlandes verleiht Dr. Christoph Pauly hierfür einen ihrer Eduard-Martin-Preise. Insgesamt zwölf herausragende Doktorarbeiten aus allen Fakultäten zeichnet sie in diesem Jahr aus. Jährlich schließen an der Saar-Uni zwischen 300 und 400 Nachwuchsforscherinnen und -forscher ihre Promotion ab. Dafür tauchen sie mehrere Jahre lang tief ein in ein spezielles Gebiet ihres Faches und entdecken Neuland: Sie erarbeiten neue wissenschaftliche Erkenntnisse.

So auch Johanna E. Blume: Sie hat sich am Lehrstuhl von Doktorvater Professor Wolfgang Behringer mit Kastratensängern an europäischen Fürstenhöfen von 1712 bis 1844 befasst.

Portrait Blume: privat

Die Kastraten agierten an den Höfen als geschickte Geschäftsleute und vermarkteten sich strategiereich als Künstler. Entgegen üblicher Annahmen waren sie durchaus sozial integriert und standen nicht am Rande der Gesellschaft.

Dr. Johanna E. Blume

Mit Opern demonstrierten die Fürsten des Barock ihre Macht. Die gefeierten Stars dieser Inszenierungen waren Sänger mit übernatürlich hoher Stimme, die vor der Pubertät einer Kastration unterzogen und in Konservatorien vor allem in Italien ausgebildet wurden – wie Farinelli, der noch heute ein Mythos ist. Johanna Blume beleuchtete die Menschen hinter der Stimme: Vor Ort in Archiven von München, Dresden, Wien, Stuttgart und Berlin durchforstete sie Briefe, Bittschriften, Personalakten und weitere Schriftstücke, um den Lebensumständen, sozialen Verhältnissen der Sänger auf die Spur zu kommen und herauszufinden, wie sie sich selbst wahrnahmen und wie andere sie sahen.

So förderte sie etwa auch eine aufschlussreiche „Ménage-à-trois“ eines Kastraten mit einem Künstlerehepaar oder die Beratungen über eine Aufnahme in eine Dresdner Freimaurerloge zu Tage. „Die Kastraten agierten an den Höfen als geschickte Geschäftsleute und vermarkteten sich strategiereich als Künstler. Entgegen üblicher Annahmen waren sie durchaus sozial integriert und standen nicht am Rande der Gesellschaft. Sie lebten oft eingebettet in Ersatzfamilien mit Nichten, Neffen oder Geschwistern“, erklärt Blume. Oft war in den Quellen die Rede vom „verstümmelten Körper“, aber: „Männlichkeit konnte zu- oder abgesprochen werden, sie war verhandelbar, dies hing mit vielen anderen Faktoren zusammen. Bei den Beratungen über die Aufnahme in die Freimaurerloge etwa war die körperliche Verstümmlung zwar Thema, aber nur ein Aspekt unter vielen wie der gute Ruf“, erklärt Blume.

Die Preisträger im Überblick (Promotionsbetreuerinnen und -betreuer in Klammern):

Fakultät für Empirische Humanwissenschaften und Wirtschaftswissenschaft
Dr. Sandra Dörrenbächer (Prof. Dr. Jutta Kray):
"Plasticity of Executive Control Across the Lifespan. Examining Cognitive, Motivational, and Neural Mechanisms of Task-Switching Training in Children and Older Adults"
Dr. Jennifer Helfgen (Prof. Dr. Andrea Gröppel-Klein):
"Die Reaktivierung von inneren Marktbildern am Point-of-Sale – Eine Untersuchung des Zusammenspiels von Out-of-Store-Werbung und Instore-Displays"
Dr. Katrin Stankau (Prof. Dr. Alois Paul Knobloch):
"Herdenverhalten aufgrund von Informationsexternalitäten – Analyse der Auswirkungen kostenpflichtiger Informationen und der Unsicherheit bezüglich des Informationsgehaltes privater Investitionssignale auf die Entstehung von Informationskaskaden"

Medizinische Fakultät
Dr. Anna-Maria Miederer (Prof. Dr. Barbara Niemeyer-Hoth):
"Regulation der Kalzium Homöostase in Immunzellen und in Alzheimer-Modell Zelllinien"
Dr. Marie-Lisa Eich (Prof. Dr. Frank Schmitz):
„Anreicherung einer aktivitätsabhängigen Splice-Variante von Dynamin 1 in Synapsen in verschiedenen Regionen des Zentralen Nervensystems"    

Fakultät für Mathematik und Informatik
Dr. Anne Wald (Prof. Dr. Thomas Schuster):
„Sequential Subspace Optimization for Nonlinear Inverse Problems with an Application in Terahertz Tomography“
Dr. Mateusz Malinowski (Dr. Mario Fritz):
„Towards Holistic Machines: From Visual Recognition To Question Answering About Real-World Images“

Naturwissenschaftlich-Technische Fakultät
Dr. Christoph Pauly (Prof. Dr. Frank Mücklich):
„Selbstfortschreitende Reaktionen in Ru/Al/X-Multilagen"
Dr. Afra Torge (Prof. Dr. Marc Schneider):
"Microparticles Composed of Nanoparticles for Pulmonary Application of Antibiotics in Cystic Fibrosis"

Philosophische Fakultät
Dr. Johanna E. Blume (Prof. Dr. Wolfgang Behringer):
„Verstümmelte Körper? Lebenswelten und soziale Praktiken von Kastratensängern in Mitteleuropa 1712 bis 1844“
Dr. Julia Montemayor Gracia (Prof. Dr. Claudia Polzin-Haumann):
„Yukatekisches Maya entre desplazamiento y revalorización: Eine sprecherzentrierte Studie zur Sprachensituation in Yucatán“

Rechtswissenschaftliche Fakultät
Dr. Marie Herberger (Prof. Dr. Markus Würdinger):
"Von der ´Schlüsselgewalt` zur reziproken Solidarhaftung - Zugleich ein Beitrag zum Rechtsprinzip der nachwirkenden ehelichen Solidarität" 

 

Dr.-Eduard-Martin-Preis

Die Auszeichnung für die besten Doktorarbeiten wird seit 1963 vergeben, seit 1976 trägt der Preis den Namen des Ehrensenators und langjährigen Präsidenten der Freunde-Vereinigung der Universität, Dr. Eduard Martin. Bei der Festveranstaltung der Universitätsgesellschaft erhalten die Preisträger einen Geldpreis und eine bunte Eule: Sie wurde im Jahr 2014 erstmals gestiftet von Arno Müller, einem Absolventen der Saar-Uni, und seiner Firma Tom's Drag.
http://www.uni-saarland.de/page/unigesellschaft/eduard-martin-preis.html

Die Universitätsgesellschaft des Saarlandes will Wissenschaftler, Mitarbeiter und Studenten der Saar-Uni mit Ehemaligen (Alumni) und Förderern in intensiven Kontakt bringen. Sie unterstützt vor allem Studenten und junge Wissenschaftler bei ihren Projekten und fördert das akademische Leben im Saarland. So prämiert sie unter anderem jedes Jahr mit dem Eduard-Martin-Preis die besten Dissertationen an der Saar-Uni, fördert junge Wissenschaftler zum Beispiel bei der Teilnahme an internationalen Tagungen oder Wettbewerben und veranstaltet Vorträge. Mehr: http://www.uni-saarland.de/page/unigesellschaft.html

Das Graduiertenprogramm GradUS will Doktoranden der Saar-Uni untereinander vernetzen und bietet für ihre überfachliche Qualifizierung ein vielfältiges Weiterqualifizierungs- und Förderprogramm.
http://www.uni-saarland.de/gradus
Kontakt: Dr. Theo Jäger: 0681 302-58095; t.jaeger@mx.uni-saarland.de

Quellennachweis
  • Bilder
    Foto: Jörg Pütz

    Portrait Pauly: privat

    Portrait Blume: privat