DAAD-Preisträger
Ein Wegweiser auf unbekannten Pfaden in Europa

Marlon Gancino promoviert an der Universität des Saarlandes in Pharmazie. Das Talent aus Südamerika hat dabei bereits eine weite Reise hinter sich, die ihn von seiner Heimat Ecuador über Chile nach Polen, Frankreich und schließlich nach Deutschland geführt hat. Mit seiner großen Erfahrung hilft er seinen Landsleuten, sich in Europa zurechtzufinden. Für sein Engagement wurde er vielfach ausgezeichnet, nun erhält er auch den DAAD-Preis für hervorragende Leistungen internationaler Studierender.

Marlon Gancinos Antrieb ist es, anderen auf ihrem Lebensweg mit seinen eigenen Erfahrungen zu helfen. Für dieses Engagement wurde er nun mit dem DAAD-Preis für hervorragende Leistungen internationaler Studierender ausgezeichnet. Foto: Thorsten Mohr

Für viele Menschen ist es eine Floskel, für Marlon Gancino ist es elementarer Bestandteil seines Lebens: anderen ein Vorbild sein, ihnen helfen, den richtigen Weg zu finden. Ist es manchem Zeitgenossen schon zu viel, einem Suchenden den Weg zum nächsten Supermarkt zu erklären, weist der 29-Jährige aus Ecuador Wege buchstäblich über Kontinente hinweg. 

Das ist keine Übertreibung. Denn Marlon Alexander Gancino Guevara, so sein vollständiger Name, hilft seinen ecuadorianischen Landsleuten und „Suchenden“ aus Chile dabei, sich in Europa zurechtzufinden. Er gibt zum Beispiel Online-Kurse für Studierende aus Südamerika, die gerne in Europa studieren oder promovieren möchten. „Aus der Ferne ist es natürlich sehr schwer, sich ein Bild über die Wissenschaftslandschaft in Europa zu machen“, sagt der Pharmazie-Doktorand, der in der Arbeitsgruppe von Professorin Alexandra Kiemer forscht. 

Wie schwer das ist, weiß er aus eigener Erfahrung. „Ich bin der erste in meiner Familie, der ein Studium aufgenommen hat“, sagt Marlon Gancino. Der aus der ecuadorianischen Hauptstadt Quito stammende junge Mann hat 2014 ein Studium an der damals frisch gegründeten Yachay Tech University im Norden des Landes aufgenommen, der landesweit ersten Universität mit starkem Fokus auf die Forschung. „In Ecuador gibt es eine große Ölindustrie und Obstplantagen. High-Tech-Standorte hingegen sind selten“, weiß Marlon Gancino. Er begab sich also im doppelten Sinne auf Neuland, für Ecuador im Allgemeinen sowie für sich persönlich. 

Dieser Weg ins Unbekannte führte ihn über Chile, wo er seine Bachelorarbeit an der Universität von Concepción geschrieben hat, nach Paris, wo er dank eines europäischen Erasmus-Mundus-Stipendiums 2021 den Masterstudiengang „Nanomedicine for Drug Delivery“ aufgenommen hat. Seine Masterarbeit in diesem Studiengang, der nur den Besten offensteht, absolvierte er zusammen mit der Forschungsabteilung eines Schweizer Biotech-Unternehmens. Vor seiner Bachelorarbeit in Chile führten ihn sein Weg durchs Unbekannte bereits an die polnische Akademie der Wissenschaften und im November 2023 zur Promotion schließlich: nach Saarbrücken an die Universität des Saarlandes. 

„Die Universität hier hat sehr viel zu bieten“, sagt Marlon Gancino. „Es gibt hier mit dem INM, dem HIPS, dem PharmaScienceHub und anderen hochkarätigen Institutionen viele Einrichtungen, deren Türen einem offenstehen und wo man jederzeit reingehen kann und lernen kann“, so der junge Wissenschaftler. „Das ist sehr ungewöhnlich, denn an vielen anderen Orten sind die Türen eher geschlossen und jeder macht sein Ding. Hier ist das anders, hier gibt es viel Austausch und Zusammenarbeit“, lautet seine Beobachtung aus seiner bereits in jungen Jahren nicht unbeachtlichen Erfahrung. Daher möchte er ein Botschafter sein, für Europa, aber insbesondere auch für die Universität des Saarlandes, die – im Gegensatz natürlich zu großen Standorten wie Paris, London oder Madrid – in Südamerika nicht sonderlich bekannt ist. 

Marlon Gancino trägt seine Message daher mit Leidenschaft in die (südamerikanische) Welt, er vernetzt sich als Mitorganisator des Schweizerischen PharmaCamps mit Wissenschaftlern und Industrieforschern weltweit, hat bereits früh als Student in Südamerika soziales Unternehmertum in einem Umfeld unterstützt, das man hierzulande neudeutsch als „Start-up-Ökosystem“ bezeichnen würde. Neben all dem forscht er auch noch auf derart hohem Niveau, dass er es nicht nur geschafft hat, zum extrem schwer zugänglichen Studiengang „Nanomedicine for Drug Delivery“ an der Universität Paris Cité zugelassen zu werden. Seine Arbeit, die sich im Kern darum dreht, die Kommunikation zwischen krankheitserregenden Bakterien zu entschlüsseln, hat bereits zu zahlreichen Publikationen und Konferenzbeiträgen in aller Welt geführt, so dass es nur folgerichtig erscheint, dass er nun als Doktorand auch Stipendiat im Marie-Sklodowska-Curie-Doktorandenprogramm TALENTS in Pharmaceutical Sciences ist, in welches – man ahnt es – ebenfalls nur die Besten der Besten aufgenommen werden. 

All diese Leistungen sind natürlich vor allem sein Verdienst – aber nicht nur: „Eine große Bedeutung auf meinem Weg haben auch meine Mentoren, die ich auf meinem akademischen Weg bisher getroffen habe. Sie waren entscheidend für meine akademische, berufliche und persönliche Entwicklung und sie sind ein Kernstück meiner Motivation, andere Menschen anzuleiten“, so Marlon Gancino über seine Lehrer, die ihn mit Rat und Tat zur Seite standen und stehen.

 

„Mein Traum wäre es nicht, den Eine-Million-Dollar-Tropfen zu entwickeln, vielmehr würde ich gerne helfen, den Cent-Tropfen für eine Million Menschen zu entwickeln.“

Marlon Gancino, Pharmazie-Doktorand und DAAD-Preisträger

 

Nach der Promotion möchte er in der Pharmaindustrie dabei helfen, bessere Therapien zum Beispiel gegen Hämophilie zu entwickeln, die insbesondere ärmere Bevölkerungsgruppen trifft. „Bisherige Therapien sind nur mäßig wirksam, aber gleichzeitig sehr teuer. Viele können sie sich nicht leisten“, erklärt Marlon Gancino. „Mein Traum wäre es daher nicht, den Eine-Million-Dollar-Tropfen zu entwickeln, vielmehr würde ich gerne helfen, den Cent-Tropfen für eine Million Menschen zu entwickeln“, umreißt er seinen Traum.

Bei so vielen Ehren und so viel (positivem!) Ehrgeiz könnte man meinen, dass der „DAAD- Preis für hervorragende Leistungen internationaler Studierender“, mit dem Marlon Gancino nun ausgezeichnet wurde, mit seinen 1000 Euro Preisgeld eher eine Petitesse ist. Dem ist aber mitnichten so. Er freut sich sehr, dass seine vielfältige Arbeit auf und neben dem Campus mit dem DAAD-Preis eine schöne Anerkennung findet. Denn wichtig für ihn ist die Sichtbarkeit seiner Arbeit. Wäre seine Arbeit nicht sichtbar, würde er auch weniger Hilfreiches bewirken können für diejenigen, die zuhause in Südamerika sind und keine Ahnung haben vom wissenschaftlichen Kosmos in Europa, im Saarland. Je mehr darum wissen, desto mehr Leuten kann er helfen, neue, unbekannte Wege zu gehen. Desto mehr Leuten kann er ein Vorbild sein, im besten Sinne. 

Und eines dürfte ziemlich sicher sein: Marlon Gancinos Weg wird ihn noch auf viel unbekanntes Terrain führen. Und das ist gut so, denn so wird er noch vielen Menschen dabei helfen können, ihren Weg zu finden. 

 

12.01.2026
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