Mit dieser Frage beschäftigt sich das Käte Hamburger Kolleg CURE an der Universität des Saarlandes. Es wurde von Romanistik-Professor Markus Messling und Christiane Solte-Gresser, Professorin für allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, eingeworben und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung für zunächst vier Jahre mit rund neun Millionen Euro gefördert. Jedes Jahr erhalten zwölf Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler, sogenannte Fellows, sowie eine Künstlerin oder ein Künstler die Gelegenheit, in Saarbrücken zu forschen und zu leben. In einer Beilage der Wochenzeitung "Die Zeit" erschien der folgende Text.

Professorin Christiane Solte-Gresser und Professor Markus Messling leiten gemeinsam das Käte Hamburger Kolleg für kulturelle Praktiken der Reparation CURE.
Ein ausgelöschtes Leben ist unwiederbringlich, ein zerstörtes Ökosystem meist nicht mehr herstellbar. Kriege, Genozide, die Vernichtung von Kulturgütern und Sprachen, Erderhitzung und Artensterben – viele der Folgen solcher Zerstörungen sind irreparabel. Und dennoch müssen wir auf diese Verletzungen reagieren: Ein Zusammenleben in der Welt gelingt nur, wenn wir uns ihren Beschädigungen stellen.
Juristische Anerkennung und finanzielle Kompensationen sind wichtig. Sie benennen Verantwortlichkeit und schaffen materielle Grundlagen. Damit allein ist es aber nicht getan – denn wie lässt sich das bearbeiten, was nicht wiedergutzumachen ist?
Genau hier setzt das Käte Hamburger Kolleg für kulturelle Praktiken der Reparation (CURE) der Universität des Saarlandes an und untersucht diese Frage aus sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt widmen sich kreativen Formen der Auseinandersetzung mit historischer Schuld und globaler Verantwortung.
So analysieren die Fellows etwa die doppelte Rolle des Tanzes in Konzentrationslagern während der Shoah – als Instrument nationalsozialistischer Gewalt wie auch als Überlebensstrategie und Form von Widerstand. Sie nehmen die blinden Flecken moderner Karten in Bezug auf koloniale Gewaltgeschichte oder ökologische Schäden in den Blick und fragen, wie kartografische Gegendarstellungen eine Verbindung zwischen Wissen und Verantwortung schaffen. Oder sie erproben, wie die Anerkennung von Flüssen als Rechtssubjekte unser Denken über ökologische Gerechtigkeit und politische Mitbestimmung verändert.
Kulturelle Praktiken wie Erzählungen, Filme, Theater, Ausstellungen und Bürgerforen stehen im Mittelpunkt dieser Forschungen. Sie bringen individuelle und kollektive Erfahrungen zur Sprache und können widerstreitende Perspektiven zusammenführen. Dadurch verändern kulturelle Reparationsprozesse unsere Weltwahrnehmung, Selbstentwürfe und Lebensformen – und öffnen Räume für Möglichkeiten des Weiterlebens, ohne zu verharmlosen, zu verdrängen oder in Ressentiment und Vergeltung abzugleiten. Weiterleben mit irreparablen Zerstörungen heißt dann nicht, sie zu überwinden, sondern sie als Teil unserer Gegenwart zu begreifen und auf dieser Grundlage handlungsfähig zu bleiben.
Kontakt:
Käte Hamburger Kolleg für kulturelle Praktiken der Reparation (CURE) | Universität des Saarlandes
Neugrabenweg 4, 66123 Saarbrücken, Tel. +49 681 302 3372
kontakt@khk.uni-saarland.de | www.cure.uni-saarland.de