Die Biochemikerin Rita Bernhardt und die Genetikerin Julia Schulze-Hentrich haben in verschiedenen Publikationen gezeigt, dass Parkinson nicht nur genetische oder umweltbedingte Ursachen hat, wie bisher angenommen. Vielmehr ist die Erkrankung die Folge eines komplexen Zusammenspiels.

Julia Schulze-Hentrich erforscht, welche Faktoren beim Entstehen von neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson eine Rolle spielen. Foto: Oliver Dietze
Parkinson ist nach der Alzheimer-Demenz die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen sind allein in Deutschland etwa 400.000 Menschen betroffen. Als Ursache gilt das Absterben von Zellen einer bestimmten Gehirnregion, der Substantia nigra, die den Neurotransmitterstoff Dopamin synthetisiert. Fehlt Dopamin, kommt es zu motorischen Funktionsstörungen wie Zittern und Bewegungsverlangsamung sowie zu nicht-motorischen Symptomen wie Geruchsverlust oder Demenz.
Eine ursächliche Behandlung dieser Erkrankung ist bis heute nicht möglich. Daher wird intensiv nach Biomarkern und Risikofaktoren gesucht, um die Krankheitsursachen besser zu verstehen und gezieltere Therapien zu entwickeln. Zwei unabhängige Risikofaktoren wurden in den vergangenen Jahren beschrieben: Änderungen in bestimmten Genen, die oft mit familiär gehäuft auftretendem Parkinson verbunden sind, sowie Umweltschadstoffe, die das Gehirn direkt schädigen.
Dass Parkinson jedoch weitaus komplexere Ursachen hat, zeigt der multidimensionale Ansatz, den die Saarbrücker Professorinnen Rita Bernhardt und Julia Schulze-Hentrich im Rahmen verschiedener Forschungsarbeiten in den letzten Jahren entwickelt haben. Gefördert wurden diese Arbeiten unter anderem durch die Dr. Rolf M. Schwiete Stiftung in Mannheim.
Die Ergebnisse dieses multidimensionalen Ansatzes erklären die vielfältigen Ausprägungen der Krankheit und eröffnen neue Möglichkeiten für eine personalisierte Therapie.
Insbesondere haben die Wissenschaftlerinnen die Rolle bestimmter Enzyme untersucht, die an vielen verschiedenen Stoffwechselwegen im menschlichen Organismus beteiligt sind. Dabei konnten sie zeigten, dass – zusätzlich zu den bisher diskutierten genetischen Ursachen und Umweltfaktoren – Veränderungen in den Cytochrom P450-Genen eine entscheidende Rolle spielen; diese Gene kodieren Enzyme, die an einer Vielzahl von Stoffwechselwegen im menschlichen Organismus beteiligt sind, beispielsweise an der Umwandlung und dem Abbau von Umweltgiften und Arzneimitteln im Körper. Darüber hinaus steuern sie den Stoffwechsel von Fettsäuren, von Entzündungshemmern sowie von Vitamin A und D und sind für den Cholesterin-Abbau im Gehirn zuständig.
Ihr Fazit: Letztendlich führt das komplexe Zusammenspiel zwischen Störungen in Genen und den entsprechenden Proteinen, die verschiedene Stoffwechselwege katalysieren, zusammen mit umweltbedingten Effekten und genetischen sowie epigenetischen Faktoren zur Entstehung und zum Fortschreiten der Erkrankung. „Bei der Entstehung von Parkinson handelt es sich um komplexe Wechselwirkungen zwischen genetischer Veranlagung, Entzündungen, Umweltfaktoren und Alterungsprozessen“, resümiert Julia Schulze-Hentrich.
Ihre Kollegin Rita Bernhardt, die die Forschungen zur Rolle von Cytochromen P450 bei der Entstehung von Parkinson 2020 angestoßen hat, freut sich insbesondere über perspektivisch bessere Therapiemöglichkeiten für Betroffene: „Die Ergebnisse dieses multidimensionalen Ansatzes erklären die vielfältigen Ausprägungen der Krankheit und eröffnen neue Möglichkeiten für eine personalisierte – also an den jeweiligen Patienten angepasste – Therapie. Allerdings werden dafür noch weitere Forschungen erforderlich sein.“