Vor sechs Jahrzehnten trafen sich auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil in Rom die Bischöfe und Kardinäle der Katholischen Kirche, um die Institution den Veränderungen der Welt anzupassen und eine Neuorientierung einzuleiten. Mehr als 150 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen seit 2016, was dieses Konzil auf allen Kontinenten bis in die heutige Zeit bewirkt hat – und was nicht. Zu dem internationalen Forschungsteam zählt auch Urszula Pękala. Seit Oktober 2025 ist sie Professorin für Kirchen- und Theologiegeschichte an der Universität des Saarlandes.

Urszula Pękala und ihr belgischer Forscherkollege Dries Bosschaert überreichen dem Papst ein Exemplar des Bandes „Das Zweite Vatikanische Konzil in Europa“. Foto: Vatican Media
Es war ein besonderer Moment für Urszula Pękala und ihre Forscherkolleginnen und -kollegen aus aller Welt: 60 Jahre nach Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils überreichten sie Papst Leo XIV. in Rom die bislang erschienenen Bände eines Kommentars zu diesem Ereignis. Seit einem Jahrzehnt erforschen internationale Expertinnen und Experten für Geschichte, Kirchengeschichte und Theologie diese bislang letzte Versammlung der Weltkirche.
„Das Zweite Vatikanische Konzil war das einschneidendste Ereignis in der neuesten Geschichte der Katholischen Kirche. Es hat weitgehende Reformen angestoßen und griff dabei auch bereits bestehende Initiativen auf“, erklärt Urszula Pękala. Die in Polen geborene Theologin lehrt und forscht bereits seit 2022 auf dem Saarbrücker Campus und vertrat hier vor ihrer Ernennung eine Professur. Das Konzil dauerte von 1962 bis 1965. „Nach der Erfahrung von zwei Weltkriegen, in Zeiten des Kalten Krieges und des Zerfalls von Kolonialimperien sollte die Kirche zur Dialogpartnerin werden für die moderne Welt – für Anliegen, die alle Menschen unabhängig von der Weltanschauung betreffen: Menschenwürde, Religionsfreiheit, Frieden, politische, gesellschaftliche und soziale Umbrüche“, erläutert die Kirchenhistorikerin.

Herausgeberinnen und Herausgeber des Projekts zum Zweiten Vatikanischen Konzil und seinen Folgen für die Weltkirche trafen den Papst in Rom und überreichten ihm die bislang erschienenen Bände des Kommentars. Foto: Vatican Media
Für die Gläubigen unmittelbar spürbares Ergebnis des Konzils war zum Beispiel die Liturgiereform: Priester durften die Messe von da an in ihrer Landessprache abhalten, statt wie zuvor auf Latein mit dem Rücken zur Kirchengemeinde. Laien konnten sich stärker am Kirchenleben beteiligen. Die Religionsfreiheit wurde anerkannt, ebenso andere religiöse Gemeinschaften. „Der offene ökumenische und interreligiöse Dialog wurden eingeleitet und gefördert, insbesondere auch das christlich-jüdische Verhältnis“, sagt Urszula Pękala.
Seit 2016 gehen Forscherinnen und Forscher der Bedeutung des Konzils für die Weltkirche auf den Grund und beleuchten seine Vorgeschichte und Auswirkungen in der Folgezeit aus der Perspektive verschiedener Disziplinen. Sie erarbeiten einen zwölfbändigen weltkirchlich-theologischen Kommentar zum Zweiten Vatikanum, wie das Konzil auch genannt wird. Der Anstoß des Projekts kam aus der Wissenschaft, die Förderer der Forschung sind vielfältig, darunter die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Bis 2027 sollen alle Bände erschienen sein.
„Es gibt nicht die eine Konzil-Rezeption, also nicht den einen Prozess, wie die Beschlüsse nach Ende des Konzils aufgenommen, interpretiert und umgesetzt wurden. Die Konzil-Forschung ist vielmehr ein riesiges, vielfältiges Feld. Deshalb betrachten wir im weltumspannenden Projekt das Konzil und seine Wirkungen auf allen Kontinenten“, sagt Pękala. Die Theologin ist Mitglied im 15-köpfigen wissenschaftlichen Herausgebergremium des Gesamtkommentars. Außerdem zeichnet sie mitverantwortlich für den Band über den Kontinent Europa. „Die Arbeit an diesem Großprojekt ist ein Austausch über die Grenzen hinweg“, sagt Pękala. Fünf Kontinentalgruppen sind beteiligt: Afrika, Asien, Europa, Lateinamerika mit Karibik sowie Nordamerika mit Ozeanien Zusätzlich erforschen 16 Kommentargruppen, die Rezeption der einzelnen Konzilsdokumente.
"Die weltumspannende Zusammenarbeit ist Neuland in der Theologie. Es ist ein dynamischer Austausch mit Diskursen aus den Perspektiven verschiedenster Kulturen."
„Die weltumspannende Zusammenarbeit ist Neuland in der Theologie. Es ist ein dynamischer Austausch mit Diskursen aus den Perspektiven verschiedenster Kulturen“, schildert die Theologin, die sich mit dem internationalen Katholizismus befasst. Gemeinsam mit Professor Dries Bosschaert von der Katholischen Universität Leuven hat sie jüngst den Band „Das Zweite Vatikanische Konzil in Europa“ des interkontinentalen Kommentars herausgegeben, den beide jetzt dem Papst überreichten. „Der Band beleuchtet die Vorgeschichte des Konzils, seine Auswirkungen in verschiedenen Regionen Europas bis hin zur Aufnahme der einzelnen 16 Konzilsdokumente. Die Konzilsrezeption ist dabei im politischen, kulturellen und sozioökonomischen Kontext Europas eingebettet“, erläutert Pękala, deren Forschungsschwerpunkt auf der Verflechtung von Religion und Politik vor dem Hintergrund kultureller Wandlungsprozesse in Europa seit der Neuzeit, vor allem im 20. Jahrhundert, liegt.
Die Neuerungen des Konzils und die Öffnung der Kirche zum Dialog waren in Europa damals – teils sogar bis heute – alles andere als unumstritten. „Die Ergebnisse des Konzils wurden gespalten aufgenommen. Sie lösten bei vielen Zustimmung und sogar Begeisterung aus, bei anderen aber auch tiefe Ablehnung. Sie polarisieren in Reformorientierte und Traditionalisten“, sagt die Theologin. Vor allem auch die Ökumene und der Dialog mit anderen Religionen wurden von konservativen Kreisen abgelehnt: die katholische Identität werde verwässert, der Missionsauftrag der Kirche verraten. „Man stand teils auch dem Auftrag zur Öffnung der Kirche als Dialogpartnerin für die Welt skeptisch gegenüber“, sagt Pękala. Es habe Ängste gegeben, Privilegien, die Position der eigenen katholischen Identität, zu verlieren. Selbst Neuerungen, die nach dem Konzil schnell umgesetzt wurden, seien umstritten. „So etwa die Liturgiereform. Es gab und gibt bis heute Gegner, die an der alten Liturgie auf Latein festhalten wollten“, sagt Pękala.
Überhaupt sei eine einheitliche Betrachtung ganz Europas nicht möglich. „Bei der Konzil-Forschung kann Europa nicht als Einheit gedacht werden. Es liegt ein großes Ungleichgewicht auf Westeuropa. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges folgte man eher Stereotypen und Klischees, der notwendige Diskurs blieb aus. Mit der Folge, dass Osteuropa immer noch zu wenig Berücksichtigung findet. Die Westfokussierung ist sehr groß“, sagt Pekala, die auf dem Saarbrücker Campus die Geschichte der Kirche in ihren europäischen Bezügen zwischen Ost und West erforscht und lehrt.
Manche Teile des Konzils seien bis heute nicht umgesetzt, etwa im Hinblick auf das Verständnis des Bischofsamtes, das nach dem Ergebnis des Konzils mit mehr Verantwortung für die einzelnen Bischöfe ausgestattet sein sollte. Auch habe die Kirche in der Folge gegen Antijudaismus, Antisemitismus und Judenhass zu wenig getan. „Das Konzil hatte das gemeinsame religiöse Erbe betont, den Antisemitismus verurteilt, sich vom Antijudaismus distanziert und damit theologisch die Grundlage für einen christlich-jüdischen Dialog gelegt“, sagt die Theologin, deren besonderes Forschungsinteresse auch den von den christlichen Kirchen mitgetragenen Versöhnungsprozessen seit dem Zweiten Weltkrieg gilt.
Der Europa-Band liegt vor, aber Urszula Pękalas Arbeit im Großprojekt zum Zweiten Vatikanischen Konzil geht weiter: im wissenschaftlichen Redaktionsteam für den Gesamtkommentar. „Die ersten sechs Bände sind fertig, weitere sechs werden folgen. Band Zwölf wird mit einer Zusammenfassung der neuen Forschungsergebnisse die Reihe abschließen“, sagt Urszula Pękala, die ihr Fach sowohl über die Grenzen von Fächern als auch von Ländern und Kontinenten hinaus vernetzen und Theologie global betrachten will.