Informatiker Marvin Wyrich forscht am Lehrstuhl für Software Engineering bei Professor Sven Apel. Im April wurde er auf einer internationalen Konferenz in Rio de Janeiro mit einem renommierten Preis für Nachwuchsforscher ausgezeichnet. Wir haben ihn gefragt, für welche Thematik er diese Auszeichnung erhalten hat.
Was ist der Schwerpunkt Ihrer Forschung?
Entwickler und Entwicklerinnen müssen täglich Programmcode verstehen, den sie nicht selbst geschrieben haben. Das ist unumgänglich, wenn Software im Team entwickelt wird. Seit Neuestem wird zudem viel Programmcode von KI generiert, und da sollten wir besonders genau hinschauen, ob der Code das macht, was er soll. Eine ganze Gemeinschaft von Forschenden möchte hierbei unterstützen und das alltägliche Programmverstehen möglichst erleichtern, beispielsweise durch die Entwicklung spezieller Werkzeuge oder durch Wissen darüber, wie man leicht verständlichen Code schreibt. Ich wollte herausfinden, wie gut das funktioniert.
Wie misst man denn, wie gut ein Entwickler Programmcode versteht?
Mit dieser Frage habe ich mich in den vergangenen Jahren intensiv beschäftigt und nach Antworten gesucht. Nachdem ich mir die gesamte Forschung der vergangenen 40 Jahre auf dem Gebiet einmal systematisch angeschaut hatte, war klar: Jeder macht es ein bisschen anders. Beispielsweise müssen Probanden in manchen wissenschaftlichen Studien Fragen zum gezeigten Code beantworten, dann wird die Korrektheit der Antworten ausgewertet. In anderen Studien sollen Probanden einen Fehler im gezeigten Code finden, dabei wird die dafür benötigte Zeit gemessen. In wieder anderen Studien werden Probanden schlicht gefragt, wie gut sie den Code verstanden haben.
"Ich hatte das Gefühl, dass ein ganzes Forschungsfeld auf einem recht wackligen Fundament steht."
Das sorgte vermutlich für reichlich Diskussionen. Warum hat es die Forschungsgemeinschaft nicht geschafft, ihre Methodik vergleichbar zu machen?
Mir wurde klar, dass es an Standards fehlte, und ich hatte das Gefühl, dass ein ganzes Forschungsfeld auf einem recht wackligen Fundament steht. Den Finger in diese Wunde zu legen, war jedoch wichtig, um mit unserer Forschung in Zukunft einen wirklichen Einfluss haben zu können. Also legte ich los und entwickelte ein entsprechendes Rahmenwerk, das Forscherinnen und Forscher bei der Messung von Codeverständnis helfen sollte.
Wurde dieses Rahmenwerk mit dem internationalen Forschungspreis prämiert?
Ja, für diese mehrjährige Arbeit und mein sonstiges Engagement in der Forschungsgemeinschaft erhielt ich den ICPC Vaclav Rajlich Early Career Achievement Award. Die Begründung der Jury lautete: "For advancing methodological rigor and evidence synthesis in program comprehension research, and for sustained service and leadership in strengthening community impact". Das Akronym ICPC steht dabei für die „International Conference on Program Comprehension“, die Top-Konferenz auf dem Gebiet des Programmverstehens, die dieses Jahr zum 34. Mal stattfand. Vaclav Rajlich ist der Gründervater der Konferenz, zu dessen Ehren der Award jetzt erst zum dritten Mal an einen Wissenschaftler in einem frühen Karrierestadium vergeben wurde.
Grundlegende Publikation von 2023:
Marvin Wyrich, Justus Bogner, and Stefan Wagner. 2023. 40 Years of Designing Code Comprehension Experiments: A Systematic Mapping Study. ACM Comput. Surv. 56, 4, Article 106 (April 2024), 42 pages. https://doi.org/10.1145/3626522