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Geschichte

Wie ein Vulkanausbruch die Welt veränderte

1816 steht das Klima Kopf. Weltweit kommt es zu Missernten, Hungersnöten, Seuchen, Massenauswanderungen, zu politischen und sozialen Krisen. Der Historiker und Experte für die Kulturgeschichte des Klimas Wolfgang Behringer hat erforscht, wie der Vulkanausbruch des Tambora 1815 im heutigen Indonesien den Lauf der Geschichte beeinflusst hat.
Von Claudia Ehrlich • 17.11.2015

Anfang April 1815 wird auf der Insel Sumbawa im heutigen Indonesien der Kurs der Weltgeschichte jäh geändert: Der Vulkan Tambora bricht mit einer Gewalt aus, die heute mit der Sprengkraft von 170.000 Hiroshima-Bomben verglichen wird. Über Tage zieht sich der Ausbruch hin, bis der zuvor etwa 4.300 Meter hohe Berg sich am 10. April in einer Explosion apokalyptischen Ausmaßes fast halbiert. Unmengen von Asche und Aerosol schleudert der Vulkan in die Atmosphäre und verdunkelt so die Sonne. Die Katastrophe betraf nicht nur diesen Teil der Erde. „Rund um den Globus war der Ausbruch ein einschneidendes Ereignis, das die Welt in politische und soziale Krisen stürzte. Die folgenden Jahre waren ein weltweiter Stresstest“, sagt Professor Wolfgang Behringer. Ein Buch über seine Forschung ist soeben erschienen: „Tambora und das Jahr ohne Sommer: Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte“.

Wie in einem Laborexperiment hat der Klimahistoriker die Weltgeschichte der Folgezeit auf ihre Verbindung zum Tambora-Ausbruch hin untersucht. „Der Ausbruch ist ein unkalkulierbarer, von vorherigen kulturellen oder sozialen Entwicklungen völlig unabhängiger Faktor, mit dem die Gesellschaft umgehen musste und vor dem wir heute genauso unvorbereitet stünden wie die Menschen damals – möglicherweise gar mit noch dramatischeren Folgen“, sagt Behringer.

Im Jahr 1815 selbst zeigen sich die Auswirkungen noch wenig. „Ende 1815 waren alle Kriege beendet, der russisch-türkische, der englisch-amerikanische ebenso wie auch die die napoleonischen. Noch in den Neujahrsansprachen des Jahreswechsels 1815/16 wurde euphorisch ein goldenes Zeitalter gefeiert, das jetzt kommen sollte“, erklärt Behringer. Was folgte, waren extreme Klimaänderungen, deren Ursache damals niemand kannte. In Asien gab es sintflutartige Regenfälle mit gewaltigen Überschwemmungen. In Westeuropa und Nordamerika gab es keinen Sommer, mancherorts schneite es im Juli. Andernorts herrschte Dürre. Der Winter brachte extreme Kälte. „Es kam zu Missernten, zu Teuerung und zu Massenarbeitslosigkeit. In Indien trat erstmals die Cholera auf, die sich ab 1817 in rasender Geschwindigkeit weltweit ausbreitete“, sagt er. In Europa litten viele an der Mangelkrankheit Pellagra, die Tuberkulose grassierte.

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Vor einer solchen Klimakatastrophe stünden wir heute genauso unvorbereitet wie die Menschen damals.

Die Not führte zu einer Auswanderungswelle ungekannten Ausmaßes: Hunderttausende strömten nach Nordamerika. Aber auch hier gab es Missernten, auch hier war alles in Bewegung: hin zu neuem Land im Westen. „In jedem der Krisenjahre wird in den USA ein Bundesstaat gegründet und die Auseinandersetzungen mit Indianern nehmen zu.“ Zweites großes Ziel der Auswanderer war Russland. „Den Siedlern wurde dort Startkapital, kostenloses Siedlungsland, medizinische Versorgung, Glaubensfreiheit, Selbstverwaltung und Steuerfreiheit für 20 Jahre zugesichert“, so Behringer. Hier änderte sich das Klima zum Besseren, was Russland zum Getreidelieferanten Europas machte.

Niedergang und Aufstieg von Kulturen als Folge der Klimakatastrophe

Wo das Klima sich zum Schlechteren änderte, verschärften sich Konflikte wie unter einem Brennglas. In Europa kam es zu Rebellionen aller Art, politischen Unruhen, Tumulten, Massendemonstrationen wie in England. „Eine Reihe von Attentaten wurde verübt, wie auf August von Kotzebue. Neu waren auch Selbstmordattentate. Es bildeten sich Untergrundstrukturen von Terrorzellen“, sagt Behringer. In der Hungerkrise wurden Schuldige gesucht. In Deutschland machte man die Juden verantwortlich, denen gerade von Napoleon Gleichstellungsrechte gegeben worden waren. „Es gab Pogrome, viele Synagogen brannten. Ein Antisemitismus neuer Prägung entsteht, der nicht Bekehrung zum Christentum, sondern Vernichtung zum Ziel hat“, erklärt er. In Südafrika wurden Hexen verfolgt.

China, das Jahrtausende in sich geruht hatte, wurde von Geheimgesellschaften unterwandert, zerfiel gesellschaftlich. „Auch Indien schaffte nicht, sich zu alter Größe zurückzuentwickeln“, sagt Behringer, der für seine Forschung Zeitschriften wie die Annalen der Physik, Kolonialzeitungen und zeitgenössische Dokumente auswertete. Demgegenüber steht der Aufstieg Europas, Russlands und der USA. In Nordamerika und Europa brachte der Leidensdruck Positives hervor. Durch Begradigung der Flüsse versuchte man, die Natur zu zähmen. Straßen wurden gebaut, die Verkehrsrevolution nahm ihren Anfang. Dadurch kamen große Beschäftigungsprojekte in Gang, Sozialreformen wurden umgesetzt, die Hilfe zur Selbsthilfe kam auf. Das große Sicherheitsbedürfnis führte zur Gründung der Sparkassen und Versicherungen, die es bald überall in Europa gab.

Buchcover: C.H.Beck

Wolfgang Behringer: „Tambora und das Jahr ohne Sommer: Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte“, C.H. Beck, 398 Seiten. ISBN 978 - 3 - 406 - 67615 - 4

Die Fritz Thyssen Stiftung, die VG Wort, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und das Auswärtige Amt zeichneten Behringers Buch „Tambora und das Jahr ohne Sommer“ im Oktober 2016 mit dem Preis „Geisteswissenschaften International“ aus. Mit diesem Preis wird die Übersetzung hervorragender deutschsprachiger geistes- und sozialwissenschaftlicher Werke ins Englische gefördert und die Kosten hierfür übernommen. Ziel der Auszeichnung ist die stärkere internationale Verbreitung deutscher Forschungsergebnisse in den Sozial- und Geisteswissenschaften und die globale Vernetzung deutscher Wissenschaft.

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