Jörg Pütz; Foto Dahlem: privat

In der Werkstatt an der Landessportschule neben dem Unicampus werden die Flugzeuge der Akaflieg gewartet.

Flugsportgruppe

Wenn Studenten zum Entspannen in die Luft gehen

Die Akaflieg besteht seit nunmehr 65 Jahren. Dort lernen Studenten, aber auch ältere Zeitgenossen und Schüler die Segelfliegerei. Sie gewinnen dabei auch Eindrücke abseits des Fliegens, die ihnen nur wenige andere Sportarten bieten können.
Von Thorsten Mohr • 16.06.2016

Früher war alles besser. Was in den meisten Fällen eine überflüssige Floskel ist, dürfte im Fall der Akaflieg Saarbrücken aber tatsächlich stimmen. Wenn ihr heutiger Vorsitzender Volker Erndt vom „Helmut“ spricht, wird schnell klar, dass er nicht übertreibt. Akaflieg-Mitglied Helmut Reichmann war in den 1970er Jahren dreifacher Segelflug-Weltmeister und eine der wichtigsten Figuren in der frühen Geschichte der Akademischen Flugsportgruppe im Saarland. Bis zu seinem Tod 1992 spielte er eine herausragende Rolle für den Verein, der seit seiner Gründung 1951 hunderte junger Menschen für den Flugsport begeisterte.

Unter diesen jungen Menschen war damals auch Volker Erndt. Als Lehramtsstudent kam der heute 72-Jährige 1967 zum Segelflugsport. Bis heute ist er der heutigen Akaflieg, die aus der Akademischen Flugsportgruppe hervorgegangen ist, treu geblieben, nun als Vereinsvorsitzender. In dieser Funktion teilt er das Leid vieler Vereins-Ehrenamtlichen: Der Nachwuchs bleibt aus. Zwar kooperiert die Akaflieg mit der Saarbrücker Marienschule, und natürlich sind noch immer Studentinnen und Studenten mit an Bord der stillen Gleiter. „Aber die Segelfliegerei ist sehr zeitaufwändig, und man kann sie natürlich nie ganz alleine betreiben“, erklärt er. „Bei den Studenten scheitert es oft an der Zeit und letztlich auch an den Finanzen, im Gegensatz zu früher ist es heute teurer geworden“, stellt er fest.

Dabei versucht der Verein, die Beiträge so günstig wie möglich zu halten. Rund 250 Euro pro Jahr kostet die Mitgliedschaft für Studenten, dazu kommen einmalig 150 Euro Aufnahmegebühr. Das ist für Studenten recht viel Geld, aber günstiger geht es kaum, zumal berufstätige Mitglieder deutlich mehr bezahlen. „Unsere Fluglehrer arbeiten alle ehrenamtlich. Auch am Wochenende sind sie in Marpingen am Flugplatz, falls jemand fliegen will“, erklärt Volker Erndt. Trotzdem begeistern sich derzeit gerade einmal fünf Studenten für die Akaflieg.

 

Wer schon einmal in einem Segelflugzeug mitgeflogen ist, erkennt sofort das Gefühl der Freiheit.

Philipp Dahlem, Student

 

Einer davon ist Philipp Dahlem, der als Segelflug-Referent im Verein aktiv ist. Ob Segelfliegerei für Studenten teuer ist, kommt auf den Blickwinkel an, findet er: „Im Vergleich zu einigen Sportarten ist Segelfliegen nicht teuer. Die Ausbildung ist mit der teuerste Teil. Vergleicht man die monatlichen Kosten mit dem eines Tennisspielers mit Einzel- und Gruppenunterricht, kommt man mit dem Segelfliegen aber fast schon günstiger davon“, stellt der 20-Jährige fest. Weitere Mitglieder stellen derzeit vor allem ältere Semester über 50 Jahre und – dank einer Kooperation mit der Saarbrücker Marienschule – Schüler. Auf diese Weise hat auch Philipp Dahlem zum Flugsport gefunden und ist begeistert von den stillen Stunden in der Luft: „Wer schon einmal in einem Segelflugzeug mitgeflogen ist, erkennt sofort das Gefühl der Freiheit. Im Einklang mit der Natur fast schon geräuschlos durch die Luft zu gleiten und dabei noch sehr viel von der Umgebung mitnehmen, das ist denke ich eine gute Beschreibung von dem, was man auf einem Flug erlebt“, schwärmt der BWL-Student. Aber auch bei den Wettkämpfen, bei denen es „heiß her geht“, ist der junge Flieger in seinem Element. Dann ist es zwar mit der beschaulichen Ruhe im Flugzeug vorbei, aber ein Rennen in der Luft hat natürlich seinen eigenen Reiz.

 

Volker Erndt erklärt den jungen Segelfliegern die Grundlagen des Flugsports. Der Vereinsvorsitzende ist seit 1967 mit an Bord der Akaflieg.

 

Dabei hat der Flugsport auch abseits der Fliegerei viel zu bieten. „Wir sind alle aufeinander angewiesen. Wir räumen die Halle gemeinsam auf, wir bringen die Flugzeuge gemeinsam zum Start nach Marpingen. Man braucht immer mindestens vier Leute, um in die Luft zu kommen“, erklärt Volker Erndt. Dabei tragen auch die Studenten und die derzeit 15 Flugschüler von Beginn an eine Menge Verantwortung. „Wir lernen, uns aufeinander zu verlassen, da wir die Flugzeuge selbst warten. Können wir uns nicht aufeinander verlassen, wird es schnell lebensgefährlich“, sagt der erfahrene Segelflieger. Die Verantwortung, die die Mitglieder füreinander übernehmen, ist bei der Akaflieg ungleich höher als in anderen Sportvereinen. Gerade deshalb versucht Volker Erndt, die Ausbildung von Segelflug-Schülern so lange wie möglich aufrecht zu erhalten: Nicht nur, um seine Leidenschaft weiterzugeben, sondern auch, um jungen Menschen Werte des Miteinanders zu vermitteln, die sie in dieser Form ansonsten vermutlich nie kennenlernen könnten. Das schätzt auch Philipp Dahlem: „Mir gefällt, neben dem Fliegen an sich, vor allem die Gemeinschaft. Dieser Sport lebt auch vom Erfahrungsaustausch zwischen Anfängern und alten Hasen.“

65 Jahre alt ist die Akaflieg in diesem Frühjahr geworden. Es wäre schade, wenn die Floskel „Früher war alles besser“ tatsächlich wahr würde. Viel schöner wäre doch: „Aber später wurde es am besten.“

 

Weitere Infos unter www.akaflieg-sb.de

Quellennachweis
  • Bilder
    Jörg Pütz; Foto Dahlem: privat