Haoran Wu

Ein hoch-konzentrierter Chor bei der Aufführung von „The Armed Man“.

Musik an der Uni

Unichor: Gänsehaut und Spaß beim Singen

Etwa hundert Chorsänger standen im Juli bei den Konzerten des großen Unichors auf der Bühne. Die beiden Aufführungen des Antikriegs-Oratoriums „The Armed Man“ von Karl Jenkins fanden im fast vollbesetzten Audimax statt. Im Wintersemester beginnen die Proben zu Haydns „Jahreszeiten“. Mitsingen darf im Prinzip jeder.
Von Gerhild Sieber • 18.10.2017

Im Audimax ist es dunkel. Warmes Scheinwerferlicht erhellt nur die Bühne mit den Musikern. Der Schlagzeuger lässt ein leises Trommeln ertönen, dann nähern sich stampfende Schritte vom Eingang des Saales her. Schwarz gekleidet und ernst marschieren kurz darauf etwa hundert Chorsängerinnen und -sänger im Gleichschritt durch Seiten- und Mittelgänge an den fast vollen Zuschauerreihen vorbei auf die Bühne. Die helle Melodie einer Flöte erklingt, und der Chor stimmt das Lied „The armed Man“ – „L’homme armé“ an, ein französisches Chanson aus dem 15. Jahrhundert. Es hat dem Chorwerk des britischen Komponisten Karl Jenkins seinen Namen gegeben. Das Stück mit dem Untertitel „Friedensmesse“ wurde im Jahr 2000 in London uraufgeführt. „Jenkins zeigt mit musikalischen Mitteln Kriegstreiberei, die schon im Mittelalter mit einem altfranzösischen Chanson verherrlicht wurde“, sagt Helmut Freitag, Musikdirektor der Universität des Saarlandes. Er hat das Antikriegsstück mit dem Unichor einstudiert, um „einen aufhellenden Gegenpol zu den zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen auf der Welt und in den Köpfen der Menschen zu setzen.“

Nach der volkstümlichen Melodie des Eingangsliedes erfüllt der melodiöse Gebetsruf eines Muezzins den Saal, anschließend sind Texte aus England, Indien und Japan zu hören. „Das Werk beschreibt die verheerende Wirkung des Krieges – und will den Weg öffnen zu einer Wandlung“, erläutert Professor Freitag. Auf Melodien und Texte, die Kampf, Grauen und Tod schildern, folgen schließlich ein sanftes „Agnus Dei“ und – begleitet vom tröstlichen Klang eines Violoncellos und einer Flöte – ein „Benedictus“. All das singt der Chor hoch-konzentriert und eindringlich, unterstrichen von den klaren Stimmen einzelner Solisten aus dem Chor. Verstärkt wird die Wirkung durch die Projektion von Kriegsszenen im Hintergrund der Bühne.

„Um möglichst viele Menschen mitsingen und diese Botschaft der Umkehr erleben und weitergeben zu lassen, habe ich für dieses Projekt den Zugang zum Unichor geöffnet“, berichtet der Chorleiter. Alle sängerisch Engagierten waren aufgerufen mitzusingen; gefolgt sind dieser  Einladung insbesondere Mitglieder aus dem Chor des St. Ingberter Leibniz-Gymnasiums. Mehr als zwei Monate lang haben alle intensiv geprobt. Gegen Ende der Probenarbeit kamen die Musiker dazu: eine Rhythmusgruppe, solistische Trompeten, Cello und Flöte.

Die gemeinsame musikalische Arbeit an großen Werken ist eine ungeheure Bereicherung für alle Teilnehmer

Chorleiter Helmut Freitag

Der große Chor der Universität existiert seit 1953, damit ist er das älteste Musikensemble auf dem Campus. Daneben hat die Uni zwei weitere Chöre sowie zwei Orchester. Helmut Freitag leitet den Unichor seit 2002. Wer neu aufgenommen werden will, muss ein kleines Vorsingen bei ihm absolvieren. Notenkenntnisse sind kein Muss – „aber auch nicht von Nachteil“, sagt Freitag. Auf dem Probenplan stehen klassische Oratorien für Chor und Orchester sowie anspruchsvolle A-Capella-Werke. Rund 60 Sängerinnen und Sänger kommen jeden Montagabend zur Probe in den Musiksaal. Die meisten sind Studenten, aber auch Mitarbeiter und Auswärtige sind mit dabei. „Die gemeinsame musikalische Arbeit an großen Werken ist eine ungeheure Bereicherung für alle Teilnehmer“, ist der Chorleiter überzeugt. „Gemeinsames Musizieren gehört meiner Ansicht nach zur Menschenbildung, darüber hinaus profitieren alle vom sozialen Austausch, insbesondere auch bei unseren Chorfahrten.“ Das sagt auch die Studentin Anna Heib, die seit ihrem ersten Semester im Sopran mitsingt: „Das Singen gibt ein tolles Gemeinschaftsgefühl; man kann hier gemeinsam Spaß haben und richtig loslassen – und man trifft Menschen, denen man sonst nie begegnet wäre“, erzählt sie. Für Michael Ring, Studienkoordinator im Fach Pharmazie, ist der Chor seit sieben Jahren ein idealer Ausgleich zum Berufsalltag: „Nach Abschluss meiner Doktorarbeit hatte ich plötzlich wieder Freizeit – und da bot sich das Mitsingen im Chor an.“

Manchmal, wenn die Klänge stimmen, bekomme ich Gänsehaut, und ich liebe das Gefühl.

Chorsänger Haoran Wu

So international wie die Universität ist auch der Chor zusammengesetzt, sagt Helmut Freitag. Seit fünf Jahren mit dabei ist Haoran Wu aus China, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Zerstörungsfreie Prüfung und Qualitätssicherung. „Im Chor zu singen bedeutet, mit den anderen zusammenzuarbeiten. Manchmal, wenn die Klänge stimmen, bekomme ich Gänsehaut, und ich liebe das Gefühl“, erzählt der 29-Jährige. „Anders als in China singen wir hier viel Kirchenmusik. Ich bin nicht religiös, die Musik, die Melodie ist der Grund, warum ich hier singe. Ich liebe klassische Musik und mag die heiligen Stimmen des Chors. Wenn es um Frieden oder die Natur geht, gefällt’s mir noch besser. Gleichzeitig finde ich aber auch Rock-, Pop- und Metal-Musik toll.“

Das Gemeinschaftserlebnis wird auch durch die Chorfahrten gestärkt. Nach den Aufführungen des Jenkins-Oratoriums im Juli sind knapp 50 Sängerinnen und Sänger nach Berlin gereist. In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche haben sie geistliche A-Capella-Musik zum Gedenken an die Opfer des Terroranschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt gesungen. „Die Berliner fanden es sehr berührend, dass sich ein auswärtiger Chor des Themas angenommen hat“, sagt Helmut Freitag. Häufig fährt der Chor auch ins nahe gelegene Frankreich. „Wir pflegen künstlerische Beziehungen zum Institut Gouvy in Hombourg-Haut, wo wir regelmäßig Aufführungen haben“, sagt der Chorleiter – und weist auf ein weiteres Angebot hin: „Wandern und Singen vor Semesterbeginn“ heißt die mehrtägige Reise, die eine kleine Gruppe wanderlustiger Chormitglieder jedes Jahr im Herbst auf eine Berghütte ins Berner Oberland führt.

Das sind die nächsten Projekte des Unichors:

Ab dem Wintersemester will Helmut Freitag ein neues großes Werk einstudieren: Das Oratorium „Die Jahreszeiten“ von Haydn soll im Juli 2018 im Rahmen dreier Konzerte aufgeführt werden. Am 6. Dezember 2017 findet außerdem ein Benefiz-Konzert für die Stiftung „Rückhalt“ e.V. in der Saarbrücker Christkönigkirche statt: Hier präsentiert der Chor unter anderem das „Halleluja“ von Händel, darüber hinaus stehen Stücke für Orchester sowie Orgelmusik auf dem Programm.

Der Unichor steht allen Interessierten offen. Für Sängerinnen im Sopran gibt es allerdings eine Altersgrenze von 50 Jahren. Neue Anwärter müssen zu Semesterbeginn vorsingen. Die Proben finden montags von 19.00 bis 21.30 Uhr im Musiksaal statt (Gebäude C5 1).

Über neue motivierte Mitglieder freut sich auch das Universitätsorchester. Es wird geleitet von der jungen Violinistin und Dirigentin Julia Neumann. 2015 hat das Orchester zum zweiten Mal den ersten Preis der saarländischen Landesausscheidung des Deutschen Orchesterwettbewerbs gewonnen.

Unterstützt werden die musikalischen Gruppen der Universität vom Verein „Musica Continua – Freunde und Förderer der Unimusik e.V.“

Weitere Infos: www.unimusik-saarland.de/

Quellennachweis
  • Bilder
    Haoran Wu

    Fotos: Haoran Wu