Gerhild Sieber
Portugal

Teresa Pinheiro ist Europa-Gastprofessorin

Im akademischen Jahr 2015/16 ist Portugal Gastland der Europa-Professur. Als Gastprofessorin lehrt Teresa Pinheiro von der Technischen Universität Chemnitz in diesem Semester an der Saar-Uni. Zu den Themen, die die portugiesische Kulturwissenschaftlerin in Saarbrücken vorstellt, gehören Erinnerungskulturen in Portugal, kollektive Identitäten sowie Kolonialismus und Postkolonialismus im portugiesischen Film.
Von Gerhild Sieber • 17.11.2015

Portugal  hat in den letzten Jahrzehnten einen rasanten politischen und gesellschaftlichen Wandel erlebt: Bis 1974 wurde das Land von einer Diktatur beherrscht, seit drei Jahrzehnten gehört es zur Europäischen Union. Teresa Pinheiro wurde 1972 in Lissabon geboren, zwei Jahre vor der Nelkenrevolution, die der langjährigen Diktatur in Portugal am 25. April 1974 ein Ende setzte. Tagtäglich das Werden der Demokratie in ihrem Heimatland zu erleben, habe ihren persönlichen und wissenschaftlichen Werdegang stark beeinflusst, erzählt die neue Gastprofessorin der Saar-Uni. Mit dem Ende der Diktatur und des Kolonialismus kehrten über eine halbe Million portugiesischer Siedler aus den afrikanischen Kolonien zurück und suchten in der portugiesischen Hauptstadt Schutz. Andererseits wurden afrikanische Migranten, die nun nicht mehr die portugiesische Staatsangehörigkeit besaßen, in die Illegalität abgedrängt. „Diese Herausforderungen haben vor allem für die Neuankömmlinge schwer belastet, haben aber dazu beigetragen, dass die portugiesische Gesellschaft offener, vielfältiger und toleranter wurde – etwas, was uns heute angesichts der Flüchtlingskrise zu denken gibt“, sagt Teresa Pinheiro.

Am 1. Oktober 1990, zwei Tage vor der deutschen Wiedervereinigung, begann Teresa Pinheiro an der Universität in Lissabon mit dem Studium der Germanistik und der portugiesischen Sprache und Literatur (Lusitanistik). 1992 ging sie als eine der ersten Erasmus-Studenten an die Universität zu Köln, und 1994, nach dem Abschluss ihres Studiums in Lissabon, wurde sie Lektorin für Portugiesisch an der Universität Bayreuth. Nach der Promotion im Fach Kulturwissenschaftliche Anthropologie wechselte sie an das Institut für Europäische Studien der Technischen Universität Chemnitz, wo sie seit 2004 die Professur „Kultureller und Sozialer Wandel“ innehat. Dort arbeitet sie an den Instituten für interkulturelle Kommunikation und für Europa-Studien und befasst sich vor allem mit Spanien und Portugal. Weitere Themen ihrer Forschung und Lehre sind Erinnerungskulturen in Portugal sowie die gesellschaftlichen und politischen Prozesse, die beim Übergang eines totalitären Regimes zu einem demokratischen System stattfinden. Darüber hinaus beschäftigt sich die neue Saarbrücker Gastprofessorin mit den kollektiven Identitäten ihres Heimatlandes – also regionalen, nationalen und europäischen Identitäten – und den Entwicklungen in Portugal seit seinem Eintritt in die Europäische Union. Diese Themen wird sie mit den Saarbrücker Studenten in Büchern, Filmen, in der Presse oder auch in öffentlichen Monumenten aufspüren – „denn für die Kulturwissenschaften sind all diese Träger der Kultur.“

Mit der Europa-Professur haben die Studenten der Saar-Uni, aber auch eine breitere Öffentlichkeit Gelegenheit, sich mit der Vielfalt Europas insbesondere im kulturellen Bereich vertraut zu machen. Dies geschieht, indem immer wieder andere europäische Länder zu Gast an der Universität des Saarlandes sind. Die Gastprofessoren bieten Lehrveranstaltungen an, die den Studenten die Perspektive ihres Landes auf politische, historische, kulturelle und wirtschaftliche Themen in Europa vermitteln. Das Studienangebot richtet sich an Studenten aller Fakultäten. Sie können die Lehrveranstaltungen der Europa-Professur in das Zertifikat Europaicum einbringen. Nach Absprache ist auch eine Anerkennung als Studienleistung für das Fachstudium möglich. Parallel bietet das Sprachenzentrum der Universität des Saarlandes  Sprachkurse in der jeweiligen Landessprache an, die während des ganzen Jahres fortgeführt werden.

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