Thorsten Mohr
Syrien

Nach der Flucht jetzt Doktorand an der Saar-Uni

Mohammad Al Saqqa konnte bei seiner Flucht aus Syrien sein Leben retten – und eine Festplatte, auf der seine Masterarbeit und seine Zeugnisse gespeichert waren. Der 31-Jährige, der an der Universität von Damaskus Englisch-Dozent war, hatte Glück: Durch einen Zufall knüpfte er Kontakt zur Saar-Uni und konnte sein akademisches Leben wieder aufnehmen. Heute ist er Doktorand am Lehrstuhl für Nordamerikanische Literatur- und Kulturwissenschaft von Astrid Fellner.
Von Gerhild Sieber • 17.11.2015

„Ich fühle mich, als wäre ich hundert Jahre alt – so viel habe ich gesehen“, sagt Mohammad Al Saqqa in fließendem Englisch. Dabei ist er erst 31. Er wuchs in Damaskus im malerischen Stadtviertel Jarmuk auf. Auch seine drei Brüder und die Schwester bewohnten hier eigene Häuser mit ihren Familien. „Damaskus ist eine herrliche Stadt – die älteste Hauptstadt der Welt. Sie ist gleichzeitig alt und neu und sehr fortschrittlich, und unsere Universität ist sehr schön“, schwärmt der junge Mann und erzählt weiter: „In Syrien haben wir vier richtige Jahreszeiten: Im Winter ist es sehr kalt, abseits der Küste kann es sogar Schnee geben. Und im Frühling, vor dem heißen Sommer, blühen Rosen.“

Diese Heimat gibt es nicht mehr, Jarmuk ist inzwischen völlig zerstört. Al Saqqas Familie rückte zusammen und zog in ein kleines Haus in einer etwas friedlicheren Wohngegend. Trotzdem mussten sie erleben, wie Verwandte und Freunde einfach verschwanden oder ermordet wurden. „Wir hatten uns angewöhnt, sehr geduldig zu sein. Immer sagten wir uns: ‘Morgen ist es vorbei‘, dann, als das nie geschah‚ ‚nächste Woche‘ oder ‚in einem Monat‘“, berichtet Mohammad mit dünner Stimme. Zerstörung und Aggression seien überall gewesen. „Niemand von uns konnte wirklich fassen, dass Syrien, das immer ein so friedvoller Ort gewesen war, sich so verändern konnte.“ An der Universität von Damaskus hatte Mohammad Al Saqqa „English Language and Literature“ studiert, einen Master-Abschluss in „Language Teaching“ erworben, danach ein zweites Masterstudium in „Audiovisual Translation“ begonnen. Drei Jahre lang unterrichtete er Englisch an seiner Heimatuni und an der Albaath-Universität in Homs. Für das Bildungsministerium arbeitete er anschließend als Koordinator für englischen Sprachunterricht und betreute die Lehrerausbildung. „Wir stellten ein Kursbuch zusammen und hatten schon acht von zwölf Einheiten beendet“. Doch dann endete seine Karriere abrupt: „Ich sollte zur Armee eingezogen werden und entschloss mich zu fliehen.“ Das war im September 2014. Zwei Monate war der 31-Jährige auf der Flucht, bis er am 14. November im Aufnahmelager Lebach eintraf. Über das, was unterwegs geschah, berichtet er stockend. Beispielsweise darüber, wie er an der syrisch-türkischen Grenze um ein Haar sein Leben verloren hätte, oder über die sieben Tage und Nächte, in denen er in einem winzigen Boot auf dem Mittelmeer trieb.

Heute, ein Jahr später, arbeitet er als Hiwi und Doktorand bei Astrid Fellner, Professorin für Nordamerikanische Literatur- und Kulturwissenschaft. „Hier im Team fühle ich mich wie in einer Familie“, sagt der junge Mann und findet endlich ein Lächeln. Der Zufall war ihm zu Hilfe gekommen: In einem Kindergarten bei Saarlouis, in dem Al Saqqa und andere Flüchtlinge untergebracht waren, kam er mit einer jungen Frau ins Gespräch, die Sprachkurse für Flüchtlinge anbot. „Wir entdeckten, dass wir im gleichen Bereich studiert hatten, denn Ilka Hofmann ist Doktorandin bei Professorin Fellner“, erzählt er. „In diesem Moment wurde mir klar, dass ich meine akademische Laufbahn fortsetzen muss.“ Kurz darauf saß er zum ersten Mal in einem Kolloquium an der Saar-Uni. Anfang Juni erhielt Mohammad Al Saqqa seine Aufenthaltsgenehmigung. Er lieferte seine Zeugnisse und seine Masterarbeit, die er auf einer Festplatte gespeichert hatte, bei Astrid Fellner ab. Seine Masterarbeit gefiel ihr und er wurde offiziell an der Universität angenommen. Seit August ist er Doktorand am Lehrstuhl und hat eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft; derzeit ist er unter anderem als Übersetzer in der neuen Flüchtlingsinitiative der Uni gefragt. Auch das Thema seiner Doktorarbeit steht inzwischen fest: „Ich werde untersuchen, welches Bild von Amerika die Medien im Mittleren Osten verbreiten.“ Denn so viel ist für ihn klar: „Die Medien haben eine große Macht, die Menschen zu manipulieren.“

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