Thorsten Mohr

Christopher Uhl (rechts) versucht herauszufinden, warum der Monitor von Franz Marschall (links) nicht mehr richtig funktioniert.

Reparaturkaffee

Die Elektro-Klinik auf dem Campus

Die „Repair Cafés“ aus den Niederlanden sind das Vorbild. Aber da sie nicht dem Verbund angehören, dürfen sie sich nicht so nennen: Die Studentinnen und Studenten der Hochschulgruppe des Elektrotechnik-Verbandes machen aus der Not daher eine grammatikalisch improvisierte Tugend und reparieren kaputte Elektrogeräte seit drei Jahren einfach im „VDE-Reparaturkaffee“. Gratis und für jedermann auf dem Campus zugänglich.
Von Thorsten Mohr • 23.06.2017

Im kleinen Raum der VDE-Hochschulgruppe herrscht nur auf den ersten Blick Durcheinander. Am vorderen Ende des Tisches beugt sich Christopher Uhl über das Innenleben des Monitors, den Franz Marschall mitgebracht hat. Das Bild flackert manchmal unangenehm. „Vielleicht lässt sich ja noch etwas machen, bevor man immer gleich ein neues Gerät kauft“, hofft der Sportwissenschaftler. Gleich daneben öffnet Pascal Volkert das Gehäuse eines Verstärkers, den Informatiker und Musikfreund Christoph Endres ins Mai-Reparaturkaffee mitgebracht hat. Ein Schalter funktioniert nicht mehr so, wie er sollte. Und am Ende des kleinen Tisches schraubt Peter Leinen den Laptop einer Studentin auf, der einen Defekt hat. Dazwischen liegen verstreut Schraubenzieher, Lötkolben, Spannungsmessgeräte und viele weitere Werkzeuge herum, die Elektrotechniker brauchen. Und als sei das noch nicht genug für einen 19 Quadratmeter großen Raum, steht an der Außenwand – unter der Dachschräge – noch ein Sofa, auf dem eine Studentin sitzt, daneben ein kleiner Schreibtisch mit Computer, der für spontane Recherche zum Beispiel für Ersatzteilpreise genutzt werden kann.

Später kommt noch ein ehemaliger Student mit einer defekten Küchenmaschine vorbei, so dass sich letztendlich acht Personen und viel, viel Einrichtung im VDE-Gruppenraum aufhalten. Die Atmosphäre ist konzentriert, aber die Stimmung ist trotzdem locker, hier und da blitzt Ingenieurs-Comedy auf: „Hat jemand zufälligerweise einen 3-D-Drucker da, um ein Ersatzteil zu drucken?“ – „Nein, grade nicht, tut mir leid.“ – „Na gut, dann tut’s auch der Sekundenkleber. Wo ist der denn?“, fragt Sascha Gress in die Runde, der Ehemalige, der die kaputte Küchenmaschine seiner Mutter als willkommenen Vorwand nutzt, um mal wieder bei seinen ehemaligen Kommilitonen vorbeizuschauen. Und auch Pascal Volkert, der vor drei Jahren die Idee für das Reparaturkaffee hatte, zeigt spontan Improvisations- und komisches Talent, als er den defekten Autoschlüssel einer weiteren Studentin öffnen will, die zwischenzeitlich den Raum betritt, aber kein passendes Werkzeug zur Hand hat: „Haben wir noch ein VDE-Geodreieck?“ Damit klappt’s dann auch.

 

Hat jemand zufälligerweise einen 3-D-Drucker da, um ein Ersatzteil zu drucken?“ – „Nein, grade nicht, tut mir leid.“ – „Na gut, dann tut’s auch der Sekundenkleber. Wo ist der denn?

Dialog im Reparaturkaffee

 

Seit März 2014 gibt es das „VDE-Reparaturkaffee“, eine grammatikalisch zwar fragwürdige, aber ohne Zweifel auch ingenieurstypisch pragmatische Anlehnung an das „Repair Café“ aus den Niederlanden, von dem es inzwischen unzählige Ableger, auch in Saarbrücken, gibt. In der Saarbrücker Hochschulgruppe des Verbandes der Elektrotechnik (VDE) Saar engagieren sich in den monatlichen Reparaturkaffees zwischen drei und fünf Helfern, die Spaß daran haben, sich mit elektronischen Geräten zu beschäftigen. „Mitmachen kann prinzipiell jeder, aber tatsächlich haben die meisten hier Mechatronik, Systems Engineering studiert oder studieren noch“, erklärt Christopher Uhl, der selbst Mechatronik studiert hat (und nun am Lehrstuhl für Elektronik und Schaltungstechnik promoviert). Ausnahmen wie Peter Leinen  bestätigen die Regel. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sportwissenschaftlichen Institut, ist aber durch seine Technikbegeisterung Teil des Helferteams im Reparaturkaffee.

Seit Ende 2015 führen die Helfer auch eine Statistik darüber, wie viele  Radios, Kaffeemaschinen, CD-Player, Fernseher und andere Gerätschaften dank ihrer Hilfe ein längeres Leben vergönnt ist: „In drei Vierteln der Fälle sind wir in der Lage, einen Fehler zu identifizieren – was auch bedeuten kann, dass wir lediglich erkennen, dass ein nicht-reparabler Schaden vorliegt. Und in zirka 50 Prozent der Fälle funktionieren die Geräte anschließend wieder“, berichtet Christopher Uhl. Bei rund acht Geräten pro Termin und etwa zwölf Terminen im Jahr macht das in rund zweieinhalb Jahren locker über 100 Geräte, die nicht weggeworfen und durch neue Geräte ersetzt werden mussten.

Dem Fernseher von Sportwissenschaftler Franz Marschall ist am Ende übrigens nicht mehr zu helfen. Christopher Uhl war lange auf der Suche nach der Fehlerquelle und konnte einen Defekt der elektronischen Bauteile ausschließen, die er sorgfältig nach und nach geprüft hat. „Wahrscheinlich sind es schlicht die Kaltkathodenröhren, die den Bildschirm beleuchten“, vermutet er. Dass diese ausfallen, komme vor. Der Tausch mache aber keinen Sinn. Da kann auch der Ingenieur nichts mehr tun.

Das Reparaturkaffee

Das VDE-Reparaturkaffee findet – ungefähr – einmal pro Monat im Raum der VDE-Hochschulgruppe (Campus Saarbrücken, Gebäude A51, Raum 3.17) statt. Wer ein kaputtes Gerät reparieren lassen möchte, kann auch ohne Anmeldung vorbeikommen. Die Termine werden einige Wochen zuvor auf der Webseite der VDE-Hochschulgruppe bekannt gegeben. Wer nichts verpassen möchte, kann sich auch in den Newsletter aufnehmen lassen.

Newsletter-Anmeldung unter www.vde.uni-saarland.de/index.php/reparaturkaffee.html

Die VDE-Hochschulgruppe bei Facebook: www.facebook.com/vdehsgsaar

 

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