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Die Hörsäle bleiben derzeit leer – auch wissenschaftliche Tagungen wurden ins Internet verlagert.

Austausch in der Wissenschaft

Die Corona-Pandemie hat auch die Vernetzung von Wissenschaftlern verändert

Tagungen sind die Krönung des wissenschaftlichen Austauschs: Forscherinnen und Forscher diskutieren dabei häufig mit Fachkollegen aus der ganzen Welt. Doch können virtuelle Konferenzen ein Ersatz sein?
Von Gerhild Sieber • 21.01.2021

Der Lockdown im März ließ auch Wissenschaftlern keine Wahl: Auf die Schnelle mussten Online-Formate für Konferenzen und andere wissenschaftliche Veranstaltungen an Universitäten und Forschungseinrichtungen geschaffen werden. Dadurch war es plötzlich möglich, an Vorträgen und Seminaren teilzunehmen, die in einem anderen Winkel der Welt stattfanden. Diese unverhoffte Möglichkeit zum direkten Austausch hat die Amerikanistik-Professorin Astrid Fellner von Beginn an genutzt. Im Frühjahr vergangenen Jahres hat sie ihr Team zu einem virtuellen Seminar an einer kalifornischen Universität angemeldet. „Wir haben an der Lesung eines Wissenschaftlers und Schriftstellers teilgenommen, der von seinen mexikanischen Eltern als Kind illegal in die USA gebracht worden ist und als so genannter ‚Dreamer‘ seither ständig mit Abschiebung rechnen muss.“ 

Am Ende des Seminars nutzte die Professorin die Chance, den Wissenschaftler als Referent in ihr Hauptseminar nach Saarbrücken einzuladen – virtuell, versteht sich, denn reales Reisen ist für Dreamer unmöglich. „Über diese Chance hat er sich total gefreut; und wir hatten ihn hautnah in unserem Kurs – für die Studierenden eine eindrucksvolle Erfahrung. Es funktioniert also, die Leute mithilfe der neuen Medien in den Hörsaal zu nehmen.“

Bei Tagungen geht es natürlich um viel mehr. Man würde die Leute gerne persönlich treffen, und ein wichtiger Teil des Austauschs findet häufig in den Kaffeepausen statt

Astrid Fellner, Professorin für Amerikanistik

Inzwischen hat Astrid Fellner selbst mehrere Online-Veranstaltungen und -Tagungen organisiert. „Vieles ist einfacher geworden: Man kann leichter Leute aus aller Welt einladen, zudem erreicht man mehr Personen, und der Austausch findet häufiger statt“, so ihr Fazit. Diese Erfahrung haben auch die Organisatoren des Deutschen EDV-Gerichtstags gemacht. Der Saarbrücker Fachkongress für Juristen findet alljährlich im September statt – im vergangenen Jahr ausschließlich virtuell. „Mit über 1.200 Teilnehmern hatten wir einen neuen Teilnehmerrekord“, berichtet die Vorstandsvorsitzende Anke Morsch.

Doch bei aller Begeisterung: Vorträge und Diskussionen am Computerbildschirm können das reale Erleben nicht ersetzen. „Bei Tagungen geht es natürlich um viel mehr. Man würde die Leute gerne persönlich treffen, und ein wichtiger Teil des Austauschs findet häufig in den Kaffeepausen statt“, sagt Astrid Fellner. Dieser Nachteil wiegt auch für Michael Hüttenhoff schwer. Der Professor für Evangelische Theologie gehört zu einer Arbeitsgruppe der Universität, die im Herbst eine internationale Online-Konferenz über die Aufklärung mitveranstaltet hat. „Der informelle persönliche Austausch zwischendurch – also beim Kaffee oder beim Zusammensitzen am Abend – fehlt völlig.“ Hinzu komme, dass die Zuschaltung von Teilnehmern über Europa hinaus technisch nicht gut geklappt habe. „Insbesondere konnten sich zwei Wissenschaftler aus Afrika nicht beteiligen, das war sehr schade.“ Letztendlich könnten nur diejenigen teilnehmen, die Zugang zu den Technologien haben, bedauert auch Astrid Fellner. 

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