Oliver Dietze

Tim Meyer untersucht an seinem Institut für Sport- und Präventivmedizin vor allem Leistungssportler.

Sport- und Präventivmedizin

Der erfahrene Spielmacher im Behandlungszimmer

Tim Meyer ist seit 1999 Teil des medizinischen Stabs der Fußball-Nationalmannschaft. Der Professor für Sport- und Präventivmedizin an der Saar-Uni feiert mit der Europameisterschaft 2016 ein kleines Jubiläum: Die EM in Frankreich ist das zehnte Fußballturnier, das er als Arzt begleitet. Inzwischen versieht er die Aufgabe mit einer souveränen Gelassenheit.
Von Thorsten Mohr • 02.06.2016

In der Sprache seiner bekanntesten Patienten wäre Tim Meyer wohl ein erfahrener Spielmacher: Ein Mann mit Weitblick, der schon vorher weiß, auf welchen Wegen der Ball genau da ankommt, wo er hin soll. Zumindest in der besten aller Welten sähe es für den Professor für Sport- und Präventivmedizin so aus. Der Name seines Lehrstuhls verrät auch schon, worauf es in seiner „nebenberuflichen“ Funktion als Teil des medizinischen Stabs der Fußball-Nationalmannschaft ankommt: Probleme vorherzusehen und Lösungen parat zu haben, bevor die Probleme auftauchen.

Vor seinem zehnten DFB-Turnier, der EM in Frankreich, halten sich die medizinischen Herausforderungen in Grenzen. Frankreich birgt für einen Mannschaftsarzt geographisch und klimatisch keine bösen Überraschungen. Zum Beginn seiner ärztlichen Tätigkeit für den Deutschen Fußballbund (DFB) sah das noch ganz anders aus. Ende der 1990er Jahre, mit knapp über 30 Jahren, hatte Tim Meyer gleich mit der im Rückblick fast schon härtesten Aufgabe als DFB-Arzt begonnen. „1999 war die U20-WM in Nigeria, die hygienisch und im Hinblick auf Tropeninfektionen eine besondere Herausforderung war. Besonders die Malaria-Prophylaxe war für mich als Neuling nicht einfach, weil die FIFA sehr klar eine medikamentöse Vorbeugung empfahl“, sagt er. „Da steht man als junger Arzt schon unter einem besonderen Druck, man will ja keine Fehler machen.“ Er verabreichte den Spielern also das empfohlene Medikament, das er heute wegen der möglichen Nebenwirkungen heute nicht mehr ohne Weiteres geben würde. „Es wurde den Teamärzten von der FIFA aber dringend empfohlen, und ich hatte Sorge, dass am Ende ein Spieler tatsächlich an Malaria erkrankt“, lautete die Überlegung, die damals in seinem Kopf kreiste. „Am Ende ist ja alles gut gegangen, niemand litt unter erkennbaren Nebenwirkungen.“

 

In diesem Stadion dachte ich dann: Wahnsinn, hier schaut jetzt die ganze Welt zu.

Tim Meyer übers WM-Finale 2002. Foto: DFB

 

Nach der Junioren-WM in Nigeria folgte eine weitere als Teamarzt bei der U20-WM in Argentinien 2001. So weit, so unbeachtet. Ein Jahr später stand Tim Meyer dann im Stadion in Yokohama und schaute sich das WM-Finale gegen Brasilien als Teamarzt der A-Nationalmannschaft vom Spielfeldrand aus an. „In diesem Stadion dachte ich dann: Wahnsinn, hier schaut jetzt die ganze Welt zu. Das ist dann schon etwas ganz anderes als eine U20-WM, auch wenn sie aus medizinischer Sicht natürlich einen vergleichbaren Aufwand bedeutet“, erinnert sich der Sportmediziner. Flankiert wurde das überraschend erfolgreiche Turnier – „wir standen ganz unverhofft im Endspiel“ – von zwei desaströsen Europameisterschaften 2000 und 2004. „Bei der EM in Portugal 2004 war die Mannschaft nicht in der richtigen Verfassung“, blickt Tim Meyer zurück. „Irgendwie war die Luft raus, es herrschte fast schon Urlaubsstimmung.“ Nach dem Vorrunden-Aus trat Rudi Völler zurück.

Die anschließende Zeit unter Bundestrainer Jürgen Klinsmann betrachtet Tim Meyer mit gemischten Gefühlen. „Es gab viele Aspekte, die positiv waren. Unter Jürgen Klinsmann wurden viele Dinge im deutschen Fußball entstaubt, er hat frischen Wind in den Laden gebracht“, erklärt er. „Das ist natürlich gut. Verschiedene Positionen im Betreuerstab wurden erst durch Jürgen Klinsmann zur Normalität, zum Beispiel Sportpsychologen oder eine größere Zahl von Fitnesstrainern. Aber nach dem Motto ‚Jeder zusätzliche Experte ist von Vorteil‘ wurden viele Kompetenzüberschneidungen kreiert und auf diese Weise etablierte Mitglieder des Betreuerstabs unter Druck gesetzt“, weiß er zu berichten. Das habe zunächst einige Unruhe ins Team gebracht. „Was Klinsmann aber verstanden hat: Die Heim-WM ist nur erfolgreich mit den Zuschauern im Rücken.“ So entwickelten Jürgen Klinsmann und sein Trainerstab einen kompromisslosen Angriffs-Fußball, der von den Fans mit euphorischer Stimmung quittiert wurde. Bis zum Halbfinale der WM 2006 hat es ja auch gereicht. „Dann kamen die cleveren Italiener. Gegen die hat das dann nicht mehr funktioniert“, erinnert sich Tim Meyer an die bittere 0:2-Niederlage.

Nach der EM-Final-Niederlage 2008 in Wien gegen Spanien und dem Ende der Nationalmannschafts-Karriere des umstrittenen Kapitäns Michael Ballack 2010 dachte Tim Meyer eigentlich, dass die Deutschen nun reif seien für einen großen Titel. Er spricht von der „Geburt der 2014er Mannschaft“, wenn er auf die WM 2010 in Südafrika zurück blickt. „Ich habe sogar gedacht, dass wir die Spanier schlagen können. Die Mannschaft war in einem regelrechten ‚Flow‘. England 4:1 im Achtelfinale weggehauen, dann im Viertelfinale Argentinien mit 4:0 nach Hause geschickt. Ich dachte nur: Das gibt’s ja nicht!“

Aber auch in Südafrika bremste eine abgeklärte und eiskalte spanische Nationalmannschaft, wie Italien 2006, die deutsche Euphorie wie eine Betonwand: 0:1 im Halbfinale, aus der Traum. Nach dem Gewinn der Europameisterschaft 2008 wurde Spanien am Ende auch noch Weltmeister. Ihren unnachahmlichen Lauf vollendeten die Iberer zwei Jahre später, indem sie ihren EM-Titel gegen Italien verteidigten. „Da muss man auch mal anerkennen, dass diese spanische Mannschaft ganz außergewöhnlich war. Das gibt es ganz, ganz selten“, urteilt Tim Meyer über die herausragende Qualität der „Tiki-Taka“-spielenden Ballkünstler.

Der spanischen Übermannschaft ging langsam die Luft aus, und nun war es in der tropischen Hitze Brasiliens tatsächlich Joachim Löws Deutschland, das 2014 den Titel holte. Medizinisch gesehen war es nach Nigeria das anspruchsvollste Turnier für Tim Meyer. „Die Hitze, Mücken, Tropenkrankheiten: Ich war in keinem Turnier so stark in die Vorbereitung involviert wie in Brasilien“, erklärt der Mannschaftsarzt. Im Vergleich zu seinem Karrierebeginn in Nigeria hatte er in Brasilien als Arzt der A-Nationalmannschaft zwar viel mehr Verantwortung. Vor Brasilien wusste er im Gegensatz zu früher aber, dass eine Reise in die Tropen kein völlig unkalkulierbares Risiko ist. „Ich war zwischenzeitlich auch privat öfter in tropischen Ländern. Und die Leute dort haben recht, wenn sie sagen: Macht mal halblang. Alles nicht so schlimm. In Mitteleuropa neigen wir dazu, die Gefahr tropischer Krankheiten schnell zu hysterisieren.“ Er drängte nicht mehr mit aller Gewalt auf Impfungen und Behandlungen wie zu seiner Anfangszeit. „Ich empfehle den Spielern und Betreuern die Maßnahmen, die ich für richtig halte, und erkläre das dann. Entscheiden müssen die Spieler aber selbst, sie sind schließlich erwachsen.“ Mit Erfolg. So waren in Brasilien über 90 Prozent der Spieler gegen Gelbfieber geimpft.

Gelassenheit ist eben auch eine Tugend von erfahrenen Spielmachern, sei es auf dem Platz oder im Behandlungsraum.

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    Oliver Dietze