Universität des Saarlandes
Materialwissenschaft

Argentinien prämiert Forscher für internationales Netzwerk

Die Regierung von Argentinien hat erkannt, dass es nicht immer ein Verlust sein muss, wenn Akademiker ihr Heimatland verlassen. Voraussetzung ist allerdings, dass sich diese auch im Ausland an ihre Wurzeln erinnern und aus der Ferne der Heimat helfen. Nach „Raices“, dem spanischem Wort für Wurzeln, wurde daher auch der Preis benannt, mit dem jetzt der Materialwissenschaftler Flavio Soldera von der Saar-Uni ausgezeichnet wurde. Der gebürtige Argentinier hat die Europäische Schule für Materialforschung aufgebaut und seither vielen Studenten und Wissenschaftlern aus Argentinien und anderen fernen Ländern einen Aufenthalt in Saarbrücken ermöglicht.
Von Friederike Meyer zu Tittingdorf • 03.01.2018

Als Flavio Soldera als Doktorand an die Universität des Saarlandes kam, wollte er nur drei Jahre bleiben. Mittlerweile wurden 20 Jahre daraus, in denen der Materialwissenschaftler ein weltweites Netzwerk für die Saar-Uni aufgebaut hat. Schon während seiner Promotion bei Professor Frank Mücklich half er mit, millionenschwere Fördergelder der Europäischen Union für das Masterprogramm „Amase“ einzuwerben. Mittlerweile wird dieser internationale Studiengang schon zum dritten Mal im Rahmen des Erasmus Mundus-Programm unterstützt. Neben der Saar-Uni sind daran drei Universitäten in Frankreich, Spanien und Schweden beteiligt. „Jeder Student muss an zwei der vier Partneruniversitäten studieren und dort auch die Landessprache lernen. Das Programm steht nicht nur Europäern, sondern Studenten aus der ganzen Welt offen, damit sie fachlich auf einem hohen Niveau ausgebildet werden und zugleich die kulturellen Unterschiede in Europa kennenlernen“, sagt Flavio Soldera.

Zwei internationale Bachelor-Studiengängen mit Frankreich und den USA sowie das Amase-Masterprogramm wurden zur Keimzelle der Europäischen Schule für Materialforschung, die Professor Mücklich im Jahr 2008 gegründet hat. Dieses Netzwerk, das weit über die Grenzen Europas hinausreicht, hat Flavio Soldera von Beginn an koordiniert. Seine guten Kontakte in die Hochschullandschaft von Argentinien konnte er über die Jahre auf den gesamten amerikanischen Kontinent ausweiten. „Den ESA-Astronauten Matthias Maurer, der hier an der Saar-Uni Materialwissenschaft studiert hat, kannte ich schon von seinem Besuch an meiner Heimatuniversität in Argentinien. Er hat uns dabei unterstützt, die Weichen zu stellen, um begabte Studenten und Forscher aus Südamerika nach Saarbrücken zu holen“, erläutert Soldera.

Wir bauen derzeit ein weltweites Alumni-Netzwerk auf und wollen uns regelmäßig treffen, um auch nach dem Studium persönlich und über die sozialen Netzwerke in Kontakt zu bleiben.

Materialwissenschaftler Flavio Soldera

Mittlerweile bietet die Materialwissenschaft der Saar-Uni mehrere internationale Programme auf dem Bachelor- und Masterniveau an. Zudem können Doktoranden im Docmase-Programm parallel an zwei europäischen Universitäten promovieren. Seit 2005 haben rund 500 Studenten und 44 Doktoranden an diesen internationalen Programmen teilgenommen. In diesem Zeitraum hat das Team von Professor Mücklich rund 18 Millionen Euro an Fördergeldern von der Europäischen Union, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst und der Deutsch-Französischen Hochschule eingeworben. „Mit diesem Geld konnten wir nicht nur zahlreiche Studenten und Forscher bei ihren Auslandsaufenthalten unterstützen. Wir haben es auch für die enge Vernetzung der vier Partneruniversitäten in Europa genutzt. Dabei gibt es zum Beispiel viele administrative Fragen zu klären, wenn Studien- und Promotionsordnungen aufeinander abgestimmt werden müssen“, erklärt Soldera. Ihm gefällt dabei, dass sich daraus über die Jahre eine persönliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit entwickelt hat. Bei der Verteidigung einer Doktorarbeit müssen dann auch die Professoren zwischen den Standorten pendeln oder werden per Videokonferenz dazu geschaltet werden.

Die argentinische Regierung nahm erstmals 2009 über ihre Botschaft in Deutschland Kontakt zu Flavio Soldera auf. Sie lud ihn ein, einem Netzwerk von rund 200 Argentiniern beizutreten, die in der deutschen Industrie und Wissenschaft tätig sind. Dort ist er seitdem Berater für den Technologietransfer und hilft Argentiniern, die ihre Fühler nach Deutschland ausstrecken. Damit sich diese und auch die Studenten der Europäischen Schule für Materialforschung – passend zum Raices-Preis – später an ihre Wurzeln erinnern, hat Soldera weitere Pläne. „Wir bauen derzeit ein weltweites Alumni-Netzwerk auf und wollen uns regelmäßig alle zwei Jahre treffen, um auch nach dem Studium persönlich und über die sozialen Netzwerke in Kontakt zu bleiben. Daraus haben sich auch schon Kooperationen mit ausländischen Forschungseinrichtungen und der Industrie ergeben“, sagt der Materialforscher, der sich immer freut, wenn dabei auch sein Heimatland Argentinien eine Rolle spielt.

"Raices"-Preis aus Argentinien

Mit dem „Raices“-Preis zeichnet das argentinische Ministerium für Wissenschaft und Technologie Forscherinnen und Forscher aus Argentinien aus, die durch ihre Tätigkeit im Ausland ihre Heimat weiterhin unterstützen. In diesem Jahr wurden neun Wissenschaftler geehrt, auf dem Foto steht Flavio Soldera zwischen Lino Barañao, Minister für Wissenschaft, Technologie und Innovation und Mariano Jordan, Direktor für Internationale Kooperation des Ministeriums:  www.raices.mincyt.gov.ar/nota_baranio_entrega_premios.php

Europäische Schule für Materialforschung

Studenten können in Saarbrücken zwischen dem nationalen Bachelor- und Masterprogramm, dem internationalen Bachelor-Programm Atlantis, an dem auch die USA beteiligt ist, und den beiden europäischen Masterprogrammen Amase und EEIGM wählen. Alle internationalen Studiengänge werden seit 2008 von der Europäischen Schule für Materialforschung (EUSMAT) an der Universität des Saarlandes koordiniert und vermarktet. Auf dem Campus befinden sich außerdem das Fraunhofer Institut für Zerstörungsfreie Prüfverfahren (IZFP), das Institut für Neue Materialien (INM) und das Steinbeis-Forschungszentrum für Werkstofftechnik (MECS), die alle eng mit der universitären Forschung vernetzt sind.
Weitere Informationen: http://www.eusmat.net

https://www.youtube.com/watch?v=0GbBHNAe2n8
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