Gerhild Sieber

Rachid Belkacem lehrt derzeit als Gastdozent an der Universität und an der htw als Arbeitsmarktexperte.

Französischer Gastdozent

Warum die Großregion als Modellregion für Europa taugt

Dr. Rachid Belkacem von der Universität Lothringen weilt noch bis zum 30. September als Gastdozent in Saarbrücken. In Seminaren an der Saar-Uni und der Hochschule für Technik und Wirtschaft widmet er sich dem grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt in der Großregion. Mit dem französischen Arbeitsmarktexperten hat "campus"-Redakteurin Gerhild Sieber gesprochen.
Von Gerhild Sieber • 19.07.2016

campus: Herr Belkacem, Sie sagen, dass ein Viertel aller europäischen Grenzgänger in der Großregion lebt und arbeitet. Sind es wirklich so viele?

Dr. Rachid Belkacem: Ja, mehr als 213.000 Menschen in der Großregion pendeln täglich über eine Landesgrenze, um vom Wohnort zum Arbeitsplatz zu gelangen. Das sind in der Tat 25 Prozent aller Grenzgänger in Europa. Die Großregion kann daher als Modellregion herangezogen werden, wenn es darum geht zu untersuchen, was grenzüberschreitende Arbeit eigentlich bedeutet. Schlüsselt man die Zahl weiter auf, so stellt man fest, dass die Hauptströme nach Luxemburg gehen – das Land ist der wichtigste Anziehungsort für Arbeitnehmer aus Deutschland und aus Lothringen. Rund 17.000 Lothringer arbeiten im Saarland oder in Rheinland-Pfalz, 30 Prozent davon sind Deutsche, die ihren Wohnort aus unterschiedlichen Gründen nach Frankreich verlegt haben. In die umgekehrte Richtung, nach Lothringen, pendeln täglich nur ein paar hundert Arbeitnehmer.

campus: Wenn man sich die Großregion als Modellregion für Europa anschaut – welche Forschungsthemen kann man daraus ableiten?

Dr. Rachid Belkacem: Zu Beginn der 1990er Jahre hat man die Großregion zum ersten Mal als Laboratorium für Europa hinsichtlich der Mobilität der Arbeitnehmer bezeichnet. Die sich hieraus ergebenden Forschungsfelder erstrecken sich auf alle Bereiche des sozialen und wirtschaftlichen Lebens. Ziel ist es, möglichst viele Informationen zusammenzutragen, die Anstöße für die europäische Arbeitsmarktpolitik geben können. An unserer grenzüberschreitenden Forschung sind Wissenschaftler sehr vieler Disziplinen beteiligt, darunter Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler, Geographen, Raumplaner, Kulturwissenschaftler und Historiker. Gegenstand der Forschung ist beispielsweise auch, wie Grenzgänger an ihrem Arbeitsort integriert sind.

campus: Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte sind die prekären Arbeitsverhältnisse in der Großregion?

Dr. Rachid Belkacem: Ja, hier ist festzustellen, dass der Trend in der Großregion immer mehr hin zu prekären Beschäftigungsverhältnissen geht, also zu mehr Zeitarbeit und befristeten Arbeitsverträgen. Aktuell arbeite ich an einer Studie zu den drei Polen Erwerbstätigkeit, Arbeitslosigkeit und Inaktivität, also der Situation von Nichterwerbspersonen, bei der die Menschen keiner Beschäftigung nachgehen, aber auch nicht arbeitslos gemeldet sind. Bisher gibt es keine Informationen darüber, wie sich das in der Großregion entwickelt und wie die Übergänge aus einem Status in einen anderen aussehen.

campus: Derzeit zögern vor allem junge Lothringer, über die Grenze zu gehen. Warum ist das so?

Dr. Rachid Belkacem: Die jungen Leute in Lothringen lernen immer weniger Deutsch. Außerdem kennen sie ihre Möglichkeiten auf dem saarländischen Arbeitsmarkt nicht. Saarländische Unternehmen brauchen aber vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung zukünftig mehr junge, engagierte Leute. Daher sollten sie sich stärker engagieren, nicht nur hinsichtlich der beruflichen Ausbildung junger Franzosen, sondern auch bei der Sprachausbildung. Die Unterschiede zwischen den beiden Ausbildungssystemen sind jedoch nach wie vor ein Problem.

campus: Welche Impulse können die Hochschulen geben?

Dr. Rachid Belkacem: Zwischen den Universitäten der Großregion gibt es eine Vielzahl von Kooperationsprojekten. Die beteiligten Hochschulen erfüllen drei wichtige Aufgaben: die Ausbildung der Studenten, die Forschung und den Wissenstransfer hin zu den Akteuren im sozialen und wirtschaftlichen Bereich. Meine Heimatuniversität in Lothringen bietet gemeinsam mit den beiden saarländischen Hochschulen viele grenzüberschreitende, multikulturelle Studiengänge an. Wichtig ist aber auch der Austausch von Professoren und Dozenten, denn sie tragen die Projekte. In der Forschung haben wir eine hochschulübergreifende Gruppe aus Wissenschaftlern der verschiedensten Disziplinen, von Linguisten über Kulturwissenschaftler bis hin zu Betriebswirtschaftlern. In Bezug auf die Praxis haben wir im Dezember vergangenen Jahres ein Seminar gemeinsam mit Forschern, Akteuren und Unternehmen aus Deutschland, Frankreich, Luxemburg und der Wallonie organisiert. Mit dabei waren unter anderem die Unternehmen Möbel Martin und Globus, die sich bereits in der grenzüberschreitenden Ausbildung engagieren.

Quellenverzeichnis
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Saarländische Unternehmen brauchen zukünftig mehr junge Leute. Daher sollten sie sich stärker engagieren.

Dr. Rachid Belkacem
Hintergrund

Die Gastdozentur wurde vom Frankreichzentrum der Saar-Uni initiiert und wird vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert. Neben Seminaren für Studenten und Gasthörer der beiden Saarbrücker Hochschulen spricht Dr. Rachid Belkacem in mehreren öffentlichen Vorträgen und Podiumsdiskussionen. Im November wird auch ein Treffen von Wissenschaftlern der Arbeitsgruppe GRETI-Border-Seminar in Saarbrücken stattfinden.

Mehr Infos unter www.uni-saarland.de/frankophone-gastdozentur