Jana Burnikel

Jana Burnikel auf dem Bahnsteig in Moskau vor Wagen 3 der Transsibirischen Eisenbahn. Kurz darauf beginnt ihre Reise

Studentin unterwegs

Tütensuppe in der Taiga: Mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland

Eine langatmige Zugfahrt durch die kahle und schneebedeckten Wälder Russlands oder eine einmalige Abenteuerreise: Am Transsibirischen Express scheiden sich die Geister. Die Masterstudentin Jana-Katharina Burnikel stieg für den Weg zu einer Konferenz in die legendäre Eisenbahn und fuhr gemeinsam mit ihrer Kommilitonin Anne Hess bis nach Irkutsk am Baikalsee. In diesem Artikel schildert sie ihre Erinnerungen zur Reise, der russischen Eisenbahnkultur und dazu wie sie sich die Tage im Zug ernährte.
Von Jana Burnikel • 19.04.2020

Tag 1
Der erste Eindruck: Im Innern des Zugs ist es warm. Sehr warm – mollige 24 Grad. Den isländischen Strickpullover kann ich bis Irkutsk gleich wieder in den Koffer packen. Wir, meine Kommilitonin Anne und ich, haben unsere Koffer und die gigantische Tüte mit Lebensmitteln gerade vom Bahnsteig der Yaroslavskaya Station in Moskau in den Zug hineingehievt. Auf unseren Tickets sind unsere Schlafplätze ausgewiesen: 303 und 304, ein Zweier-Abteil, direkt neben dem Abteil der Schaffnerinnen. Als wir die Schiebetür zurückziehen, offenbart sich unser rollendes Zimmer für die nächsten paar Tage: ein Raum, in dem zwei Leute gleichzeitig stehen können, zwei gemachte Betten, die tagsüber zu Sitzbänken hochgeklappt werden können, dazwischen ein Tisch, Stauraum unter den Betten und über der Tür, ein großes Fenster mit Vorhängen am Kopfende. Wir manövrieren unsere Gepäckstücke in die freien Ecken des Abteils, ziehen die Mützen vom Kopf und atmen durch. Monatelang haben wir diesen Trip geplant, jetzt ist der Moment da: Wir sind in der Transsibirischen Eisenbahn! Für die nächsten drei Tage und vier Nächte werden wir Russland durchqueren, werden im Zug schlafen, essen, lesen... und was noch? Wir wissen beide nicht, was uns erwartet.

Begonnen hatte die Reiseplanung mit der Idee, auf anderen Wegen als per Flugzeug zu einer Model United Nations-Konferenz in Japan zu reisen. Dann kam der Traum dazu, einmal auf die nostalgische Art zu reisen, also per Zug und wie im Film. Und welche Zugstrecke wäre für unser Unterfangen passender, als eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn? Tagelang an einsamen Wäldern vorbeiziehen und melancholisch in die Ferne starren, so stellten wir uns das vor. Aber dann kamen die Fragen auf, während wir planten: Was werden wir essen? Können wir uns waschen? Halten wir es durch, drei Tage lang still zu sitzen, mehr oder minder ohne jegliche körperliche Bewegung und nur zu zweit? All das lag noch vor uns. Im Nachhinein betrachtet, war die Reise keine schlechte Vorbereitung auf die Ausgangsbeschränkungen durch Corona.

Plötzlich ertönen mehrere Pfiffe, die Wagontüren werden verriegelt, der Express rollt behäbig an. Anne und ich schauen uns an, voller Euphorie, aber auch Anspannung, denn ab jetzt gab es kein Zurück mehr. Wir strecken uns auf den Betten aus, die kaum so lang sind, wie wir selbst.

 

 

Tag 2
Draußen vor dem Fenster ist es weiß. Als wir in die Transsib einstiegen, konnten wir von unserer Umgebung noch nichts sehen, denn da war es schon dunkel gewesen. Jetzt aber sehen wir: Schnee auf kahlen Ästen in den Wäldern, eine typische Winterlandschaft, nicht viel anders als bei uns zuhause. Anne und ich bereiten uns in den humpenartigen Gläsern, die die Schaffnerin am Abend vorher vorbeibrachte, schwarzen Tee zu. Jeder Wagen verfügt über einen Samowar, aus dem wir stets heißes Wasser zapfen können. Ansonsten gibt‘s Wasser aus einer 5-Liter-Flasche in unserem Abteil, denn das Wasser aus dem Hahn ist in Russland nicht trinkbar. Das erste Frühstück im Zug soll unsere Routine werden: Porridge, der unter dem heißen Wasser aufquillt, dazu geschnittenes Obst. Anne kauft bei der Schaffnerin ein Taschenmesser, sonst haben wir nur stumpfes Reisebesteck. Auswaschen müssen wir unsere Tupperdosen in den winzigen Toilettenräumen, die nicht anders aussehen als in  deutschen Zügen auch. Die anderen Gäste in den Abteilen neben uns wirken scheu, scheinen eher die Reise genießen, als dass sie reden wollen.

Nach stundenlangem Lesen und mehreren Hörbuch-Kapiteln in unserem Abteil entschließen wir uns dazu, uns die Beine zu vertreten: einmal quer durch den Zug. Zwischen den einzelnen Wagen des Zuges müssen wir erst die Türen mit Gewalt aufziehen, dann winzige Sprünge über Metallplatten am Boden machen – wir kommen uns vor wie in einem James Bond-Film. Das nächste Abteil ist der Speisewagen – voller Vierersitze und einer „Kombüse“. Hier gibt es theoretisch Duschen, aber Anne und ich sind auf „Katzenwäsche“ vorbereitet. Danach folgen Vierer-Abteile und schließlich die Großraumabteile mit 52 Liegen. Hierhin trauen sich wohl die echten „Abtenteurreisenden“ und die Russinnen und Russen selbst, für die diese Art zu reisen ganz normal ist. Die Abteile sind wenig belegt, Touristen gibt es fast keine. Anne und ich kommen uns plötzlich vor wie im Luxusabteil, als wir zurück zu unseren zwei Betten schleichen und die Abteiltür hinter uns zuziehen.

Tag 3
Inzwischen ist für die Mahlzeiten Routine eingekehrt: Morgens Porridge, mittags Instant-Ramensuppen in Geschmacksrichtung 1, abends dann in Geschmacksrichtung Nummer 2. Dazwischen snacken wir Chips und mit Kohl gefüllte, ausgebackene Brote. Die kaufen wir jeden Tag frisch an Kiosken ein, die auf den Bahnsteigen der Städte aufgebaut sind, an denen wir täglich kurz anhalten. In den 15 Minuten Zeit, die wir dazu haben, heißt es: drei Lagen anziehen, Handschuhe überstreifen und dann mithilfe unserer pantomimischen Fähigkeiten den Verkäuferinnen am Kiosk erklären, was wir wollen: Brote „ohne Fleisch“ – was in Russland alles andere als einfach zu bekommen und zu erklären ist. Dazwischen beobachten wir, wie die Bahnarbeiter mit schweren Hämmern und Eisenstangen das Eis abklopfen, das sich während der Fahrt am Unterbau des Zuges gebildet hat.

Jede Stunde klopft es an unsere Abteiltür. Die Schaffnerinnen bieten uns Souvenirs an, staubsaugen durch unser Abteil oder bieten uns Eis an, was Anne und ich dankend ablehnen. Dazu fehlt uns der Sonnenschein und die frische Luft. Wir erfahren, dass wir mit unseren Tickets auch ein freies Abendessen im Speisewagen gebucht haben. Wir verabreden mit der Bedienung eine Zeit, machen Uhrenvergleich und kehren zu unserer Routine zurück: Lesen, am Handy Nachrichten schreiben (ja, das Netz unterwegs ist überraschend stabil!), Perlenschmuck basteln. Am Abend pocht es dann wieder an der Tür, diesmal energischer. Die Bedienung steht im Türrahmen und scheint verärgert. Wir schauen auf die Uhr, verwirrt durch ihre Reaktion. Erst dann wird uns bewusst, dass wir seit morgens durch zwei Zeitzonen durchgefahren sind. Die Reise im Zug scheint außerhalb der Zeit zu liegen. Wir fahren durch Perm, Omsk, Novosibirsk, die alle im matschigen Grauschnee viel trister erscheinen als die Landschaft, durch die wir tuckern: Dort reihen sich kahle Bäume hintereinander in den Schnee, dann wiederum sehen wir kleine Dörfer voll bunt angestrichener Häuschen und Ozeane aus gelbem Gras. So könnte es ewig weitergehen, finden wir, während wir ein Glas Tee nach dem nächsten schlürfen und uns langsam das Wasser ausgeht.

Tag 4
Heute erreichen wir unsere Station: Irkutsk, mitten in Sibirien und nahe an der Grenze zur Mongolei. Zwar wird der Transsibirische Express noch ohne uns nach Vladivostok weiterrollen, doch wir wollen hier Station machen, uns den größten und tiefsten See der Welt anschauen, den Baiksalsee. Als wir unsere Rucksäcke schultern und aus dem Zug heben, schlägt uns eisige Luft entgegen: Minus 14 Grad sind es, nachts geht es bis auf minus 19 Grad hinunter. Den Strickpullover aus Island habe ich wieder angezogen. Unsere Tüte mit den Lebensmitteln ist leer, wir haben nur noch die Hälfte der Schokolade übrig, die zu Beginn der Reise als Betthupferl in unserem Abteil lag.

Mit uns steigen die meisten Fahrgäste aus, aber keine Truppe scheint so wehmütig wie Anne und ich. Wir wussten nicht, was die Transsibirische Eisenbahn für uns bereithalten würde. Doch wir hätten uns nie im Leben ausgemalt, dass wir jede Sekunde so sehr genießen würden. Und dann dämmert uns langsam, was wir bereits nach den ersten paar Schritten den Bahnsteig hinunter vermissen werden: das sanfte Rattern des Zugmotors, die Wärme unseres kleinen, rollenden WG-Zimmers, und die absolute Entschleunigung, die wir so erlebt haben wie nie zuvor.

 

Quellennachweis
  • Bilder
    Jana Burnikel