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Europa-Gastprofessor

Portugal zu Gast: Über turbulente Zeitgeschichte und portugiesisches Recht

Der Juraprofessor Paulo Mota Pinto von der Universität Coimbra ist im aktuellen Sommersemester an der Saar-Uni zu Gast. Pinto war neun Jahre lang Verfassungsrichter und sechs Jahre lang Abgeordneter im portugiesischen Parlament. Seine Saarbrücker Lehrveranstaltungen über portugiesisches Recht und die Geschichte Portugals gehören zum Angebot der Europa-Gastprofessur und des Zertifikats „Europaicum“. Es vermittelt Wissen über Europa aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln.
Von Gerhild Sieber • 10.06.2016

Prachtvolle Paläste, mit Blattgold verzierte Kirchen – die Epoche, in der solche architektonischen Schätze in Portugal entstanden, ist längst vorüber. Genährt wurde der Baurausch von Gold und Diamanten, die 1697 in der Kolonie Brasilien entdeckt worden waren. „Der Edelmetallboom in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts brachte nicht nur jede Menge Geld nach Portugal, sondern führte auch dazu, dass das Land die Führung der kolonialistischen Expansionsbewegungen in Brasilien übernahm“, erklärt Professor Paulo Mota Pinto, der im aktuellen Sommersemester unter anderem eine Vorlesung zur Geschichte Portugals hält. Das Land im äußersten Westen Europas, das sich lange seinen Kolonien jenseits der Meere zuwandte und durch Diktator Salazar bis 1974 von seinen Nachbarn isoliert wurde, ist heute Teil der Europäischen Union.

Pintos Vorlesung ist eines der aktuellen Angebote der Europa-Professur. Diese gehört zum Zertifikat „Europaicum“, mit dem Studenten einen Europa-Schwerpunkt in ihr Studium einbringen können. Jedes Jahr kommt ein Gastprofessor aus einem anderen europäischen Land nach Saarbrücken. Da die Gäste aus ganz verschiedenen Disziplinen stammen, ändern sich mit ihnen auch die Schwerpunkte des Lehrangebots an der Saar-Uni.    

Paulo Mota Pinto ist nicht nur Professor für Zivilrecht an der Universität Coimbra – eine der ältesten Universitäten Europas –, sondern war auch neun Jahre lang Verfassungsrichter, bevor er 2009 (bis 2015) als Abgeordneter ins portugiesischen Parlament einzog. Mit der Gastprofessur in Saarbrücken möchte er seine Kontakte zu Deutschland fortsetzen, die er seit einem Forschungsaufenthalt in München in den Jahren 1989 und 1990 pflegt. „Da die Saar-Universität eine sehr gute juristische Bibliothek hat, will ich hier auch in meinem Spezialgebiet, dem Privatrecht, weiter forschen“, erzählt Professor Pinto, der seine Lehrveranstaltungen in deutscher Sprache hält.

Neben der Vorlesung zur portugiesischen Geschichte bietet er mehrere juristische Lehrveranstaltungen an: eine Einführung in das portugiesische Recht sowie ein rechtsvergleichendes Seminar über das Zivilrecht in Deutschland und Portugal. „Gerade die Rechtswissenschaft war ursprünglich eine gesamt-europäische Wissenschaft, die ihren Ursprung im römischen Recht hatte“, erläutert der Jura-Professor. Erst seit dem 18. Jahrhundert hätten die einzelnen Staaten ihr eigenes Recht herausgebildet. Speziell das portugiesische Recht habe  sich seit hundert Jahren aber stark an das deutsche Recht angenähert.

Eine Lösung für die finanzielle Krise Portugals ist noch nicht gefunden.

Über die jüngeren gesellschaftlichen und politischen Ereignisse in Portugal wird Paulo Mota Pinto in seiner Geschichtsvorlesung aus persönlicher Erfahrung berichten. Als die grausame Diktatur von Staatsführer Salazar 1974 mit der Nelkenrevolution unblutig beendet wurde, war er zehn Jahre alt. Ein paar Jahre später wurde sein Vater zum Ministerpräsidenten Portugals gewählt. „Ich habe immer direkten Kontakt mit der Politik gehabt“, berichtet er. So kann er sich auch gut an das Jahr 1975 erinnern, als die letzte der ehemaligen Kolonien Portugals unabhängig wurde: „Leider war die Entkolonisierung kein Ruhmesblatt für unsere Geschichte, denn ihr Ablauf war nicht richtig vorbereitet worden.“

1986 traten Portugal und Spanien in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft – die heutige EU – ein. „Damit beginnt die neuere Zeitgeschichte Portugals“, erklärt Pinto. In einer ersten Phase der europäischen Integration bis 1998 habe es einen wirtschaftlichen Aufschwung gegeben. Die Infrastruktur sei verbessert worden, und die Gehälter seien gestiegen. Danach kam es zur Stagnation und ab 2009/2010 zur finanziellen Krise. Wie es weitergeht? „Eine Lösung ist noch nicht gefunden“, meint der Gastprofessor.

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