Carolin Cullmann

Die Literaturstudentin Carolin Cullmann ist in Neuseeland auch in die Welt der Hobbits aus "Herr der Ringe" eingetaucht.

Praktikum

„On air“ auf der anderen Seite der Welt

Vielleicht noch ein Praktikum, um meinen Lebenslauf aufzubessern. Das war erst nur so eine Idee. Es wurden drei Monate Neuseeland daraus und das bisher größte Abenteuer meines Lebens.
Von Carolin Cullmann • 05.07.2018

 

 
Studiert man Geisteswissenschaften, wie in meinem Fall Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, sind Praktika unbedingt notwendig, um später einen guten Job zu finden. Ich wollte gerne in den Hörfunk hineinschnuppern, was sich in Deutschland ohne Vorerfahrung und Kontakte als schwierig herausstellte. Umso mehr freute ich mich über den Tipp einer Freundin, die mir vorschlug, mich bei dem Radiosender „Awa Whanui Big River fm“ zu bewerben. Ein Volltreffer! Nach viel Vorbereitung und Organisation machte ich mich im vergangenen September auf die Reise in das ferne Land, das sich Neuseeland nennt.

„Kia Ora“ ist in Neuseeland sowohl eine gängige Begrüßungs- als auch Abschiedsformel, die so viel bedeutet wie „möge es dir gut gehen“. Mit diesen warmen Worten und einer herzlichen Umarmung wurde ich von meinem zukünftigen Chef in Empfang genommen. Mein erster, aber nicht letzter Kontakt mit der ehrlichen Freundlichkeit der Kiwis. Am Tag nach meiner Ankunft ging es dann auch schon richtig los. Und nicht mit Kaffee kochen oder Kopieren. Nein. Ich wurde gleich ins kalte Wasser geworfen und musste (ja, durfte) am ersten Praktikumstag als blutiger Anfänger im Radio sprechen. Natürlich war ich unglaublich nervös, musste mir anfangs alles ganz genau aufschreiben, um es dann doch recht verkrampft vorzutragen.

Mit der Zeit kam die Sicherheit, und nach zwei Wochen durfte ich dann bereits alleine die vierstündige „Morning Show“ übernehmen. Dafür habe ich mir selbstständig lokale, regionale und auch überregionale Themen gesucht, daraus Nachrichten verfasst und diese „on air“ präsentiert. Klar: Zu Beginn habe ich auch einige Fehler gemacht, die zum Teil mit der Unsicherheit in der Sprache zu tun hatten. So habe ich einmal statt Dollar instinktiv Euro gesagt. Das hat vor allem bei meiner Familie zu Heiterkeit geführt, die in der Heimat fleißig mithörte. Denn trotz der enormen Entfernung konnten meine Familie und Freunde in Deutschland über einen Live-Stream im neuseeländischen Radio die Sendungen mitverfolgen. Wenn ich dann morgens um acht Uhr meine Nachrichten präsentiert habe, waren das quasi die Gutenachtgeschichten für meine Zuhörer im Saarland.

In Neuseeland trifft man nicht nur supernette Kiwis, das Land an sich ist auch wunderschön.

Carolin Cullmann

Apropos Gutenachtgeschichten, genächtigt habe ich im Greenhouse Backpackers Hostel im idyllischen Örtchen Dargaville, das sich in der Region Northland auf der Nordinsel Neuseelands befindet. Das Hostel war für mich die preiswerteste Lösung, zum Radiosender war ich zu Fuß in nur vier Minuten. Während meiner zwei Monate in Dargaville war das Greenhouse Backpackers ein richtiges Zuhause für mich. Die Inhaber, das Ehepaar Jones, kümmerten sich um uns, „ihre Kinder“, wie richtige Eltern: Papa-Jones machte jeden Morgen die Küche sauber und ließ Geschirr, das versehentlich vergessen wurde, verschwinden, und Mama-Jones räumte die Wäsche hinterher.  Die Jones‘ hatten auch immer ein offenes Ohr für ihre Gäste und sorgten dafür, dass sich alle wohlfühlten, wie eine richtige Familie eben.

In Neuseeland trifft man aber nicht nur supernette Kiwis (Menschen und Vögel). Das Land an sich ist wunderschön und bietet landschaftlich alles: Skigebiete, Gletscher, in denen man wandern kann, Wälder mit riesigen Kauri-Bäumen, die oftmals über 2000 Jahre alt sind, zwei Meere, nämlich den Pazifik und die Tasmanische See, deren Zusammenprall man am beinahe nördlichsten Punkt Neuseelands, dem Cape Reinga, sehen kann. Aber auch kristallklare Seen und Gebirge machen die Landschaft aus. Und natürlich ganz viel Grün, Grün, Grün.

Das Großstadtfeeling wird einem vor allem in Neuseelands größter Stadt Auckland, deren Aushängeschild der bekannte Skytower ist, geboten. Auckland ist wegen seines hohen Verkehrsaufkommens und Tourismus bei den Einheimischen allerdings nicht sehr beliebt und wird abschätzig „Sin City“ genannt. In der Hauptstadt und „Windy City“ Wellington trägt man mit langen Haaren besser einen Pferdeschwanz, sonst könnte es beim Sightseeing problematisch werden. Und wo bleiben Bilbo und Co.? In Hobbiton natürlich. Das Film Set mit den berühmten Hobbit-Höhlen wurde für Besucher erhalten und befindet sich auf einer Schafsfarm in der Region Waikato, etwa zwei Stunden weg von Auckland. Bei schönem Wetter ist es fast so, als wäre man wirklich in Tolkiens Auenland. Und bei schlechtem Wetter… Tja, da kann man sich immer noch einen Cider im Green Dragon gönnen.

Das Praktikum hat mir Augen und wortwörtlich die Ohren geöffnet für die Welt des Hörfunks und bot mir auch die Möglichkeit in einem sehr familiären Umfeld wirklich tolle Menschen kennenzulernen vor der Kulisse dieses malerischen Landes. Kein Wunder, dass sich die Hobbits hier so wohl fühlen! Kia Ora!

Quellennachweis
  • Bilder
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