Oliver Dietze

Europa ist in Lehre und Forschung der Saar-Uni fest verankert. Dieser Schwerpunkt wird nun weiter gestärkt.

Europawissenschaften

Neue Studiengänge bilden Experten für Europa aus

Die Universität des Saarlandes geht zum kommenden Wintersemester mit dem neuen Bachelorangebot „Europawissenschaften“ an den Start: Dabei entscheiden sich die angehenden Studierenden für eine der drei Disziplinen Geographie, Neuere Geschichte oder Vergleichende Literaturwissenschaft. Das fachbezogene Studium wird ergänzt durch einen interdisziplinären „Kernbereich“ mit Lehrveranstaltungen zu den Grundlagen Europas.
Von Gerhild Sieber • 07.05.2020

Mit gleich drei neuen Bachelorstudiengängen will die Universität des Saarlandes das Thema „Europa“ stärker in den Vordergrund rücken: „Geographien Europas“, „Neu-Zeit-Geschichte“ und „Vergleichende Literaturwissenschaft“ heißen die fachbezogenen Ausrichtungen der neu geschaffenen „Europawissenschaften“. Mit der Wahl des Studienfachs entscheiden sich die Studierenden für ein klares wissenschaftliches Profil. „Sie werden also Geographen, Historiker oder Literaturwissenschaftler“, sagt Florian Weber, Juniorprofessor für Europastudien in Saarbrücken. Er hat das Angebot mitkonzipiert und betont: „Die Besonderheit ist die gemeinsame Basis der drei Studiengänge – und die heißt Europa.“ Konkret bedeutet dies, dass alle Studentinnen und Studenten einen interdisziplinären „Kernbereich“ belegen, in dem sie das Wissen für ein grundlegendes Verständnis von Europa erwerben. „Hier vermitteln wir allen Studierenden einen Überblick über historische und aktuelle Entwicklungsprozesse, damit sie verstehen, was das heutige Europa ausmacht“, erläutert Florian Weber. Der Kernbereich macht etwa ein Drittel der zu erbringenden Studienleistungen aus. Auf dem Lehrplan stehen Inhalte aus der europäischen Geschichte, Geographie und Politik, dem Europarecht sowie aus Literatur und Medien. Auch Sprachkurse gehören zum Kernbereich – nicht nur als zusätzliche Qualifikation, sondern auch, weil sie eine wichtige Voraussetzung für den Auslandsaufenthalt sind.

Schwerpunktfach „Geographien Europas“

Ergänzt wird das Kernbereichs-Studium durch das jeweilige Schwerpunktfach, in dem zum Studienabschluss auch die Bachelorarbeit geschrieben wird. „Die Ausrichtung ‚Geographien Europas‘ behandelt die raumbezogenen Entwicklungsprozesse innerhalb Europas“, erklärt Florian Weber, der selber in der Fachrichtung Geographie unterrichtet. Betrachtet werden vor allem die politischen, ökonomischen und sozialen Bedingungen in den europäischen Staaten. „Mit Konzepten aus der Humangeographie und angrenzenden Bereichen wollen wir beispielsweise Prozesse der Wirtschafts- und Stadtentwicklung erklären oder zwischenstaatliche Beziehungen und Migrationsbewegungen interpretieren“, sagt Weber. Neben der Analyse räumlicher Entwicklungen geht es dabei auch um Planungs-Aspekte und darum, Zukunftsperspektiven zu erarbeiten. „Die Studierenden lernen Methoden der Sozialforschung kennen, außerdem Grundkenntnisse der Kartographie und den Umgang mit digitalen Geographischen Informationssystemen“, ergänzt sein Kollege Peter Dörrenbächer, Professor für Kulturgeographie.  

privat

Die Besonderheit ist die gemeinsame Basis der drei Studiengänge – und die heißt Europa.

Florian Weber

Schwerpunktfach „Vergleichende Literaturwissenschaft“

Die europäische Literatur sowie Film, Theater und andere Medien sind Gegenstand des Schwerpunktfachs „Vergleichende Literaturwissenschaft“. „Das Bild Europas ist in erheblichem Maße kulturell geprägt und schlägt sich seit der Antike in der Literatur und den Künsten nieder“, erläutert Christiane Solte-Gresser, Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Die Auseinandersetzung mit diesen kulturellen Artefakten vermittele den Studierenden ein vertieftes Verständnis für europäische Gesellschafts- und Kulturentwicklungen, darüber hinaus eine breitgefächerte Literatur- und Medienkompetenz. Der Schwerpunkt des Studiums liegt auf den unterschiedlichen Formen des kulturellen Austauschs innerhalb Europas; er wird jedoch ergänzt durch die Wechselbeziehungen zwischen europäischen und außereuropäischen Literaturen und Medien. „Der Studiengang richtet sich an alle, die sich für Literaturen und Kulturen Europas interessieren, aber auch in anderen europarelevanten Wissensgebieten firm werden möchten“, sagt die Saarbrücker Literaturwissenschaftlerin. Weitere Pluspunkte seien ein hoher Praxisbezug – beispielsweise durch ein Praktikum in einer europäischen Kulturinstitution –, das Auslandssemester und das Sprachenlernen.  

Schwerpunktfach „Neu-Zeit-Geschichte“

Die Ausrichtung „Neu-Zeit-Geschichte“ behandelt die Neuere Geschichte Europas. Neben dem Blick in die Vergangenheit europäischer Geschichte geht es dabei auch um die aktuelle Wahrnehmung Europas in der Welt. „Mit dem Studiengang etablieren wir hier in Saarbrücken einen Schwerpunkt in Neuerer Geschichte, der sich explizit mit den Strukturen, Entwicklungen und Problemen europäischer Staaten, Gesellschaften und Kulturen sowie der europäischen Integration seit 1945 auseinandersetzt“, erklärt der Professor für Europäische Zeitgeschichte Dietmar Hüser. Die Studierenden lernen dabei die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Aspekte der europäischen Geschichte kennen. Zudem werden den angehenden Europa-Experten die Methoden vermittelt, mit denen sie sich historischen Fragestellungen nähern können, beispielsweise, indem sie Quellen und Forschungstexte kritisch analysieren. In weiteren praxisorientierten Übungen lernen sie unter anderem die Grundlagen der Geschichtsdidaktik oder des Archiv- und Museumswesens kennen.

Das eigene Profil stärken

Dritte Säule des Studiums ist ein Wahlpflichtbereich. In diesem können die Studierenden Lehrveranstaltungen nach ihren individuellen Interessen belegen, um das eigene europabezogene Profil zu stärken – „oder auch, um über den Tellerrand zu blicken“, wie Florian Weber sagt. Die Fächerauswahl ist daher groß: Neben Kursen aus der Betriebswirtschaftslehre oder der Philosophie kann man auch Veranstaltungen der Medienkomparatistik oder Romanistik belegen oder sich für Klassische Archäologie oder Vor- und Frühgeschichte entscheiden. Daneben stehen Veranstaltungen aus einem breit angelegten Optionalbereich der Universität zur Auswahl.

Das fünfte Semester ist für das Studium an einer europäischen Universität vorgesehen, in den „Geographien Europas“ ist auch ein selbstständig durchgeführtes Forschungsprojekt im europäischen Ausland möglich. Ein achtwöchiges Berufspraktikum bietet zudem die Chance, Einblicke in die Arbeitspraxis zu erhalten. Damit bei den drei Studiengängen alles gut ineinandergreift, kümmert sich Elisabeth Marx im Europa-Kolleg CEUS um die Koordination – als zentrale Ansprechpartnerin für die Belange der Studierenden.

Hintergrund:
Europa spielt in der Historie der Universität des Saarlandes und in der aktuellen Lehre und Forschung eine besondere Rolle: Mit ihrer deutsch-französischen Gründungsgeschichte ist die Universität seit ihren Anfängen europäisch ausgerichtet. Begünstigt wird dies durch ihre Lage unmittelbar an den Grenzen zu Frankreich, Luxemburg und Belgien. Die interdisziplinäre Europaforschung ist eines der Alleinstellungsmerkmale der Saar-Uni, und beim Studienangebot zeichnet sie sich durch einen besonders hohen Anteil grenzüberschreitender Bachelor- und Masterstudiengänge aus (www.uni-saarland.de/studium/angebot/international).

Das Zertifikat Europaicum:
Als europaorientierte Zusatzqualifikation ist in Saarbrücken seit vielen Jahren das Zertifikat Europaicum etabliert. Dieses können Studierende aller Fakultäten parallel zu ihrem Fachstudium erwerben: www.uni-saarland.de/einrichtung/ceus/europastudium/europaicum

 

Florian Weber

Auf der luxemburgischen Seite der Mosel, inmitten von Weinbergen, liegt der Winzerort Schengen. Hier wurde 1985 das Schengener Abkommen unterzeichnet, das die schrittweise Einführung eines Europas ohne Grenzkontrollen ermöglicht hat und am 26. März 1995 in Kraft trat. Im Zuge der Corona-Pandemie führten verschiedene europäische Länder wieder Grenzkontrollen ein, gegen die sich immer mehr Widerstand entwickelt. Ein Europa offener Grenzen gehört zum Alltag bereits fest dazu.

Weitere Infos

Link zu den Studiengängen und zur Bewerbung:
www.uni-saarland.de/europawissenschaften

Europa-Kolleg CEUS:
Die Koordination der drei Bachelor-Studiengänge der Europawissenschaften ist im Europa-Kolleg CEUS der Universität verankert. Das CEUS vernetzt fächerübergreifend alle europabezogenen Aktivitäten in Forschung und Lehre.
www.uni-saarland.de/einrichtung/ceus

Quellennachweis
  • Bilder
    Oliver Dietze

    Florian Weber

    privat