Thorsten Mohr

Britta Özen-Kleine kennt die Antikensammlung der Saarbrücker Archäologen aus dem FF.

Archäologie

Klein und fein

Die Antikensammlung der Saarbrücker Archäologen ist im Vergleich zu den Sammlungen anderer Institute recht klein und jung. Aber die Qualität der antiken Statuen und Gegenstände – Abgüsse wie Originale –, die den Saarbrücker Archäologen zur Verfügung steht, ist hervorragend. Die Sammlung entführt die Betrachter in den Alltag der Menschen vor Tausenden Jahren. Britta Özen-Kleine kennt die rund 400 Statuen, Portraitköpfe und Alltagsgegenstände aus dem FF.
Von Thorsten Mohr • 23.06.2016

Die sehen doch alle gleich aus! Blasse Gipskörper, die Nase abgebrochen, ein Arm weg, der Blick leer, schroffe Grate ziehen sich über die Gewandfalten. „Schlampige Arbeit des Bildhauers“, könnte der ahnungslose Laie denken. „Eine detailgetreue Nachbildung des antiken Originals“, sagt hingegen die Expertin. Britta Özen-Kleine, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Klassische Archäologie, kennt die Sammlung genau. Und es sind gerade diese Grate und schroffen Kanten, die für Laien wie Schäden wirken, die die Archäologin hingegen begeistern. „Wir haben hier vor allem ältere Abgüsse, die in Gipsformen gegossen wurden. Und deren Wiedergabequalität ist sehr gut“, stellt sie fest.

Diese Qualität zahlt sich aus. Die Sammlung, die Ende der 1960er Jahre vom damaligen Lehrstuhlinhaber Friedrich Hiller gegründet wurde, dient bis heute angehenden Archäologen als Anschauungsmaterial. „Wenn sich die Studenten im Seminar Power-Point-Folien einer Kore, eine weibliche archaische Statue, anschauen, sehen sie nur Vorder- und Rückseite auf einer Leinwand. Hier können sie hingegen herumgehen und sich die Details von allen Seiten genau anschauen“, erläutert Britta Özen-Kleine. Die Studenten lernen so, eine Statue genau zu beschreiben und zu datieren. Dabei sind viele Dinge wichtig: Wie sind die Augen und die Wange gearbeitet? Wie ist die Körperhaltung? Welche Schrittstellung nehmen die Figuren ein? Trägt man all diese Einzelheiten zusammen, ergibt sich ein vollständiges Bild: „Eine Statue des mittleren 6. Jahrhunderts vor Christus sieht für Laien vielleicht genauso aus wie eine Statue aus dem frühen 5. vorchristlichen Jahrhundert“, sagt Britta Özen-Kleine. Für Fachleute sind sie aber eindeutig auseinanderzuhalten. Das lernen die Archäologiestudenten in der Antikensammlung.

Neben den rund 100 Repliken von Statuen und Portraitköpfen beherbergt die Sammlung außerdem gut 300 originale Artefakte. Öllampen, Schmuckdöschen, Gewandnadeln, Spiegel, Trinkgefäße, Terrakottafigürchen, Gürtelanhänger und viele weitere Gegenstände geben Einblicke in rund zwei Jahrtausende antiker Alltagsgeschichte. Der älteste Gegenstand ist ein mykenisches Trinkgefäß von ca. 1300 vor Christus. Die jüngsten Stücke stammen aus der Spätantike, also in etwa der Epoche zwischen 400 und 600 nach Christus. Kunstvolle, mit feinen, bunten Mustern überzogene Trinkgefäße stehen in den gläsernen Schaukästen neben einfach gearbeiteten bronzenen Gewandnadeln.

 

Wir können zum Teil einzelne Werkstätten und deren Vasenmaler identifizieren, genauso, wie ein Kunsthistoriker einen van Gogh zwischen anderen Gemälden eindeutig erkennt

Dr. Britta Özen-Kleine

 

Auch hier sind es die Details, die für den Laien unsichtbar sind, für die Fachfrau hingegen ein klares Bild ergeben. „Wir können zum Teil einzelne Werkstätten und deren Vasenmaler identifizieren, genauso, wie ein Kunsthistoriker einen van Gogh zwischen anderen Gemälden eindeutig erkennt“, erklärt Britta Özen-Kleine. Der eine malt ein Auge auf ganz bestimmte Art, bei dem anderen Künstler hat hingegen das Schlüsselbein einen ganz besonderen Schwung. Ein Vasenfragment in Saarbrücken ist beispielsweise dem Künstler Onesimos zuzuordnen, der um 500 vor Christus ein bekannter Vasenmaler war. Er malte gerne Szenen aus der Welt des Symposions, zum Beispiel einen  Flöte spielenden Symposiasten. Solch ein Musiker ist auf dem Saarbrücker Fragment zu sehen.

Auf Gefäßen, die das Salböl für die Toten enthielten , erfahren die Altertumsforscher viel über den Totenkult in der Antike. Malereien auf den so genannten Lekythen zeigen eine trauernde Witwe und ihren vermutlich im Krieg gefallenen Gemahl. Kleine Terrakottafiguren, die in Heiligtümern, Gräbern und im Haushalt aufgestellt wurden, verraten den Archäologen viel über die religiöse und spirituelle Gedankenwelt unserer Vorfahren. Und eindrucksvolle Trinkschalen mit teils mehreren Litern Fassungsvermögen geben eine Ahnung über die Bedeutung des Symposions, des antiken Trinkgelages. Vor allem für standesbewusste Männer war die Teilnahme an dieser kulturellen Veranstaltung Pflicht. „Natürlich wurde dabei auch viel getrunken. Aber im Mittelpunkt standen das Gespräch, die Lyrik und der Disput“, sagt Britta Özen-Kleine über die antiken Trinkgenossen.

Es sind solche Details, die aus leblosen Gipskörpern wieder richtige Menschen machen, die vor Jahrtausenden gelebt haben. Solche Menschen sehen natürlich mitnichten alle gleich aus, fehlende Nasen und leblose Blicke hin oder her.

 

 

Die Antikensammlung ist nicht öffentlich zugänglich. Bei Interesse könnten Termine vereinbart werden mit Dr. Soner Özen: soner.oezen@uni-saarland.de.

Weitere Infos über die Antikensammlung auf der Webseite des Instituts für Klassische Archäologie: http://www.klassarch.uni-saarland.de/sites/sammlung/index.html.

Quellennachweis
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    Thorsten Mohr