Meike Brodé
Auslandsaufenthalt

Kaffee statt Kartelle

Meike Brodé studiert an der Saar-Uni Interkulturelle Kommunikation. Sie ist eine von wenigen Studenten, die ins außereuropäische Ausland gegangen sind, genauer gesagt, nach Medellín in Kolumbien. Die Drogenhochburg a.D. hat sich in den vergangenen 20 Jahren zu einem Innovationszentrum gemausert, das weit über die Landesgrenzen hinaus strahlt. Sie hat bereits so einiges gesehen und erlebt – von streikenden Studenten bis zur Kaffeefarm.
Von Meike Brodé • 04.12.2015

Erasmus in Spanien? Das kann doch jeder! Frei nach dem Motto „Wenn schon, denn schon“ ging‘s für mich im August 2015 als erste Austauschstudentin der Saar-Uni für ein Semester an die Universidad de Antioquia in Medellín, Kolumbien. Auf in eine Stadt, die sich innerhalb von 20 Jahren von der „gefährlichsten“ zur „innovativsten“ Stadt der Welt wurde. Jetzt sind schon dreieinhalb Monate meines Aufenthalts rum und ich will eigentlich gar nicht so schnell wieder weg.

Medellín ist ein buntes Chaos aus Innovation, Industrie, Armut und modernster Stadtplanung. Die Vielfalt, der man jeden Tag begegnet, ist unglaublich, vom hochmodernen HP-Standort neben der Uni über das wuselige Zentrum bis hin zum Parque Lleras, der riesigen Partymeile, bis nach Estadio, wo ich wohne. Medellín hat fast vier Millionen Einwohner, die sich im Tal und an den Berghängen verteilen. Bei der Arbeit mit einem gemeinnützigen Verein habe ich bei der Kinderbetreuung in einem sehr armen Viertel oben auf dem Berg geholfen. Kinder sind hier sehr wichtig und es gibt viele kostenlose Angebote für Familien aus armen Vierteln. Es hat unglaublich viel Spaß gemacht und war sehr eindrucksvoll zu sehen, wie schlicht und eben auch einfach arm die Leute dort leben.

Die Uni ist tatsächlich einer meiner Lieblingsorte. Nebenan ist der botanische Garten und viele andere öffentliche Einrichtungen, die Uni selbst beherbergt neben diversen Palmen, Bananen- und Mangobäumen kleine Äffchen und bunte kleine Vögel, es ist eben nicht ganz wie im Saarland. An meiner Uni gibt es eine fast schon traditionelle Streikkultur. Jedes Semester wird wegen irgendeines Streiks für kurze Zeit der Unterricht stillgelegt. Der scheinbar international verbreiteten schweizerischen Neutralität der BWL-Studenten verdanke ich es, dass an unserer Fakultät alles beim Alten blieb und ich das Semester normal beenden kann. Für Austauschstudenten gibt es aber bei längerem Ausfall der Kurse Privatunterricht, was ich als sehr großes Privileg empfinde. Die Uni genießt einen sehr guten Ruf in Kolumbien und die Dozenten sind sehr flexibel und auch dann verständnisvoll, wenn man die Hausaufgabe nur nicht abgeben kann, weil man im Karibikurlaub war.

Denn grundsätzlich freuen sich die Leute hier über Touristen und ausländische Studenten, weil sie ein Zeichen für die Sicherheit im Land sind, und die Kolumbianer sind sehr stolz auf die positiven Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Die Menschen sind sehr herzlich und hilfsbereit, und wenn man ihnen dasselbe entgegenbringt, sprich, ein Lächeln und ein bisschen Gelassenheit, legen sie einem zuweilen die Welt zu Füßen. Sind die Haare auch nur ansatzweise heller als schwarz, wird man hier „mona“ gerufen (Blondine), was aber auf keinen Fall böse gemeint ist.

Bevor ich herkam, hatte ich Befürchtungen, mich ein halbes Jahr lang ab Einbruch der Dunkelheit in meinem Zimmer verstecken zu müssen. Die Realität sieht zum Glück anders aus. Insgesamt ist mein Leben hier auch ein ganz normales Studentenleben – unter der Woche ist Uni und man trifft sich für Gruppenarbeiten, geht auf dem Campus schwimmen oder trinkt einen Juguito, und am Wochenende geht man zusammen weg, fährt ins Grüne, kocht.

Natürlich gibt es viele Unterschiede, und nicht alle sind für das Auge erkennbar. Nach 10 Uhr bewege ich mich größtenteils im Taxi (das ist hier sehr günstig, wie vieles andere auch) und man passt schon immer etwas genauer auf seine Sachen auf, aber ein bisschen Schwund ist ja immer. Das Verkehrssystem ist hier ansonsten gut, es gibt jede Menge Busse, eine neue Straßenbahn und die immer noch einzige Metro im Land.

Seit meiner Ankunft habe ich schon einiges von Kolumbien gesehen: Kaffeefarmen, Wachspalmentäler, die Karibikinsel San Andres, Cali, die Seen von Guatapé... und diese Woche geht es wieder los, nach Santa Marta und Cartagena an der Karibikküste. Der Dezember ist hier übrigens der absolute Partymonat und wurde schon mit Feuerwerk und Schießpulver eingeläutet.

Alle, die sich für ein Auslandssemester in Kolumbien interessieren können sich gerne mal melden, und bitte nicht von den Reise“empfehlungen“ des Auswärtigen Amts einschüchtern lassen. Ich glaube, die brauchen mal ein Update ;-)

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