Oliver Dietze

Die Freundschaftsbrücke in Kleinblittersdorf ist für Florian Weber und Sarah Spies ein Symbol für offene Grenzen in Europa.

Studiengang

Experten für das Europa von morgen

Wie wird in Europa Politik gemacht? Was sind gemeinsame Werte? Und was kennzeichnet Grenzregionen wie das Saarland? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das neue Bachelor-Angebot Europawissenschaften.
Von Friederike Meyer zu Tittingdorf • 22.12.2020

„Als im März aufgrund der Corona-Pandemie die deutsch-französische Grenze geschlossen wurde, hat das vielen jungen Menschen erst bewusst gemacht, was Freizügigkeit in Europa bedeutet“, sagt Florian Weber, Juniorprofessor für Europastudien der Saar-Universität. Er möchte den derzeit 28 Studierenden in dem neuen Bachelorprogramm Europawissenschaften vermitteln, was das heutige Europa ausmacht. „Die Situation im Frühjahr hat allen deutlich vor Augen geführt, wie eng verflochten die Wirtschaft und Gesellschaft auf beiden Seiten der Grenzen ist. Dies wurde erst durch das Schengener Abkommen, das vor 25 Jahren in Kraft trat, und die gemeinsame europäische Währung möglich“, erklärt Weber.

Um Europa zu verstehen, reiche es nicht aus, sich mit dem europäischen Einigungsprozess nach dem Zweiten Weltkrieg zu beschäftigen. Man müsse auch die politischen Entscheidungsstrukturen der Europäischen Union kennen und die wirtschaftliche Entwicklung verfolgen. „Der neue Studiengang ist daher sehr interdisziplinär angelegt. Neben der europäischen Geschichte, Geographie und Politik geht es auch um das Europarecht sowie die Literatur und die Medien in den einzelnen europäischen Ländern“, erläutert der Dozent. Im Unterschied zu anderen Europa-Studiengängen lernen die Studierenden an der Saar-Uni nicht nur diese breiten Grundlagen kennen, sondern sie wählen zudem ein Vertiefungsfach, das auch als Masterstudium fortgesetzt werden kann. Dafür stehen die Geographie, Neuere Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft zur Wahl.

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Was diese europäische Identität ausmacht und was im Gegenzug als ‚fremd‘ empfunden wird, damit beschäftigen sich die Studierenden.

Professor Florian Weber

„In den Geographie-Seminaren beschäftigen wir uns zum Beispiel mit Grenzregionen und vergleichen die Oder-Neiße-Grenze mit der Großregion. Dabei analysieren wir auch die Auswirkungen der früheren kommunistischen Systeme und suchen nach den Ursachen für die europakritische Stimmung in Polen“, erklärt Weber. Die Zusammenhänge in Europa seien häufig so komplex, dass eine Disziplin nicht mehr ausreiche, um aktuelle Entwicklungen korrekt zu interpretieren. „Nach dem islamistisch motivierten Mord an dem französischen Lehrer Samuel Paty im Oktober rückten beispielsweise die Pariser Vorstädte in den Blick, in denen viele Migranten leben. Die Lage dort lässt sich nur verstehen, wenn man die französische Kolonialgeschichte kennt und sich mit dem Laizismus, der strikten Trennung von Religion und Staat in Frankreich, auseinandersetzt“, sagt Weber. Bei den Solidaritätsbekundungen für Paty hätten sich viele Menschen über Ländergrenzen hinweg für die gemeinsamen europäischen Werte stark gemacht. „Was diese europäische Identität ausmacht und was im Gegenzug als ‚fremd‘ empfunden wird, damit beschäftigen sich die Studierenden unter anderem in unseren kulturwissenschaftlichen Seminaren“, so der Professor.

Sarah Spies gehört zum ersten Jahrgang des neuen Europa-Studiengangs. Sie hatte im vergangenen Jahr mit Psychologie begonnen, war dann aber so begeistert von dem neuen Angebot, dass sie jetzt erst einmal zweigleisig fährt. „Ich fand es im Geographie-Unterricht in der Schule spannend, die Siedlungsentwicklung zu betrachten und die Unterschiede zwischen Stadt und Land zu analysieren. Ich interessiere mich aber auch für Literatur und die europäische Politik, vor allem jetzt, wo es durch den Brexit und die Coronakrise alles instabiler wird“, sagt Spies. Die 20-Jährige ist in Saarbrücken aufgewachsen und erlebte es als völlig normal, ihre Verwandtschaft in Lothringen zu besuchen. „Durch die Pandemie und die vorübergehende Grenzschließung lernt man diese Freiheit erst wieder zu schätzen“, unterstreich Sarah Spies.

Europawissenschaften: Videovortrag zum Studiengang
https://www.youtube.com/watch?v=EzSX53gN2Ww

Sie freut sich darauf, noch mehr über andere Länder und Grenzregionen zu erfahren und kann sich vorstellen, den Masterstudiengang „Border Studies“ anzuschließen, eines von mehreren Masterprogrammen der Saar-Uni, aus denen sie wählen kann. Ein Auslandsaufenthalt ist für sie noch vor dem Bachelorabschluss verpflichtend, im Geographie-Schwerpunkt kann dieser auch mit einem Forschungsprojekt verbunden werden. Über ihre Berufsaussichten macht sich Sarah Spies keine Sorgen. „Im politischen Umfeld in Berlin und Brüssel oder auch in Verbänden und Nichtregierungsorganisationen gibt es sicherlich viele Möglichkeiten“, meint Spies. Das sieht ihr Professor ähnlich: „In der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit sind in den letzten Jahrzehnten viele Einrichtungen entstanden. Zudem können unsere Absolventen auch ihren Schwerpunkt ausbauen und beispielsweise in der Stadtplanung oder in Kultureinrichtungen eine Stelle finden“, erläutert Weber.

Info: www.uni-saarland.de/europawissenschaften

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