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Translation Science and Technology

Ein Blick hinter die Kulissen der Sprachtechnologie

Übersetzer müssen heute sehr viel mehr können als „nur“ eine Sprache in die andere zu übertragen. Sie müssen wissen, wie die Übersetzungsprogramme funktionieren, die in Zeiten der Digitalisierung einen Teil der Arbeit leisten. Das Verständnis dieser Technologie ist eine Schlüsselqualifikation für heutige Übersetzer. Im Saarbrücker Master-Studiengang „Translation Science and Technology“ der Fachrichtung Sprachwissenschaft und Sprachtechnologie lernen die Studenten genau das. Einer von ihnen ist Kai Bleif. Dabei wollte er anfangs gar nicht hier studieren.
Von Thorsten Mohr • 05.04.2018

„Eins ist klar: Maschinelle Übersetzungen sind auf dem Vormarsch. Aber jede computergestützte Übersetzung ist nur so gut, wie der menschliche Programmierer es vorgibt oder so gut, wie das künstliche neuronale Netz, das im Hintergrund agiert.“ Damit hat Fadia Sauerwein eigentlich schon einen wesentlichen Schwerpunkt des Master-Studiengangs „Translation Science and Technology“ in zwei kurzen Sätzen zusammengefasst. Und gleichzeitig auch das Alleinstellungsmerkmal genannt, das die Saar-Uni von allen anderen Standorten in Deutschland unterscheidet, die einen starken sprach- und übersetzungswissenschaftlichen Schwerpunkt haben. „Es gibt einige sehr gute Universitäten und Hochschulen, die einen eher klassischen Übersetzungsstudiengang anbieten. Wir sind aber die einzigen in Deutschland, die einen so großen technologischen Anteil im Studium haben und mit der Computerlinguistik unter einem Dach vereint sind“, erklärt die promovierte Übersetzerin die Besonderheiten dieses Saarbrücker Modells. Denn Übersetzer arbeiten heute mitnichten nur mit Stift und Papier. Große Übersetzungsdienstleister werden im Zuge der Digitalisierung immer mehr zu Technologieunternehmen, die mithilfe ausgeklügelter CAT-Tools, also mit computergestützen Übersetzungswerkzeugen, alle denkbaren Texte übersetzen, vom wenige Zeilen umfassenden Snippet – Textschnipsel aus dem Internet – bis hin zu komplexen Fachtexten. Und dafür ist neben der reinen Sprach- und Übersetzungskenntnis vor allem eines nötig: Technisches Verständnis der Computerprogramme und des maschinellen Lernens, die dahinter stehen.

 

 

Diese Besonderheiten haben auch Kai Bleif ins Masterstudium gelockt, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes über Umwege. Der 31-Jährige, der im Saarland zunächst Philosophie studierte, ist während einer Auslandsreise  im Jahr 2012 bei der Durchreise in Ecuador  in der Hauptstadt Quito hängengeblieben. Dort hat er sehr schnell sein „ziemlich mittelmäßiges Spanisch“, wie er sagt, verbessern müssen, um in der Anden-Metropole den Alltag bewältigen zu können. Das hat letzten Endes so gut funktioniert, dass seine Freunde ihm rieten, seinen Lebensunterhalt mit Deutschunterricht für Einheimische zu verdienen und Übersetzungen anzubieten. Sein Geschäft lief exzellent. Nach kurzer Zeit hatte er so viele Aufträge, dass er sogar Bekannte hinzuziehen musste, um alle Aufträge abzuarbeiten.

 

Thorsten Mohr

Mir war viel daran gelegen, einen praxistauglichen Studiengang zu finden. Und anfangs war ich überzeugt, dass das Saarland hier nicht mit anderen Standorten mithalten kann.

Kai Bleif

 

In Kai Bleif keimte schließlich der Gedanke, das Übersetzen auch in einem Studiengang akademisch zu vertiefen. „Mir war aber viel daran gelegen, einen praxistauglichen Studiengang zu finden“, erklärt er. „Und anfangs war ich überzeugt, dass das Saarland hier nicht mit anderen Standorten mithalten kann“, führt er weiter aus. Es lockten die großen, attraktiven Studenten-Metropolen wie München oder Köln.

Dass dies allerdings ein Trugschluss war, merkte er schnell, als er sich über die einschlägigen Standorte für Sprach- und Übersetzungswissenschaften in Deutschland informierte. „Die meisten Studiengänge in anderen  Bundesländern vermitteln mehr eine rein translatorische Kompetenz“, lautete sein Fazit. Sprich: Die Studentinnen und Studenten erarbeiten sich vor allem Übersetzungsmethoden und -theorie.  Eine zusätzlich praxistaugliche multimediale Anwendung des Erlernten kamen ihm dort aber zu kurz. In Saarbrücken jedoch fand er eine einmalige Kombination aus klassischer Übersetzerausbildung mit integriertem technologischen Know How. „Hier lernen die Studenten den Umgang mit den Computerprogrammen, die Übersetzer später im Berufsleben brauchen.“

Zum einen ist es wichtig für die Übersetzer, dass sie wissen, wie solche Computerprogramme funktionieren. Zum anderen sind die Sprachdienstleister, die solche Programme anbieten und vermarkten, begehrte Arbeitgeber für Übersetzer. Die Absolventen des Saarbrücker Masterstudiengangs „Translation Science and Technology“ sind damit bestens gerüstet, um bei der Entwicklung und Pflege solcher Programme mitzuarbeiten. „Unser Abschluss ist unmittelbar berufsqualifizierend. Absolventen anderer Standorte müssen oft noch nach dem Studium die erforderlichen technologischen Kompetenzen auf eigene Faust erwerben“, erläutert Diplomingenieur Rainer Egler, ebenfalls Dozent an der Fachrichtung Sprachwissenschaft und Sprachtechnologie.

Kai Bleif, der mit seinen 31 Jahren schon einige Erfahrungen auch aus seiner Zeit als freiberuflicher Übersetzer in Südamerika sammeln konnte, war anfangs  nach der Analyse der Standorte selbst überrascht, dass er seinen Master-Abschluss schließlich doch im beschaulichen Saarbrücken macht – im Sommersemester 2018 wird er fertig werden – und nicht in München oder Köln, Rückblickend war seine Entscheidung aber goldrichtig. Schließlich lernt er nur hier, so genau hinter die Kulissen der Technologie zu blicken.

Die Studiengänge

Ein Schwerpunkt des Saarbrücker Masterstudiengangs „Translation Science and Technology“ liegt auf neueren Methoden der Sprachtechnologie und der empirischen Forschung. Die Studierenden qualifizieren sich für moderne Arbeitsprozesse in mehrsprachiger Kommunikation. Darüber hinaus werden Forschungsmethoden der empirischen Sprach- und Übersetzungswissenschaft intensiv geschult.
Auch Interdisziplinarität und Praxisorientierung werden groß geschrieben. Sprachwissenschaft, Korpuslinguistik und Computerlinguistik sind ebenso Bestandteile des Studiums wie berufsorientierte Pflichtmodule und die Möglichkeit, eine externe Abschlussarbeit anzufertigen.
Weitere Infos gibt es hier.

Eine passgenaue Grundlage für diesen Studiengang ist der Bachelor-Studiengang „Language Science“. Er richtet sich an Personen, die eine breite und dennoch fokussierte sprachwissenschaftliche Ausbildung anstreben. Er zeichnet sich durch eine besondere Praxisorientierung aus, die sich sowohl in der Konzeption des Gesamtstudiengangs wie auch in den Konzeptionen der vier Wahlpflichtbereiche Europäische Sprachen, Sprachverarbeitung, Phonetik und Translation niederschlägt.
Infos auf dieser Webseite.

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