Alexandre Rossier (Titelfoto)
Rennsport

Direktoren des Asphalt-Zirkus

Drei Studenten der Saar-Uni sind als Team aus Manager und Ingenieuren für den Erfolg eines Autos in der GT4-Rennserie verantwortlich. Stefan Monz und seine Kommilitonen müssen den Wagen und den kompletten Rennzirkus dabei auf legendäre Rennstrecken wie Spa und Monza einstellen – eine Erfahrung, die Studenten nur äußerst selten machen können.
Von Thorsten Mohr • 10.05.2016

Rennfahrer: Neben Feuerwehrmann, Polizist und Superheld rangiert der Job als PS-Dompteur vermutlich immer noch ganz weit oben auf der Rangliste der Traumberufe für kleine Jungs (und immer mehr Mädels). Aber ähnlich wie beim Zirkus muss es auch Leute geben, die den Löwen füttern und pflegen und die dafür sorgen, dass der Zirkus sicher und pünktlich von Stadt zu Stadt kommt. Und wie die Dompteursposten im Zirkus sind die Plätze hinterm Lenkrad im Rennzirkus ebenfalls begrenzt.

 

Joel Kernasenko (weitere Bilder)

Das Reiter Young Stars Team KTM; von links nach rechts: Saar-Uni-Doktorand Jerome Kaspar, die Studenten Stefan Monz und Patrick Christoffel, der Fahrer Jamie Jason Vandenbalck, Teamchef Hans Reiter, vorne sitzend Fahrerin Laura Kraihamer.

Auch für Stefan Monz hat sich der Weg zu einer Rennsportkarriere nicht über den Platz auf dem Fahrersitz, sondern über den Posten des Teammanagers geöffnet. Der 23-Jährige ist für den reibungslosen Ablauf im „RYS Team KTM“ zuständig, einem von 20 Teams und insgesamt 27 Fahrzeugen, die in der europäischen GT4-Serie auf Rennstrecken unterwegs sind, deren Namen Rennsportfans die Freudentränen in die Augen treiben, zum Beispiel Spa und Monza.

Der Student der Saar-Uni hat selbst Benzin im Blut, auch wenn er selbst keine Rennen fährt. „Ich bin selbst total rennsportaffin und schaue mir alle Rennen an, die im Fernsehen kommen“, sagt der angehende Wirtschaftsinformatiker aus Eppelborn-Wiesbach. Gemeinsam mit seinen Kommilitonen Patrick Christoffel (ebenfalls 23) und dem 25-jährigen Doktoranden Jerome Kaspar, die sich als Ingenieure um die Technik kümmern, ist er dafür verantwortlich, dass ihr 360-PS-Bolide des Leichtbau-Spezialisten KTM erfolgreich über die Ziellinie kommt.

Und das ist gar nicht so einfach, denn die Konkurrenz klingt nicht gerade nach gemütlicher Bummelfahrt: Porsche, Maserati, BMW und Chevrolet Camaro kommen bisweilen mit deutlich mehr PS unter der Haube daher, haben aber glücklicherweise gegenüber dem leichtfüßigen KTM einen Gewichtsnachteil: „Auf Strecken mit langen Geraden und viel Höchstgeschwindigkeit haben wir gegenüber den 500 PS starken Gegnern zwar das Nachsehen“, konstatiert Ingenieur Patrick Christoffel. Aber da ihr KTM lediglich knapp 1,1 Tonnen wiegt, Chevrolet und Co. aber gut anderthalb Tonnen, können sie den Nachteil in den Kurven wieder wettmachen. „In manchen Kurven können wir tatsächlich außen an den schweren Autos vorbeifahren“, erzählt der technikbegeisterte Student, der sich nach der Uni sehr gut ein Leben als Renningenieur vorstellen kann.

 

Joel Kernasenko (weitere Bilder)

Laura Kraihamer ist mit dem KTM X-Bow die derzeit schnellste Frau im Fahrerfeld

 

Worauf es dabei ankommt, lernen er und seine beiden Kommilitonen gerade im Zeitraffer. „Die größte Herausforderung ist, dass wir hier etwas machen, was wir vorher noch nie in der Art gemacht haben“, stellt Patrick Christoffel fest. „Man kann so viel machen, einstellen und natürlich auch falsch machen an den Autos, dass wir unheimlich viel lernen.“ Jede Strecke ist etwas anderes: Kommt es in Monza und seinen langen Geraden und langsamen Schikanen vor allem auf hohe Endgeschwindigkeiten an, wird das Auto in Ungarn ganz anders eingestellt werden müssen. Dort sind es vor allem die engen Kurven und kurze Geraden, die die Fahrer und die Autos meistern müssen. „Besonders wichtig ist dabei die Datenanalyse“, erklärt Jung-Ingenieur Christoffel. Ist das Auto auf der Strecke, werden permanent alle möglichen Daten gesammelt: Fliehkräfte, Beschleunigungs- und Verzögerungswerte, Motordrehzahlen, Schaltzeitpunkte und viele andere Werte. „Wenn man diese Daten analysiert und die Fahrer anschließend im Briefing darüber aufklärt, wo sie etwas besser machen können, bringt das viel mehr Zeit als eine feinere Einstellung am Auto selbst“, hat er festgestellt. „In Monza beispielsweise haben wir eine Runde im Training zuerst mit 2:04 Minuten geschafft. Nach der Datenanalyse und dem Fahrerbriefing hat unsere Fahrerin Laura Kraihamer die Runde in 2:01 Minuten geschafft.“ Das Feintuning zwischen Training und Qualifikation hätte keine drei Sekunden Zeitgewinn gebracht, ist sich Patrick Christoffel sicher. Dafür sei zwischen beiden Veranstaltungen zu wenig Zeit.

 

Joel Kernasenko (weitere Bilder)

Jamie Vandenbalck ist mit 19 Jahren einer der jüngsten Fahrer in der GT4-Klasse.

 

Möglich macht all das der Rennstall „Reiter Engineering“ des bayerischen Rennsport-Unternehmers Johann Reiter. Er fördert sowohl junge Fahrer als auch Ingenieurs- und Management-Talente in ganz Europa, die jeweils als Fünferteam, zwei Fahrer, drei Studenten, ein Auto bewegen und managen müssen. Die Talente genießen dabei viele Freiheiten. Aber für den Fall der Fälle steht ihnen natürlich ein professioneller Renningenieur zur Seite, der ihnen hilft, wenn es drauf ankommt. Acht KTM-Renner von Reiter insgesamt nehmen an der GT4-Meisterschaft teil. Die Studenten der Saar-Uni sind dabei eines von nur drei deutschen Studenten-Teams. Die Bewerber um die begehrten Studenten-Posten kommen aus ganz Europa.

Dabei mussten sich Stefan Monz und seine Kommilitonen gar nicht bewerben. „Die Firma Reiter hat uns angeschrieben, weil wir bereits lange Zeit mit dem Evolution Racing Team der Saar-Uni aktiv sind“, erklärt der 23-Jährige, der dem Saarbrücker Studenten-Rennteam vorsteht. Mit selbst entwickelten Rennwagen treten dabei Studenten aus ganz Europa auf der Rennstrecke gegeneinander an. Das weiß auch Johann Reiter, der sich in der „Formula Student“ genannten Rennserie umgeschaut hat und auf die saarländischen Nachwuchs-Ingenieure und –Rennmanager gestoßen ist.

 

Joel Kernasenko (weitere Bilder)

Neben den Fahrern der Star des Teams: Der 360 PS starke und nur rund 1100 Kilogramm leichte KTM X-Bow von Reiter Engineering.

Nach einem Rennen in Monza sieht es nicht schlecht aus für das Team. Laura Kraihamer, deren Bruder Dominik im legendären 24-Stunden-Rennen von Le Mans startet, hat die Frauenwertung für sich entschieden, ihr männlicher Fahrerkollege Jamie Vandenbalck wurde Zehnter. Da die Strecke aber nicht ideal für den leichten und vergleichsweise schwach motorisierten KTM ist und Jamie Vandenbalck außerdem Pech in der Qualifikation hatte, sind die drei Saar-Uni-Studenten zuversichtlich für die Zukunft. Wenn sie sich am Ende gegen die anderen Studententeams durchsetzen, winkt ihnen im nächsten Jahr sogar ein Einsatz in der höherklassigen GT3-Rennserie. Die PS-Biester, die es dort zu managen und in Schach  zu halten gilt, sind noch ein wenig bissiger als die GT4-Renner. Aber die drei Saarländer wissen dann ja, wie der Zirkus funktioniert.

Weitere Informationen

Nach dem Wochenende 21. bis 24. April in Monza stehen für das junge Rennteam von „Reiter Young Stars Team KTM“ noch folgende Termine im Rennkalender: 12. bis 15. Mai: Pau (Frankreich), 7. bis 10. Juli Spa-Francorchamps (Belgien), 22. bis 25. September Hungaroring (Ungarn), 6. bis 9. Oktober Zandvoort (Niederlande).

Das RYS Team KTM bei Facebook: www.facebook.com/rysteamktm
Weitere Infos sowie Videos aus der GT4-Serie: http://gt4series.com
Weitere Infos zu Reiter Engineering: www.reiter-ktm.com/de

„Die größte Herausforderung ist, dass wir hier etwas machen, was wir vorher noch nie in der Art gemacht haben“

Patrick Christoffel, Student und Renningenieur
Quellennachweis
  • Bilder
    Alexandre Rossier (Titelfoto)

    Joel Kernasenko (weitere Bilder)