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Wer seine Möbel selbst baut, mag sie mehr. Diesen sogenannten "Ikea"-Effekt gibt es wohl auch bei Chatbots.

Uni-übergreifendes Seminar

Auf den Spuren des IKEA-Effekts

Dass Studentinnen und Studenten in Teams ein Problem gemeinsam lösen, ist nichts Ungewöhnliches. Dass sie dabei aber an drei verschiedenen Universitäten studieren, hingegen schon. Genau dies tun Studentinnen und Studenten aus Saarbrücken, Karlsruhe und Dresden in einem Seminar über virtuelle Kommunikationsassistenten, so genannten Chatbots. Was vor einiger Zeit noch undenkbar schien, ist heute ein voller Erfolg. Das sehen die Master-Studierenden genauso wie das Dozententeam.
Von Thorsten Mohr • 09.08.2021

Der „IKEA-Effekt“ dürfte ein weit verbreitetes Phänomen sein. Nein, dabei handelt es sich nicht um Möbelstücke, die stets im Verbund mit verzweifelten Heimwerkern und genau einer fehlenden Schraube in Erscheinung treten. Ganz im Gegenteil. Der IKEA-Effekt bezeichnet eine gewisse emotionale Verbundenheit mit dem Möbelstück, das vom Kunden zuhause unter (hoffentlich allenfalls wenig) Blut, (meist) Schweiß und (manchmal) Tränen aufgebaut wurde. Stehen Billy, Pax und Co. fertig zusammengebaut am Ort der Bestimmung, macht sich ein gewisser Erbauerstolz breit auf das „selbstgebaute“ Möbel.  

 

Einen solchen Effekt vermuten Wissenschaftler auch in der Welt der Informationstechnologie. Nutzer von Computersystemen könnten hier beispielsweise eine höhere Bindung zu einem virtuellen Kommunikationsassistenten haben, einem so genannten Chatbot, wenn sie an diesem in gewissem Maß selbst mitgebaut haben. Ob es einen IKEA-Effekt tatsächlich auch bei Chatbots gibt, ist aber bisher nicht nachgewiesen worden. Dieser Frage gingen im Sommersemester Studentinnen und Studenten im Semniar „Collaborative Development of Conversational Agents“ auf den Grund. In verschiedenen Teams entwickelten sie verschiedene Chatbots und untersuchen spezielle  Fragestellungen – unter anderem, ob es diesen IKEA-Effekt auch bei solchen Computersystemen gibt.

 

Dabei ist nicht nur der Gegenstand der Forschung virtuell, sondern quasi das gesamte Seminar. In einer so genannten „Verteilten Vorlesung“ trafen sich nämlich Masterstudierende aus den Bereichen Wirtschaftsinformatik, Wirtschaftsingenieurwesen und Wirtschaftswissenschaften der Universitäten des Saarlandes, des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und TU Dresden im virtuellen Raum, um gemeinsam an einem Projekt zu knobeln. „Jedes Team setzt sich aus Mitgliedern aller Standorte zusammen“, erklärt Stefan Morana das Konzept. Der Juniorprofessor der Universität des Saarlandes ist mit seinen Kollegen Ulrich Gnewuch (KIT)  und Alfred Benedikt Brendel (Dresden) verantwortlicher Dozent für die Veranstaltung.

 

So wie es die finale Datenauswertung zeigt, gibt es diesen IKEA-Effekt tatsächlich auch bei Chatbots.

Christopher Wölfle, Student

 

„So wie es die finale Datenauswertung zeigt, gibt es diesen IKEA-Effekt tatsächlich auch bei Chatbots“, erklärt Christopher Wölfle, der am KIT Wirtschaftsingenieurwesen studiert. „Jedoch können wir aufgrund einer zu geringen Teilnehmerzahl keine statistisch signifikante Aussage treffen. Es empfiehlt sich, dieses Experiment in größerem Umfang erneut durchzuführen“, erklärt der 24-Jährige weiter. Sein Kommilitone Jonas Zimmermann aus Dresden war unter anderem für die linguistischen Fragestellungen verantwortlich. „Wenn ein Nutzer beispielsweise sagt ‚Füge Tomaten zur Einkaufsliste hinzu‘, müssen wir dem Bot beibringen, dass ‚Tomate‘ zum Beispiel durch ‚Milch‘ ersetzt werden kann. Dieses Grundprinzip kann der Bot dann dank spezieller Algorithmen selbst lernen und so ein Hilfsmittel für den Einkauf werden“, erklärt der angehende Wirtschaftsinformatiker. Den IKEA-Effekt messen die jungen Wissenschaftler dann dadurch, indem sie den Test-Nutzern entweder einen komplett fertigen Assistenten vorsetzen oder ihnen die Möglichkeit geben, einige Fähigkeiten des Bots selbst zu bestimmen, etwa, ob er noch Wetter-Infos mitliefert oder persönlichen Smalltalk führen kann. „Das ist tatsächlich aber nur die Illusion von Freiheit“, sagt Christopher Wölfle. „Denn beide Bots, ob nun fertig vorgesetzt oder selbst konfiguriert, sind technisch gesehen tupfengleich.“ Dennoch scheinen die Nutzer dem selbst konfigurierten Bot eine höhere Wertschätzung entgegenzubringen.

 

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Kurz vor Ende der Interaktion haben wir dann einen Fehler eingebaut. Der Bot gibt dann eine Fehlermeldung aus, dass er eine Terminabsprache des Nutzers mit dem Dozenten nicht versteht.

Paula Manzanares, Studentin

 

Ähnlich „menschelnd“ geht es beim Bot der Arbeitsgruppe von Paula Manzanares zu. Die Wirtschaftsinformatik-Studentin aus Karlsruhe geht mit ihrem Team der Frage nach, ob besonders menschlich designten Chatbots eher Fehler verziehen werden als weniger menschlich wirkenden Assistenten, obwohl auch diese in der Funktionalität identisch sind. Ihr Chatbot führt durch einen Anmeldeprozess an einer Uni, mit dem sich die Nutzer für eine Abschlussarbeit anmelden können. „Kurz vor Ende der Interaktion haben wir dann einen Fehler eingebaut“, erklärt die 22-Jährige. „Der Bot gibt dann eine Fehlermeldung aus, dass er eine Terminabsprache des Nutzers mit dem Dozenten nicht versteht.“ Eine Situation, die wohl manch einen Studenten zur Verzweiflung bringen würde, ist doch die Anmeldung der Abschlussarbeit und damit der Studienerfolg in Gefahr, nur weil ein Computerprogramm versagt. Ob ein menschlich erscheinender Bot, den die Arbeitsgruppe um Paula Manzanares zum Beispiel mehr Ausrufezeichen und Smileys benutzen lässt oder seinem Ebenbild, dem Avatar, ein etwas menschlicheres Aussehen verleiht, dabei im Urteil milder davonkommt, ist derzeit noch nicht nachgewiesen, da die Datenauswertung noch läuft. Aber auch hier scheint es in die Richtung zu gehen, dass man im Versagen des „menschelnden“ Bots eher lässliche Sünden sieht und mit dem eher maschinell daherkommenden Pendant härter ins Gericht geht.

 

Solche komplexen Fragestellungen über weit verstreut liegende Universitäten zu bearbeiten, wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen. Heute ist ein solches Format – auch dank Corona – einfacher umzusetzen. Und sehr beliebt, wie Anna-Lena Mergen attestiert. „Das Seminar funktioniert super, und ich finde, so etwas sollte unbedingt auch nach Corona weiter angeboten werden“, lautet das Resümé der 23-jährigen BWL-Studentin der Universität des Saarlandes. Nicht nur die problemlose technische Möglichkeit, per Videochat miteinander kommunizieren zu können, begeistert sie. „Vor allem, dass ich über solche Formate auch Leute von anderen Unis kennenlernen kann, die ich sonst nie kennengelernt hätte, ist toll. Das Seminar ist auch eine sehr gute Vorbereitung aufs spätere Berufsleben“, sagt Anna-Lena Mergen. „Denn wenn man so etwas schonmal gemacht hat – mit Leuten, die man vorher gar nicht gekannt hat, ein Projekt zu bearbeiten –, überlegt man es sich später dreimal, ob man nun unbedingt eine aufwändige Dienstreise um die halbe Welt macht oder ob man sich einfach per Teams zusammenschaltet.“ Das senke die Hemmschwelle zur Zusammenarbeit und verringere überdies den umweltbelastenden Dienstreiseverkehr.

 

Thorsten Mohr

Das machen wir nächstes Semester definitiv wieder. Denn Corona hin oder her: Diese Art der Zusammenarbeit spiegelt die Arbeitswelt der Zukunft wider.

Juniorprofessor Stefan Morana

 

Das ist auch das Fazit von Juniorprofessor Stefan Morana: „Das machen wir nächstes Semester definitiv wieder. Denn Corona hin oder her: Diese Art der Zusammenarbeit spiegelt die Arbeitswelt der Zukunft wider.“ Wobei: „Ein Treffen am Ende des Projekts wäre natürlich schon schön“, so der Wissenschaftler. Am Ende menschelt es dann doch, ob nun bei den Seminarteilnehmern oder beim Bot.

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