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USA

Am Konferenztisch bei Chanel in New York

Ein Auslandsaufenthalt ist für Studenten der Anglistik und Amerikanistik Pflicht. Ein ungewöhnliches Praktikum erlebte die Bachelorstudentin Jana Burnikel, die drei Monate lang bei einer Kosmetikfirma in Brooklyn arbeitete. Für „Campus“ hat sie ihre Erlebnisse aufgeschrieben.
Von Jana Burnikel • 09.11.2015

Das Tor des Penthouse fällt hinter mir ins Schloss. Direkt umfängt mich der Straßenlärm der Jay Street in Dumbo. Brooklyn: Ein Food-Truck parkt rückwärts ein, vom East River her dröhnt eine Fähre herüber. Ich schaue auf meine Schuhe hinab: Straßentreter, an den Sohlen leicht abgetragen. Ich schaue weiter an mir hinauf: schwarze Strumpfhosen, enger Bleistiftrock, Blazer. Ich bin vorbereitet, es kann losgehen. Während ich noch schnell den letzten Bissen des Bagels herunterschlucke, winke ich ein Taxi herbei.

„Zum Solow Tower“, weise ich den Fahrer an. Er nickt und gibt Gas, steuert auf die Brooklyn Bridge zu. Denn das bedeutet „zum Solow Tower“: raus aus Brooklyn, rein nach Manhattan, hinein ins Großstadtgewimmel. Und heute bedeutet es vor allem eins: Zu Chanel. Genauer gesagt: Zu den Vizepräsidenten des bekannten Kosmetikunternehmens. Diesen soll ich gemeinsam mit meiner Chefin präsentieren, was die Startup-Firma, bei der ich drei Monate lang Praktikantin bin, anzubieten hat. Und am besten alle überzeugen, in das Firmen-Produkt zu investieren. Ausgerüstet bin ich: Die Präsentation ist auf dem Laptop, die Visitenkarten sind in der Tasche verstaut, nur die Turnschuhe muss ich noch gegen schicke Pumps eintauschen.  

An der Universität des Saarlandes bin ich im Hauptfach für den interdisziplinären Bachelorstudiengang „English: Linguistics, Literatures, and Cultures“ eingeschrieben. Sechs Monate in einem englischsprachigen Land verbringen, dort in die Landeskultur eintauchen, mit den Einheimischen kommunizieren und studieren oder arbeiten, das gehört zum Studium so selbstverständlich dazu wie Seminare über die Literatur des viktorianischen Zeitalters. Statt ein halbes Jahr am Stück im Ausland zu verbringen, habe ich die Zeit aufgeteilt: Die ersten drei Monate verbrachte ich an der University of Utah in Salt Lake City, nun geht es wieder in die Staaten – aber diesmal nach New York City. Um genau zu sein: Nach Dumbo, Brooklyn.

In dem Viertel, das nicht etwa nach dem Disney-Elefanten benannt ist, sondern für „Down under the Manhattan Overpass“ steht, sprießen Startups schneller aus dem Boden als im Silicon Valley. Für Praktikanten aus dem Ausland eine regelrechte Fundgrube für Chancen aller Art. Und in einem der jungen Unternehmen bin auch ich untergekommen: Bei „Map My Beauty“. Und Beauty, also Schönheit, ist die Mission der Firma. Jede Frau auf dem Kontinent soll sie bekommen: mit neuester Technologie, persönlich auf sie zugeschnitten, direkt über ihr Smartphone. Wir basteln an einer App, die Kosmetik-Looks für jede Nutzerin personalisieren soll. Dazu analysiert die Technik in der App die sogenannten „Selfies“ der Nutzer: Sie wägt persönliche Gesichtsmerkmale wie die Farbe der Haut, der Augen und der Haare gegeneinander ab. Dann gibt sie automatisch individuell angepasste Makeup-Empfehlungen. Die Produkte dazu kann die Nutzerin anschließend direkt über die App kaufen.

Bevor aber die Applikation im App-Store an den Start gehen kann, müssen wir erst die US-amerikanischen Kosmetikmarken dafür gewinnen, also Deals mit ihnen abschließen: mit Dior, mit Estée Lauder - und mit Chanel. Hierbei helfe ich im Praktikum mit. Ich arbeite im Bereich Business Development, zu Deutsch: Geschäftsentwicklung. Meistens heißt das für einen Arbeitstag: Präsentationen für Kunden erstellen, Kaltakquise betreiben, zu Meetings gehen, die App vorstellen und bewerben. Das heißt aber auch: Mit Zahlen jonglieren, nach Statistiken recherchieren, den globalen Kosmetikmarkt erkunden. Also kurz: Gänzlich in eine Welt eintauchen, in der Lippenstift und Rouge regieren und in der Makeup-Künstler wie Charlotte Tilbury mit ihren neuen Herbstkollektionen die Makeup-Welt wochenlang in Atem halten.

Der Alltag in einem Startup ist herausfordernd, er eröffnet aber auch unvorhergesehene Möglichkeiten. Ich darf mich in Bereiche einarbeiten, die mir in anderen, größeren Unternehmen als Praktikantin verschlossen geblieben wären. Ich darf „pitchen“, kann also selbst die Firma mit Kurzvorträgen präsentieren. Bei den Vizepräsidenten von Chanel übernimmt das meine Chefin, mächtig aufgeregt bin ich dennoch. Als der Taxifahrer vor einem Wolkenkratzer bremst, sehe ich dort schon die Sicherheitskräfte stehen, die gleich prüfen werden, ob ich auch wirklich zu einem Termin mit Chanel angemeldet bin. Ich steige aus, marschiere geradewegs auf die Security zu – und merke gerade noch rechtzeitig, dass ich immer noch meine Turnschuhe trage. Der Mann hinter dem Tresen schmunzelt.

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