Sammlung Ilse Sponsel, Erlangen

Diese Aufnahme aus der Erlanger Synagoge im Jahr 1938 ist das Titelbild des Synagogen-Gedenkbandes Bayern.

Verbundprojekt

Jüdisches Leben in Bayern für Synagogen-Gedenkband erforscht

Über 200 ehemalige jüdische Gemeinden in Bayern wurden von einem interdisziplinären Wissenschaftlerteam rund zwei Jahrzehnte lang systematisch erforscht. Die Ergebnisse werden jetzt in dem Synagogen-Gedenkband Bayern veröffentlicht, der aus mehreren Teilbänden besteht. Der letzte Band umfasst rund 1.700 Seiten, insgesamt sind es etwa 4.100 Seiten. Das Forschungsprojekt hat Wolfgang Kraus, Professor für Evangelische Theologie der Saar-Universität geleitet.
Von Friederike Meyer zu Tittingdorf • 20.04.2021

Im Unterschied zu ähnlichen Projekten in anderen Bundesländern wurden hierfür vor allem archivalische Quellen ausgewertet sowie Architektur und Kunstgeschichte der Synagogen detailreich untersucht. Das Forschungsprojekt wurde mit rund 1,8 Millionen Euro maßgeblich von der Evangelisch-Lutherischen Kirche und dem Freistaat Bayern finanziert.

Rechtzeitig zum Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ ist das breit angelegte Forschungsprojekt jetzt mit dem Synagogen-Gedenkband Unterfranken abgeschlossen worden. Am 25. April wird dieser letzte Band bei einer prominent besetzten Veranstaltung in Würzburg vorgestellt (siehe unten). Vier Bände stellen die Geschichte von über 200 ehemaligen jüdischen Gemeinden in Bayern vor, die um 1930 in ihren Synagogen Gottesdienste feierten. Allein 115 Gemeinden befanden sich in unterfränkischen Städten und Dörfern. „In den einzelnen Artikeln des Gedenkbandes beschreiben wir die jüdischen Gemeindestrukturen, berichten also von den Synagogen, Ritualbädern, Schulen und Friedhöfen und erzählen von Rabbinern, jüdischen Lehrern und Vorsängern. Wir geben zudem Einblick in das religiöse Leben der jüdischen Frauen, Männer und Kinder, aber auch in das Zusammenleben von Nichtjuden und Juden auf dem Land und in den Städten“, erläutert Professor Wolfgang Kraus.

Dabei kämen nachbarschaftliches und freundschaftliches Miteinander ebenso zur Sprache wie Ausgrenzung, Anfeindung und Judenhass, der vom Mittelalter an über die Jahrhunderte bis zur Shoa an verschiedenen Orten offen oder unterschwellig gegenwärtig war. „An den von uns ausführlich beschriebenen Synagogen konkretisiert sich einerseits die Gemeindegeschichte. Andererseits zeichnet sich an ihrem Schicksal der Umgang mit dem Jüdischen in Vergangenheit und Gegenwart ab“, erläutert der Theologe.

Jörg Pütz

Am Schicksal der Synagogen zeichnet sich der Umgang mit dem Jüdischen in Vergangenheit und Gegenwart ab.

Wolfgang Kraus, Professor für Evangelische Theologie

An dem Apriltag, an dem jetzt die abschließenden Synagogen-Gedenkbände präsentiert werden, wird auch des 79. Jahrestags der größten aus Mainfranken abgehenden Deportation gedacht. Er erinnert an das Leiden und Sterben der unterfränkischen Juden während der Shoa. So trieb am 25. April 1942 ein Kommando der Würzburger Schutzpolizei 852 jüdische Männer, Frauen und Kinder zum Güterbahnhof Aumühle in Würzburg. „Die Menschen mussten dort den Zug besteigen, der sie in das deutsche Durchgangslager Kraśniczyn in Polen verschleppte. Niemand überlebte diesen Transport. Wie es zu diesem entsetzlichen Ergebnis von Rassenhass und religiöser Verfolgung kam, wird in den Synagogenbüchern genauer beschrieben“, erklärt Wolfgang Kraus.

Gemeinsam mit Hans-Christoph Dittscheid, Professor für Kunstgeschichte von der Universität Regensburg, Gury Schneider-Ludorff, Professorin für Kirchen- und Dogmengeschichte der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau und dem emeritierten Professor Meier Schwarz vom Synagogue Memorial in Jerusalem hat Wolfgang Kraus die Synagogenbände herausgegeben. Zudem waren zahlreiche junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Fachrichtungen sowie Vertreter der Evangelischen Landeskirche an dem langjährigen Forschungsprojekt beteiligt. „Die Synagogen-Gedenkbände sehen die verschiedenen Aspekte jüdischen Lebens und Leidens als Teil einer gemeinsamen bayerischen Geschichte an. Daneben verstehen sie sich als Medium der Mahnung und als Aufruf zur Versöhnung“, unterstreicht Wolfgang Kraus. Sie richten sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Lehrende, Heimatforscher und Laien, die sich mit der jüdischen Geschichte beschäftigen.

Weitere Informationen: www.synagogenprojekt.de

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