Thorsten Mohr
Computerlinguistik

Vera Demberg will den Dialog mit Computern verbessern

Menschen passen sich Gesprächspartnern an, indem sie zum Beispiel Fachjargon verwenden. Computern fällt es noch schwer, im Dialog mit Nutzern individuell zu reagieren. Vera Demberg möchte das ändern. Die Professorin für Informatik und Computerlinguistik an der Saar-Universität will dafür ein Schlüsselproblem der Kommunikation angehen: Menschen schlussfolgern Dinge, die über das wörtlich Gesagte hinausgehen – und nicht jeder meint dabei das Gleiche. Das macht es auch für Computer kompliziert.
Von Philipp Zapf-Schramm • 03.09.2020

Für dieses Forschungsprojekt hat Vera Demberg den renommierten „ERC Starting Grant“ des Europäischen Forschungsrates erhalten. Dieser ist über fünf Jahre mit 1,5 Millionen Euro dotiert. Vera Demberg beschäftigt sich im nun geförderten Forschungsprojekt mit Computersystemen, die Sachverhalte erklären oder Inhalte zusammenfassen können. Ein Beispiel dafür sind sogenannte Chatbots, also Programme, die im Gespräch mit Kunden automatisiert Probleme erfragen und ihnen Lösungen anbieten können. „Das Ziel meines Forschungsprojektes ist es, dass sich die automatisch generierte Sprache in ihrer Ausdrucksweise an den individuellen Nutzer anpasst. Dadurch möchte ich Missverständnisse reduzieren und dafür sorgen, dass Menschen auf möglichst natürliche Weise mit Computern kommunizieren können“, sagt die Saarbrücker Computerlinguistin.

Bisherige sprachbasierte Computersysteme reagieren nur sehr begrenzt auf einen bestimmten Nutzer, indem sie ihm beispielsweise ähnliche Produkte empfehlen. „Menschen aber stellen nicht nur den Inhalt, sondern auch die sprachliche Form ihrer Aussagen wie selbstverständlich auf ihr Gegenüber ein, damit möglichst viel des Gesagten verstanden wird. Genau dies möchte ich auch für Computersysteme erreichen“, erläutert Vera Demberg. Ein Computersystem sollte künftig zum Beispiel erkennen können, ob es mit einem Experten oder einem Laien spricht und dementsprechend die Häufigkeit von Fachbegriffen oder die Satzlänge adaptieren.

Dafür muss die Forscherin aber zuerst analysieren, wie Menschen auf individueller Ebene Sprache verstehen und wie man diesen Prozess in einem Computer abbilden kann. „Ein wesentlicher Bestandteil des individuellen Sprachverständnisses besteht darin, welche Schlussfolgerungen man bei einer mehrdeutigen Aussage zieht“, erläutert Vera Demberg.  So lässt der Satz ‚Heute kam Anna pünktlich um drei zu Besuch‘ zwei verschiedene Deutungen zu: Anna kam (wie immer) pünktlich. Oder: Anna kam (ausnahmsweise) pünktlich. Das explizite Hervorheben von „pünktlich“ gestattet beide Interpretationen.

Solcherlei individuelle Schlussfolgerungen, sogenannte Inferenzen, in einem Computer zu modellieren, sei essenziell, damit das System mögliche Missverständnisse vorausahnen und verhindern kann.  „Das Projekt ist deshalb sehr interdisziplinär angelegt, ich arbeite mit Kollegen und Kolleginnen aus der Informatik, der Sprachwissenschaft und der Psycholinguistik zusammen, um dieser Frage auf den Grund zu gehen“, erklärt Demberg.

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Ich möchte, dass Menschen auf möglichst natürliche Weise mit Computern kommunizieren können.

Vera Demberg, Professorin für Informatik und Computerlinguistik

Ein Anwendungsfeld ihrer Grundlagenforschung sieht Demberg in dialogorientierten, aufgabenbezogenen Systemen, bei denen Sachverhalte erklärt und zusammengefasst werden oder die Nutzer einen virtuellen Tutor an die Seite gestellt bekommen.  Auch im Auto könnten mit der neuen Technik Fahrassistenz-Systeme entstehen, die in der Lage sind, ihre sprachliche Ausdrucksweise den Verkehrsgegebenheiten anzupassen – wie ein echter Beifahrer.

Das Projekt unter dem Titel „Individualized Interaction Discourse (IDDISC)“ ist am Saarland Informatics Campus an der Universität des Saarlandes angesiedelt. Es wird vom Europäischen Forschungsrat mit 1,5 Millionen Euro über fünf Jahre gefördert, dabei entstehen fünf wissenschaftliche Arbeitsplätze. Der Förderpreis ist bereits der zehnte ERC Starting Grant und insgesamt der 21. Förderpreis des Europäischen Forschungsrates, der für ein Projekt am Saarland Informatics Campus verliehen wurde.

ERC Starting Grant

Mit einem ERC Starting Grant fördert der European Research Council (ERC) aussichtsreiche Nachwuchsforscher, die einen exzellenten Forschungsvorschlag einreichen. Wie der ERC mitteilte, haben sich in diesem Jahr insgesamt 3272 Forscherinnen und Forscher um einen ERC Starting Grant beworben; davon waren 436 (rund 13 Prozent) erfolgreich, allein 88 Auszeichnungen gingen nach Deutschland. Infos: https://erc.europa.eu/starting-grants/de

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