Titelfoto: Gerhild Sieber

Maximilian Köhl (vorne links), Tom Luc (vorne rechts), Tobias Jäger (hinten links), Jana-Katharina Burnikel (hinten rechts).

Studentisches Engagement

Studierende diskutieren an der Saar-Uni über autonome Systeme

In Österreich entscheiden Algorithmen über Anträge auf finanzielle Unterstützung von Arbeitssuchenden und selbstfahrende Autos verursachen Unfälle auf den Straßen der USA – längst durchdringen autonome Systeme unsere Gesellschaft und stellen uns weltweit vor neue Herausforderungen: Welche ethischen Richtlinien sollen zukünftig für Entscheidungstragende der IT-Branche und für die Entwicklung von Software gelten? Sollte ein Mensch ein Recht darauf haben, eine Erklärung zu erhalten, wenn eine automatisierte Entscheidung getroffen wurde, die ihn betrifft? Mit diesen und weiteren Fragen befassten sich Stipendiatinnen und Stipendiaten der Studienstiftung des deutschen Volkes in einem von ihnen selbst organisierten Seminar zum Thema „Autonome Systeme – Spannungsfeld Mensch und Maschine“, das vom 2. bis zum 5. September 2019 an der Universität des Saarlandes stattfand.
Von Jana-Katharina Burnikel • 15.10.2019

Mit der wachsenden Leistungsfähigkeit von Computersystemen beeinflussen diese immer mehr Lebensbereiche: Autonome Systeme finden sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich immer häufiger Anwendung. So kommen Algorithmen beispielsweise längst beim Handel mit Wertpapieren zum Einsatz und treffen Entscheidungen über Kauf und Verkauf von Aktien ohne direkten menschlichen Einfluss. Auch wenn diese autonomen Systeme im Moment noch in ihren Möglichkeiten eingeschränkt sind, schreitet ihre Entwicklung rasant voran. „Auf lange Sicht werden nicht die technischen Herausforderungen einen weitreichenden Einsatz autonomer Systeme bremsen, sondern Fragen von gesellschaftlicher Akzeptanz und des Vertrauens in diese Systeme”, sagt der Informatik-Student Maximilian Köhl aus einem Team von Studierenden, die Anfang September ein Seminar zum Thema „Autonome Systeme – Spannungsfeld Mensch und Maschine” an der Universität des Saarlandes organisierten. Das Seminar fand im Rahmen der Initiative „Stipendiatinnen und Stipendiaten machen Programm” der Studienstiftung des deutschen Volkes statt, bei welcher durch das Begabtenförderwerk geförderte Studierende eigenständig Tagungen zu gesellschaftlichen Themen veranstalten.

„Für uns im Organisationsteam war es wichtig, das Seminar interdisziplinär zu gestalten und verschiedene wissenschaftliche Disziplinen wie Informatik, Philosophie und Psychologie an einen Tisch zu bringen”, so Sarah Sterz, Alumna der Studienstiftung und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Informatik-Professor Holger Hermanns an der Universität des Saarlandes. „Dadurch können wir gemeinsam an Lösungswegen arbeiten, wie wir die Herausforderungen, die autonome Systeme an uns stellen, bewältigen können. Eine Informatikerin kann zum Beispiel nicht einschätzen, welche juristischen Regelungen für autonome Systeme greifen und ein Philosoph weiß in der Regel nicht, was technisch bereits machbar ist und was auf kurze oder lange Sicht bald machbar sein wird.”

 

Foto: Oliver Dietze

Als Mensch kann ich mir sowohl das japanische Brettspiel 'Go' beibringen als auch Monopoly spielen. Intelligente Computersysteme mögen zwar 'Go' perfekt beherrschen, können aber das Spiel nicht einfach wechseln.

Kevin Baum, Philosoph und Informatiker

 

Entsprechend lud das Organisationsteam für das Seminar Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Fachbereiche ein, darunter auch Kevin Baum, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Saar-Uni an der Schnittstelle von analytischer Philosophie und Informatik forscht und die Vorlesung „Ethics for Nerds” initiiert hat, die Informatikstudierenden ethische Grundlagen vermitteln soll. “Als Mensch kann ich mir sowohl das japanische Brettspiel 'Go' beibringen als auch Monopoly spielen. Intelligente Computersysteme mögen zwar 'Go' perfekt beherrschen, können aber das Spiel nicht einfach wechseln.” Universalität sei allerdings auch nicht nötig, um gesellschaftlich hochrelevante Fragen aufzuwerfen. Bereits jetzt würden Entscheidungen automatisiert, bei denen wir uns fragen müssten, ob wir diese von derzeitigen Systemen treffen lassen sollten, so Baum.

Neben dem Blick auf aktuelle Entwicklungen ging das Seminar auch auf fiktionale Darstellungen autonomer Systeme ein. „Viele der Möglichkeiten und der potentiellen Auswirkungen von beispielsweise Künstlicher Intelligenz können bislang nur in Buch und Film verhandelt werden. Zudem prägt die Fiktion zu KI nicht nur den gesellschaftlichen Blick auf den technischen Fortschritt, sondern auch unseren Blick auf den Menschen an sich“, so Professor Joachim Frenk, der an der Universität des Saarlandes den Lehrstuhl für britische Literatur- und Kulturwissenschaften innehat. Im Rahmen des Seminars sprach er zusammen mit der Anglistik-Studentin und Studienstiftungs-Alumna Jana-Katharina Burnikel über den Science Fiction-Film Blade Runner 2049, in dem künstlich geschaffene, „optimierte” Menschen und Künstliche Intelligenzen die Grenzen des Menschseins verwischen.

„Ich denke, uns ist es mit dem Seminar gelungen, das Thema autonome Systeme aus verschiedenen Blickwinkeln zu erfassen und Denkanstöße für den zukünftigen Umgang mit diesen Systemen zu liefern”, zieht Maximilian Köhl Bilanz. Insgesamt kamen rund 35 Studierende verschiedener Universitäten aus ganz Deutschland und Europa für das Seminar „Autonome Systeme – Spannungsfeld Mensch und Maschine“ an der Universität des Saarlandes zusammen. Organisiert wurde das Seminar von Stipendiatinnen und Stipendiaten der Studienstiftung im Rahmen des Programms „Stipendiatinnen und Stipendiaten machen Programm”, das es Geförderten ermöglicht, in Eigeninitiative eine Bildungsveranstaltung zu gestalten und durchzuführen, die von der Studienstiftung des deutschen Volkes organisatorisch und finanziell begleitet wird.

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