Thorsten Mohr

Malte Friese (links) und Cornelius König besprechen am Schreibtisch einen wissenschaftlichen Artikel.

Psychologie

Komplizierte Antworten auf einfache Fragen

Psychologen gelten oft als Welterklärer, die die gesellschaftlichen Phänomene und Absonderlichkeiten unserer Zeit aus dem Stegreif schlüssig erklären können, in den Medien genauso wie auf der Grillparty beim Nachbarn. Genau das können sie aber nicht. Viel mehr blicken Psychologen als Wissenschaftler auf die kleinen Details des menschlichen Handelns. Ihre Arbeit hat viel mehr mit Wahrscheinlichkeitsrechnung zu tun als mit Gesellschaftsvorhersage. Zwei Psychologie-Professoren der Saar-Uni erklären, was dahinter steckt.
Von Thorsten Mohr • 05.10.2018

Ja, eine Couch gibt es auch. Nein, auf dem bequemen Polstermöbel liegen aber keine Patienten und sprechen über Erfahrungen aus ihrer Kindheit oder erzählen von ungewöhnlichen Neigungen und Gewohnheiten. Auf der Couch in Malte Frieses Büro können Gäste Platz nehmen, oder der Professor für Sozialpsychologie vertieft sich darin in die Lektüre von Fachartikeln. Mit psychisch kranken Menschen hat der Wissenschaftler normalerweise nichts zu tun.

Dennoch hält sich hartnäckig das Bild von Psychologen, die beruflich ausschließlich ihren Patienten aufmerksam zuhören und versuchen, ihre psychische Gesundheit wiederherzustellen. Oder die in den Medien aus der Ferne genau erklären, warum ein Serienmörder seine Opfer nur in Vollmondnächten umbringt, die auf einen Dienstag fallen, oder warum dieses Jahr insbesondere Tigerkostüme an Fastnacht beliebt sind und was diese Vorliebe über die Träger der Großkatzenkluft aussagt.

„So einfach sind unsere Forschungsfragen meist nicht formuliert“, erklärt Malte Friese. Im Fall des Tigerkostüm-Booms könnten sich Psychologen wie er der Antwort nach dem „Warum“ vermutlich mit einer Teilfrage nähern: „‘Ein Grund X kann neben etlichen anderen dazu führen, dass einige Leute dieses Jahr solch ein Tigerkostüm tragen‘, würde vermutlich unsere Antwort lauten“, erklärt der Wissenschaftler.

Das klingt akademisch. Ist es auch. Denn anders als die Psychologen, die später in Personalabteilungen, Berater-Jobs oder – mit der entsprechenden Fortbildung – auch in therapeutischen Branchen landen, kümmert sich die wissenschaftliche Psychologie in ihren empirischen Studien meist um die Detailfragen des individuellen Handelns. Erst über viele Studien hinweg entsteht daraus ein Eindruck über die größeren Zusammenhänge. Das Dilemma der akademischen Psychologie ist dabei folgendes: Zwar steht das Individuum im Mittelpunkt der Untersuchungen. „Das bedeutet aber nicht, dass wir Aussagen über einzelne Leute machen. Viel mehr betrachten wir individuelle Verhaltensweisen, Emotionen und Motivationen, um Aussagen über viele Einzelne zu machen“, erklärt Malte Friese. 

 

Es wird nie die eine Erklärung geben, die ein Verhalten einer Person alleine erklärt und die für alle Personen gleich stark zutrifft.

Malte Friese, Professor für Sozialpsychologie

 

Übersetzt gesagt: Ein Psychologe kann auf den ersten Blick also weder sagen, warum der Serienmörder – als Individuum – dienstags bei Vollmond mordet, noch kann er aus dem Stegreif sagen, warum tausende Leute plötzlich auf Tigerkostüme stehen. Stellt er fest, dass Tigerkostüme bei vielen Leuten sehr beliebt sind, kann er die einzelnen Leute befragen, warum sie Tigerkostüme tragen und so herauszufinden, was den Reiz ausmacht. Die individuelle Motivation wird bei jedem einzelnen der Verkleidungs-Fans unterschiedlich ausfallen. Bei dem einen ist Grund a wichtiger, beim anderen Grund b. Insgesamt wird die Anzahl der Gründe jedoch überschaubar bleiben, lediglich die Ausprägungen sind unterschiedlich. „Es wird also nie die eine Erklärung geben, die ein Verhalten einer Person alleine erklärt und die für alle Personen gleich stark zutrifft“, erläutert Malte Friese.

 

Aus einem Einzelbeispiel kann man nie etwas über eine Gesamtheit sagen.

Cornelius König, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie

 

„Wir denken immer in Wahrscheinlichkeiten“, pflichtet Frieses Kollege Cornelius König bei. „Wenn wir eine große Anzahl von Menschen betrachten, gelangen wir womöglich zu dem Schluss: Wenn Eigenschaft A ausgeprägt ist, ist wahrscheinlich auch Eigenschaft B sehr stark vorhanden. Ein Muss ist dieser Zusammenhang jedoch nicht. Daher scheuen Psychologen vor Aussagen zurück wie: Dieses ist der eine Grund, warum eine Person jenes tut.“ Der Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie nennt als Beispiel die Hochbegabung: Viele stellen sich unter einem Hochbegabten einen verschrobenen Eigenbrötler vor, der zwar geistigen Wunderdinge vollbringen kann, aber an den banalsten Alltagsdingen scheitert und keine Freunde hat. „Dabei sind Hochbegabte im Schnitt sehr gut integrierte und ganz normale Leute. Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele, aber die sind die Ausnahme“, erklärt König. „Aus einem Einzelbeispiel kann man nie etwas über eine Gesamtheit sagen.“

Falsche Eindrücke könnten auch durch Darstellungen in den Medien begünstigt werden, die üblicherweise die Ausnahme von der Regel für die Berichterstattung suchen: „Die meisten Leute haben viel mehr Angst vor Flugzeugabstürzen als vor Leitern im Haushalt“, sagt Malte Friese, wobei mit rund 10.000 Unfalltoten im Haushalt Fensterputzen statistisch gesehen deutlich häufiger tödlich endet als ein Flug in den Urlaub. Aber vom tödlichen Sturz von der Leiter steht auch viel seltener etwas in der Zeitung als von Flugzeugabstürzen.

Die Suche nach der einen einzigen Erklärung für ein bestimmtes Verhalten eines Menschen gibt es nicht. „Es gibt viele potenzielle Gründe für ein bestimmtes Verhalten“, sagt Malte Friese. Psychologen tun sich mitunter also schwer damit, auf scheinbar banale Fragen, zum Beispiel nach den Kostümierungsvorlieben der Menschen, eine klare Antwort zu geben. Weil es sie nicht gibt.

In wenigen Fällen jedoch sind auch Wissenschaftler geneigt, einfache Antworten zu geben. Wie im Fall der Couch in Malte Frieses Büro. „Es war einfach so viel Platz im Büro. Da dachte ich, dass eine Couch gut dahin passen würde“, sagt der Psychologe.

 

Weitere Information

Link zur Fachrichtung Psychologie an der Universität des Saarlandes.

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