Titelfoto: Ehrlich

Daniel Gillo (l.), Benjamin Kirsch und Julian Neu (r.) bringen ihr Frühwarnsystem gegen Geisterfahrer zur Marktreife.

Ingenieurwissenschaft

Mit Sensoren gegen Falschfahrer

Drei Jungforscher der Saar-Uni haben ein System entwickelt, das Geisterfahrer stoppen und Unfälle verhindern kann. Für ihre solarbetriebene Erfindung, die in Leitpfosten am Straßenrand eingebaut wird, erhielten sie schon im Studium mehrere Preise. Mit einem EXIST-Stipendium gründen sie derzeit eine Firma. Das Saarland unterstützt ihr Vorhaben: Das Verkehrsministerium öffnet den Ingenieuren die Türen, damit ihr System auf die Straße kommt.
Von Claudia Ehrlich • 29.08.2018

Es kommt eher selten vor, dass eine Idee das Potenzial hat, Leben zu retten. Und das sogar weltweit. Falschfahrer sind international ein Problem. Immer wieder kommt es zu Unfällen, die wegen der Wucht des Frontalaufpralls oft tödlich enden. Systeme, die abhelfen, sind meist teuer, aufwändig oder brachial – wie Krallen, die Reifen auch von Krankenwagen und Polizei platzen lassen. Und so bleiben heute Autobahnen vielerorts ungeschützt. Mit ihrem solarbetriebenen Sensorsystem liefern drei Nachwuchsforscher der Saar-Uni eine kostengünstige Lösung. Eingebaut ist es in Leitpfosten, die ohnehin am Straßenrand stehen.

„Unser Sensorsystem erkennt Falschfahrer und kann Fahrer, Polizei und Verkehrsfunk sofort warnen. Auch weitere Reaktionen können wir programmieren. So könnte etwa über ein verbundenes Leitsystem die Straße gesperrt werden“, erklärt Julian Neu (25), der das „Ghostbuster“ genannte System mit seinen Studienkollegen Daniel Gillo (27) und Benjamin Kirsch (26) während des Studiums entwickelt hat. Ihre Firma T-ProTex hat ihre Keimzelle auf dem Campus am Lehrstuhl für Mikromechanik, Mikrofluidik und Mikroaktorik von Professor Helmut Seidel.

Portraitfoto Ministerin Rehlinger: Peter Kerkrath

Ein Frühwarnsystem wie der Ghostbuster könnte eine echte Wende bringen – und im Ernstfall Leben retten.

Anke Rehlinger, saarländische Verkehrsministerin

„Unfälle mit Geisterfahrern haben wegen hoher Geschwindigkeiten oft ein besonders fatales Schadensausmaß, weshalb wir insbesondere an Autobahnauffahrten versuchen, Falschfahrer mit Schildern und Pfeilen vom falschen Weg abzubringen“, sagt die saarländische Verkehrsministerin Anke Rehlinger. „Ist der Autofahrer aber einmal falsch aufgefahren, bleibt dies meist unbemerkt, bis es zum Crash kommt. Ein Frühwarnsystem wie der Ghostbuster könnte hier eine echte Wende bringen – und im Ernstfall Leben retten.“ Sie findet die Idee so gut, dass ihr Ministerium die Weiterentwicklung der Leitpfosten unterstützt – mit dem Ziel, sie auf saarländischen Straßen zu testen. Damit wäre das Saarland Vorreiter der neuen Technik.

Nach Testläufen auf dem Campus sammeln die Gründer mit ihren Leitpfosten jetzt Daten an saarländischen Autobahnen, um die Software ihres Systems für den Praxiseinsatz auszufeilen. Das Verkehrsministerium hat hierfür alle Zuständigen im Land - vom Straßenbauamt über die Verkehrsleitstelle bis hin zur Polizei - an einen Tisch gebracht. „Es hat uns überrascht, wie viele Türen uns geöffnet werden. Wir hatten eine E-Mail an die Verkehrsministerin geschrieben und ihr unser System vorgestellt. Darauf hat sie uns eingeladen, es zu präsentieren. Als wir zu dem Termin kamen, war der Saal voller Entscheider aus den unterschiedlichsten Bereichen, die alle interessiert waren“, erzählt Julian Neu.

Portraitfoto Ministerin Rehlinger: Peter Kerkrath

Das Büro am Lehrstuhl ist für unseren Start der ideale Rahmen. Der Austausch mit Professoren, Wissenschaftlern und Experten ist für uns Gold wert, von ihrem Know-how und ihrer Erfahrung profitieren wir sehr.

Julian Neu

Mit Sensoren kommen die Jungingenieure den Geisterfahrern auf die Spur: „Ein Infrarot-Bewegungssensor erfasst pausenlos jede Bewegung im Umfeld von rund zehn bis zwölf Metern des Leitpfostens“, erklärt Benjamin Kirsch. Nähert sich ein Wagen, aktiviert dieser Sensor zwei weitere, die an den Seiten des Leitpfostens einander gegenüberliegen. Dadurch, dass das Auto erst an einem Sensor und Sekundenbruchteile später am anderen vorbeifährt, erfasst das System, in welcher Richtung das Fahrzeug fährt. „Weil nur einer der Sensoren ständig aktiv ist, der das System nur bei Bedarf aufweckt, arbeitet es sehr energiesparend“, ergänzt Daniel Gillo. Auch unterscheidet es zweifelsfrei Autos von anderen Störungen. „Ein Mikrofon erfasst hierzu Geräusche – allein das der Reifen auf dem Asphalt genügt schon“, erläutert er. Das Zusammenspiel der Sensoren ist bereits ausgereift, in vielen Tests haben die Gründer die Anordnung und die Signalverarbeitung optimiert. Mit den neuen Massendaten vorbeifahrender Autos von der Autobahn, verfeinern sie jetzt die Algorithmen, also die Befehle, die dem System exakt sagen, was es wann tun soll.

Die Idee zu ihrer Erfindung kam den Studenten nach einer Vorlesung von Professor Helmut Seidel. An seinem Lehrstuhl forschten Daniel Gillo, Julian Neu und Benjamin Kirsch als studentische Mitarbeiter schon während ihres Studiums. Jetzt hat ihre neue Firma T-ProTex in einem Raum des Lehrstuhls ihr Büro. „Das ist für unseren Start der ideale Rahmen. Der ständige Austausch mit Professoren, Wissenschaftlern und Experten etwa von der Kontaktstelle für Wissens- und Technologietransfer ist für uns Gold wert, von ihrem Know-how und ihrer Erfahrung profitieren wir sehr“, sagt Gründer Julian Neu.

Foto Preisverleihung: Deutschland – Land der Ideen, https://land-der-ideen.de, © Bernd Brundert

Mit ihrem Prototyp gewannen die Studenten 2016 den ersten Preis des Cosima-Studentenwettbewerbs in München. Ein Jahr später belegten sie beim internationalen Wettbewerb iCan in Peking den zweiten Platz. Im Juni 2017 erhielten sie den Deutschen Mobilitätspreis der Initiative "Deutschland - Land der Ideen" und des Bundesverkehrsministeriums (Foto der Preisverleihung: Deutschland – Land der Ideen, https://land-der-ideen.de, © Bernd Brundert). Ebenfalls 2017 bewarben sie sich erfolgreich um ein EXIST-Gründerstipendium beim Bundeswirtschaftsministerium.

Die Idee zu ihrer Erfindung kam den Nachwuchsingenieuren nach einer Vorlesung von Professor Helmut Seidel (Foto: privat). Daniel Gillo, Julian Neu und Benjamin Kirsch waren an seinem Lehrstuhl für Mikromechanik, Mikrofluidik und Mikroaktorik auch studentische Mitarbeiter.
Jetzt hat ihre neue Firma T-ProTex GmbH in einem Raum seines Lehrstuhls ihre Keimzelle. Nach mehreren Preisen, darunter der Deutsche Mobilitätspreis der Initiative "Deutschland - Land der Ideen" und des Bundesverkehrsministeriums, hatten sich die Jungforscher erfolgreich um ein EXIST-Gründerstipendium beim Bundeswirtschaftsministerium beworben.

Firma T-ProTex

Lehrstuhl für Mikromechanik, Mikrofluidik und Mikroaktorik der Saar-Uni

Foto 2016: Oliver Dietze

Einen weiteren Artikel "Studenten wollen Geisterfahrer mit Sensoren in Leitpfosten stoppen" aus dem Jahr 2016 finden Sie hier

 

Quellennachweis
  • Bilder
    Titelfoto: Ehrlich

    Foto Preisverleihung: Deutschland – Land der Ideen, https://land-der-ideen.de, © Bernd Brundert

    Foto 2016: Oliver Dietze

    Portraitfoto Ministerin Rehlinger: Peter Kerkrath