Titel: Ehrlich

Stephan Bechtel forscht heute für seine Doktorarbeit am Fraunhofer-Institut für zerstörungsfreie Prüfverfahren.

Materialwissenschaft

Wie Atlantis den Horizont erweitert

Er baute mit Studienkollegen an der Oregon State University einen Rennwagen und erforschte in seiner Masterarbeit die Schwachstellen von Klebstoffen auf Metall: Stephan Bechtel, Absolvent des internationalen Bachelor-Studiengangs „Atlantis“, ist Jahrgangsbester der Saarbrücker Materialwissenschaft und Werkstofftechnik. Die Fachrichtung zeichnete ihn mit ihrem neuen Ulrich-Gonser-Preis aus.
Von Claudia Ehrlich • 07.12.2017

„Die Crashbox ist vorne an der Spitze des Rennwagens. Sie verformt sich bei einem Frontalunfall und nimmt dadurch die Energie des Aufpralls auf. Ich habe daran gearbeitet, dass sie möglichst viel Energie absorbiert, aber trotzdem leicht ist“, erklärt Stephan Bechtel. Wovon viele Technik- und Rennsportfans von Kindheit an träumen, hat er erlebt: an einem echten Rennwagen mitzubauen, ihn im Team zu testen und bei echten Autorennen dabei zu sein. Bechtel studierte im Bachelor-Studiengang Materialwissenschaft und Maschinenbau, kurz „Atlantis“, das ist einer der internationalen Studiengänge der Fachrichtung Materialwissenschaft und Werkstofftechnik an der Saar-Uni.

Foto Rennwagen: privat

Der Atlantis-Studiengang ist eine große Chance für Studenten.

Stephan Bechtel (hier im Rennwagen, an dem er im "Formula Student Team" der Oregon State University mitgebaut hat)

Zusammen mit vier Studienkollegen verbrachte er einige Trimester an der Oregon State University in den USA. Und so kam es, dass der Student im „Formula Student Team“ GFR (Global Formula Racing) an einem Rennwagen baute. „Mit ihm sind wir bei internationalen Wettkämpfen gegen Studententeams aus aller Welt angetreten“, erzählt er. Der Atlantis-Studiengang sei eine große Chance für Studenten, sagt Bechtel rückblickend. Nicht nur, dass er jetzt auch einen Abschluss einer amerikanischen Universität in der Tasche hat. Das wirklich entscheidende seien die vielen Erfahrungen, die er gesammelt hat, fachliche, aber vor allem auch persönliche, die ihn prägen und weitergebracht haben.

„Ich wurde an der Oregon State gleich gut aufgenommen, habe schnell Freunde gefunden“, berichtet er.  Klar, eine Umstellung sei es schon erst gewesen. Bei der Sprache half ihm, mit US-amerikanischen Studienkollegen zusammenzuwohnen. „Wir hatten von Anfang an eine gute Gemeinschaft, haben uns gegenseitig viel unterstützt und auch viel gemeinsam unternommen.“ Das Studium sei viel verschulter als hier, alle paar Wochen werden Zwischenprüfungen geschrieben. Die Oregon State sei eine schöne Uni, angelegt wie ein Park. Eine ganze Reihe von Ausflügen kann er aufzählen, nach Portland, Seattle, Las Vegas, Mexiko. „Landschaftlich besonders beeindruckend fand ich den Crater Lake, das ist ein tiefblauer Kratersee im Nationalpark in Oregon – einmalig“, schwärmt er. „Vieles weiß ich erst heute im Nachhinein richtig zu schätzen. Auch etwa dass ich keinerlei Studiengebühren bezahlen musste. Die sind dort sehr hoch. Das ist mir eigentlich erst heute wirklich bewusst, was das bedeutet“, sagt Stephan Bechtel.

 

 

Nach dem Bachelor-Abschluss studierte er im Master Materialwissenschaft und Werkstofftechnik an der Saar-Uni. „Das Fach ist vielseitig, das Studium bringt Physik, Chemie, Mathe und Ingenieurwissenschaften zusammen – alles Themen die mich schon früh interessiert haben. Es eröffnet viele Möglichkeiten – Materialien mit verbesserten Eigenschaften und neue Werkstoffe werden überall gebraucht“, sagt Bechtel. Für seine Masterarbeit forschte er bei Professor Wulff Possart. „Er ist ein weltweit anerkannter und ausgezeichneter Spezialist für Adhäsion und Klebstoffe. Für meine Master-Arbeit habe ich die Eigenschaften von Grenzschichten zwischen Klebstoffen und Metallen untersucht. Dabei ging es unter anderem darum, für die industrielle Fertigung und Anwendung Schwachstellen im Verbund aufzuzeigen und die wissenschaftliche Basis für Verbesserungen zu liefern“, erklärt er.

Die Saarbrücker Materialwissenschaft und Werkstofftechnik hat den heute 25-jährigen als besten Master-Absolventen mit ihrem erstmals verliehenen Ulrich-Gonser-Preis ausgezeichnet. Der Nachwuchswissenschaftler hat einiges vorzuweisen: Abschlussnote 1.0, Masterarbeit Bestnote 1.0, Absolvent des Zertifikats „Patent- und Innovationsschutz“ der Saar-Uni – und er war ein Jahr lang wissenschaftliche Hilfskraft bei Professor Volker Presser am Leibniz Institut für Neue Materialien auf dem Saarbrücker Campus.

Foto Mücklich: Maximilian Schlosser

Unternehmen brauchen hoch qualifizierte Fachleute, die sich in anderen Sprachen und Kulturen auskennen. Deshalb bieten wir internationale Studiengänge an.

Professor Frank Mücklich

„Aufgrund der Qualität seines Masterabschlusses und seiner Leistungen im Studium erfüllt Stephan Bechtel die Kriterien für die Auswahl des Preisträgers vorbildlich“, sagt der Saarbrücker Materialforscher und Professor für Funktionswerkstoffe Frank Mücklich, der den neuen Ulrich-Gonser-Preis initiiert hat. Mit ausschlaggebend für die Auszeichnung war vor allem auch Bechtels internationale Studienerfahrung. „70 Prozent aller von Deutschland exportierten technischen Produkte verdanken laut einer Studie der Akademie der Technikwissenschaften ihren internationalen Erfolg vor allem neuen und besonders innovativen Werkstoffen. Neue Materialien machen Flugzeuge leichter, Elektroautos wettbewerbsfähig und medizinische Implantate haltbarer. Unternehmen, die solche Produkte exportieren, brauchen hoch qualifizierte Fachleute, die sich in anderen Sprachen und Kulturen auskennen“, erläutert Professor Mücklich. „Deshalb bieten wir an der Universität des Saarlandes mehrere internationale materialwissenschaftliche Studiengänge an und legen auch beim Absolventen-Preis Wert auf Internationalität“, ergänzt er.

Jetzt hat Stephan Bechtel mit seiner Promotion am Lehrstuhl für Leichtbausysteme von Professor Hans-Georg Herrmann begonnen, der eng mit dem Fraunhofer-Institut für Zerstörungsfreie Prüfverfahren IZFP zusammenarbeitet. Hier befasst er sich mit der Lebensdauer von so genannten „additiv gefertigten Bauteilen“: Bei dieser auch als 3D-Druck bezeichneten Technologie entstehen Werkstoff und Bauteil im gleichen Moment. Und wenn Stephan Bechtel hiervon erzählt, merkt man gleich: Es ist wieder so spannend wie damals bei der Crashbox in Oregon.

Ulrich-Gonser-Preis erstmals verliehen

Mit dem Ulrich-Gonser-Preis zeichnet die Materialwissenschaft und Werkstofftechnik ab jetzt jedes Jahr den besten Absolventen oder die beste Absolventin ihrer teils internationalen Master-Studiengänge aus. Die Fachrichtung verleiht den Preis zusammen mit der Europäischen Schule für Materialforschung (Eusmat) an der Saar-Uni und der Deutschen Gesellschaft für Materialkunde (DGM). Die Universitätsgesellschaft des Saarlandes unterstützt die Auszeichnung.

Die diesjährige Preisverleihung fand im Rahmen der Absolventen-Feier der Fachrichtung Materialwissenschaft und Werkstofftechnik Ende Oktober in der Aula statt. Der geschäftsführende Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Materialkunde (DGM), Dr. Frank Fischer (2.v.l.), und der Initiator des Preises, Frank Mücklich (l.) überreichten den Preis an Stephan Bechtel (2.v.r., rechts: Professor Wulff Possart, der Bechtels Masterarbeit betreute). Den Festvortrag hielt Dr. Bernd Münnich, Vorstand Technik der AG der Dillinger Hüttenwerke (Dillinger Hütte) und selbst Absolvent der Saarbrücker Materialwissenschaft und Werkstofftechnik.

Der Ulrich-Gonser-Preis trägt den Namen des 2007 verstorbenen, international renommierten Professors für Metallphysik der Saar-Uni. Gonser, der von 1969 bis 1991 an der Saar-Uni tätig war, leitete das Institut für Metallphysik und Metallkunde. Er war maßgeblich an der Gründung des Fraunhofer-Instituts für Zerstörungsfreie Prüfverfahren beteiligt und einer der Pioniere der sogenannten „Mößbauer-Spektroskopie“. Neben seinen wissenschaftlichen Leistungen hat er große Verdienste um den weltweiten wissenschaftlichen Austausch.

Die Materialwissenschaft und Werkstofftechnik

der Saar-Uni zählt mit über 300 Wissenschaftlern zu den Top 5 der deutschen Forschungsstandorte auf diesem Gebiet. Auf dem Campus befinden sich außerdem das Fraunhofer-Institut für Zerstörungsfreie Prüfverfahren, das Leibniz Institut für neue Materialien und das Steinbeis-Forschungszentrum für Werkstofftechnik, die eng mit der Uni-Forschung vernetzt sind.

Mehr Infos gibt es hier.

Foto Materialwissenschaft: Oliver Dietze

International studieren:

Studenten können in der Saarbrücker Fachrichtung zwischen internationalen Studiengängen wie „Atlantis“, „EEIGM“ und „Amase“ wählen oder das nationale Bachelor- und Masterprogramm studieren. Auch ein Studiengang Materialchemie ist im Angebot. Mit Docmase (PhD) gibt es ein Angebot zur Doppel-Promotion. Alle internationalen Studiengänge werden von der Europäischen Schule für Materialforschung (Eusmat) an der Saar-Uni koordiniert. Eusmat bietet zum Beispiel mit dem Masterprogramm „Amase“ ein zweisprachiges Studium wahlweise in den Sprachen Englisch, Spanisch, Deutsch und Französisch an, das im Verbund mit Lulea in Schweden, Barcelona und Nancy jeweils einen Doppelabschluss ermöglicht.

Mehr Infos gibt es hier.

Foto Evolution Racing Team: Thorsten Mohr

Übrigens:

Wer Benzin im Blut hat und an einem Rennwagen mitbauen will, kann dies auch hierzulande. Auch an der Saar-Uni gibt es einen Renn-Stall: das Evolution Racing Team. Studenten verschiedenster Fächer entwickeln hier echte Rennwagen. Mit von der Partie sind auch Studenten der htwsaar und seit kurzem auch der Berufsakademie.

Mehr Infos gibt es hier

Quellennachweis
  • Bilder
    Titel: Ehrlich

    Foto Materialwissenschaft: Oliver Dietze

    Foto Evolution Racing Team: Thorsten Mohr

    Foto Rennwagen: privat

    Foto Mücklich: Maximilian Schlosser