Gerhild Sieber

Isabelle Schierstein mit ihrer Masterarbeit - in ihr hat sie unter anderem das Bilderbuch "Ente, Tod und Tulpe" untersucht.

Historisch orientierte Kulturwissenschaften

Skelett und Sensenmann – der Tod in Bilderbüchern

In Bilderbüchern tritt bisweilen der personifizierte Tod auf – wie er dort dargestellt wird, hat Isabelle Schierstein in ihrer Masterarbeit im Studiengang Historisch orientierte Kulturwissenschaften (HoK) untersucht. Neun aktuelle Bücher für Kinder bis zu sechs Jahren hat sie unter die Lupe genommen. Für ihre Arbeit hat sie im Sommer 2017 den Richard-van-Dülmen-Preise für herausragende Master-Abschlussarbeiten erhalten.
Von Gerhild Sieber • 21.09.2017

Rituale um Tod und Trauer hatte Isabelle Schierstein bereits in einem Seminar während des Studiums kennengelernt: „Das sind klassische Forschungsfelder der Historischen Anthropologie und Europäischen Ethnologie“, berichtet die 29-Jährige. „Ich fand das schon immer sehr, sehr spannend.“ Bei der Entscheidung, die Gestalt des Todes sozusagen zum Protagonisten ihrer Masterarbeit zu machen, spielte aber auch der Zufall zumindest eine kleine Rolle: „An einem Sonntagabend ging es beim ‚Tatort‘ im Fernsehen um ein Kind, dessen Eltern ermordet worden waren. Die Kommissare – oder Psychologen – drückten ihm ein Bilderbuch in die Hand. In dem aufgeschlagenen Buch konnte man den personifizierten Tod erkennen – ein Skelett mit langem, kariertem Hemdchen und einem babyhaften Schädel“, erzählt Isabelle Schierstein. Sie sei sofort fasziniert gewesen und habe sich die Frage gestellt, wieso in einem Kinderbuch der Tod in Anlehnung an eine so alte Darstellungstradition auftritt. „Das war mir nicht geläufig, und ich wusste gleich, dass ich mich damit auseinandersetzen wollte.“

Das Thema passte zu ihrer Ausbildung, denn im Studiengang Historisch orientierte Kulturwissenschaften (HoK) hatte die junge Frau aus Landau die drei Fächer Kunstgeschichte, Kultur- und Mediengeschichte sowie Historische Anthropologie/ Europäische Ethnologie gewählt. Mit ihrer Abschlussarbeit „Personifikationen des Todes in der Kinderliteratur in kulturgeschichtlicher Perspektive“ habe sie diese wunderbar verbinden können, berichtet sie. Betreut wurde sie dabei von Barbara Krug-Richter, Professorin für Historische Anthropologie und Europäische Ethnologie.

„Die Vermittlung von Tod und Sterblichkeit an Kinder hat viele Gesichter. In Bilderbüchern für die Kleinsten ist dies sogar wortwörtlich der Fall: Der Tod bekommt in ihnen eine Gestalt“, schreibt Isabelle Schierstein in der Einleitung ihrer Arbeit. „Um herauszufinden, wie sich die Darstellungen bis heute gewandelt haben, habe ich die Personifizierung des Todes bis in die Kunst des Mittelalters zurückverfolgt“, erläutert die Masterabsolventin. Darüber hinaus hat sie sich der Entwicklung der Kinderliteratur gewidmet und ist beispielsweise der Frage nachgegangen, was in den verschiedenen Epochen als „kindgerecht“ galt.

Schon im Mittelalter habe es zwei dominierende Typen von Todes-Darstellungen gegeben: das Skelett, das man etwa in den so genannten Totentänzen an Friedhofsmauern findet, und den Sensenmann, ein düsterer Unbekannter mit schwarzer Kapuze, sagt Isabelle Schierstein. „Obwohl diese beiden Bildtraditionen aus unserer heutigen Vorstellungswelt verschwunden sind, treten sie bei der Darstellung des Todes in den Medien noch immer auf – auch in Bilderbüchern“, hat sie herausgefunden. Doch eignen sich solche Abbildungen für kleine Kinder überhaupt?

Die heutigen Darstellungen des Todes für Kinder vermitteln einen Teil unseres kulturellen Bildgedächtnisses, jedoch angepasst an die kindlichen Bedürfnisse.

Isabelle Schierstein

In dem niederländischen Kinderbuch „Die Ballade vom Tod“ beispielsweise erkennt man den Protagonisten zunächst schemenhaft als Sensenmann mit Kapuze. Im Verlauf der Geschichte wird erzählt, dass der Tod notwendig ist, und am Ende hat er seinen Schrecken verloren und erscheint als weißes Kaninchen mit Arztkoffer. Mit schwarzem Umhang, Kapuze und Sense tritt der Tod in dem Buch „Der Besuch vom kleinen Tod“ aus Frankreich auf; trotz dieser Attribute ist seine Gestalt klein und harmlos, und er leidet unter seiner Aufgabe. „Die heutigen Darstellungen des Todes für Kinder vermitteln also einen Teil unseres kulturellen Bildgedächtnisses, jedoch angepasst an die kindlichen Bedürfnisse: der Tod ist nicht böse, sondern eher sanft“, fasst Isabelle Schierstein zusammen. Zudem seien die aktuellen Darstellungen auf die heutigen gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten zugeschnitten.

Um welches Buch es sich damals beim „Tatort“ handelte, fand die Studentin durch Internet-Recherchen schnell heraus: „Ente, Tod und Tulpe“ des Autors und Illustrators Wolf Erlbruch ist die Geschichte einer Ente, die mehrere Wochen mit dem – verniedlicht dargestellten –Tod verbringt, sich mit ihm anfreundet und am Ende stirbt. Doch ihr Sterben, bei dem der Tod sie an der Hand nimmt, hat etwas Tröstliches.

Isabelle Schierstein arbeitet inzwischen bereits an ihrer Doktorarbeit – über Bestattungskultur. „Das HoK-Studium hat mir ein breites Bild vermittelt, insbesondere, weil auch meine Masterarbeit interdisziplinär angelegt war“, berichtet sie. Dieser Einblick in viele verschiedene Fächer sei ihr sehr wichtig gewesen, da ihr schon lange klar gewesen sei, „dass es in Richtung Promotion geht.“ Mit ihrem aktuellen Thema führt sie ihre Forschungen im Fach „Historische Anthropologie/Europäische Ethnologie“ fort. „Beide Wissenschaften befassen sich mit Alltagskultur, beispielsweise mit Ritualen wie Heirat oder Tod oder mit Ernährungskultur – also mit den Grundbefindlichkeiten des Menschen“, erklärt die Doktorandin. Der Unterschied sei, dass die Europäische Ethnologie heute eher  gegenwartsorientiert arbeite, während die historische Anthropologie ab der Neuzeit einsetze.

 

Isabelle Schierstein

Die junge Wissenschaftlerin stammt aus Landau; ab 2009 hat sie an der Saar-Uni zunächst Philosophie studiert und einen Bachelor-Abschluss gemacht; Ende 2016 hat sie den Master im Studiengang Historisch orientierte Kulturwissenschaften (HoK) abgeschlossen. Für ihre Masterarbeit „Personifizierungen des Todes in der Kinderliteratur in kulturgeschichtlicher Perspektive“ ist sie im Sommer 2017 mit dem Richard-van-Dülmen-Preise für herausragende Master-Abschlussarbeiten ausgezeichnet worden.

Der Richard-van-Dülmen-Preis

Der Preis ist benannt nach dem bekannten Kulturhistoriker und Mitbegründer der HoK-Studiengänge Richard van Dülmen. Er ist mit 500 Euro dotiert und wird jährlich im Rahmen der Jahresfeier des Studiengangs HoK verliehen. Dank der Förderung der Universitätsgesellschaft des Saarlandes, der Arbeitskammer Saar und der Stiftung ME Saar konnten 2017 zwei  Richard-van-Dülmen-Preise vergeben werden. Neben Isabelle Schierstein wurde Elisabetta Cau ausgezeichnet. Beide Absolventinnen erhielten ein Preisgeld von 500 Euro.

Weitere Infos

zum Masterstudiengang Historisch orientierte Kulturwissenschaften (HoK): www.uni-saarland.de/master/studienangebot/geschkult/hok/info.html

zum Fach Historische Anthropologie/Europäische Ethnologie: www.uni-saarland.de/lehrstuhl/anthropologie/startseite.html

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