Titelfoto: Stefan Freund

Einblick in fantastische Welten - der Fantasy-Autor Markus Heitz studierte Geschichte an der Saar-Uni.

Alumni-Reihe: Bestseller-Autor Markus Heitz

"Ich fühlte mich ein bisschen wie ein lesender Indiana Jones"

Heute verkauft er Millionen von Büchern, ist einer der meistgelesenen deutschen Fantasy-, Horror- und Science-Fiction-Autoren. Geprägt hat ihn sein Geschichtsstudium in den 90ern an der Saar-Universität. Auf dem Saarbrücker Campus fand er die Themen, die er heute in Bestsellern verarbeitet. Im Webmagazin "campus" gibt er Einblick ins Studium vor dem Jahr 2000 und in sein kreatives Schaffen.
Von Bestseller-Autor und Historiker Markus Heitz • 13.01.2021

Wasserflecken an der Decke. Durchgesessene blaue Stoffsessel in den hintersten Ecken der Bibliothek zwischen den Regalen, die Kanten vorne ohne Bezug und abgegriffelt. Die Fenster teils blind, teils luftdurchlässig, was im Winter schnell mal frisch werden konnte. War aber gut für die Konzentration. Zu warm ist ja auch nix. Ein recht dunkler Hauptgang, in dem man die entgegenkommenden Menschen an Silhouetten erraten musste. Ich lag übrigens meistens richtig. Zum Glück. Professoren konnten sehr unleidlich werden, wenn man sie mit „Servus“ oder „Tach“ grüßte. Das war das Hauptgebäude der Historischen Fakultät, oberster Stock. Nicht nach dem Krieg 1945, sondern 1992, dem Beginn meines Studiums. Und es gab tatsächlich noch eine Aufsicht in dem Stockwerk, die immer einen Blick auf die Studierenden hatte. Im Winter spickte sie Orangen mit Nelken, die einen adventlichen Duft verströmten. Half gegen manche anderen Gerüche. Und, um ehrlich zu sein: Unsere Schulbibliothek meines Gymnasiums war moderner eingerichtet.

Insofern war ich … nennen wir es wohlwollend überrascht von dem Zustand des Wissenshorts, an dem wir zwei Tage vorher in der Startvorlesung Alte Geschichte vollmundig mit den Worten begrüßt wurden: „Meine Damen, meine Herren. Willkommen an der Universität des Saarlandes. Sie sind die geistige Elite Deutschlands.“ Aha. Da muss sich die Elite aber mal was einfallen lassen, dachte ich. Karteikärtchen, Kataloge, Micro-Fiche, später das OPAC-System, das aber nicht alle Bücher erfasste, und man doch wieder mit tränenden Augen auf den Micro-Fiche-Bildschirm starrte, Fernleihe aktivierte, auf verschollene und gestohlene Bücher traf und fluchend Alternativen suchte.

Portraitfotos: Stefan Freund

Geschrieben habe ich ´schon immer`, wie Autorinnen und Autoren gerne behaupten. Kurzgeschichten, längere Geschichten, und es machte einfach unglaublich viel Laune, Dinge geschehen zu lassen und Welten oder Szenarien zu erschaffen.

Markus Heitz

Aber was soll ich sagen? Ich hatte verdammt viel Spaß mit meinem Geschichtsstudium. Dazu gleich mehr. Angetreten war ich mit Lehramt Gymnasium, Germanistik und Geschichte, die häufigste Kombination, wie mir das Prüfungsamt bescheinigte und schon mal die Bewerbungsunterlagen „für den Osten“ mitgab, weil man da noch Lehrer suche. Damals, Mitte der 90er. Aha. Das sind ja mal Aussichten, dachte ich. Zügig voranstudiert, Zwischenprüfung nach drei Semestern, Pädagogikum in der Tasche, zwei Praktika an den Schulen absolviert – Cut.
Warum? Weil das Schreiben und der Drang nach Kreativität revoltierten. Natürlich, Lehramt kann man auch mit mäßiger Motivation betreiben. Das Geld gibt’s ja trotzdem, und zwar gutes Geld. Plus Ferien. Und Beamtenstatus! Safety first. Aber wollte ich das? Ein mittel- bis schlecht motivierter Lehrer sein und damit Schülerscharen den Spaß an Deutsch und Geschichte rauben, indem ich fünfundzwanzig Jahre die gleichen Tafelbilder benutze, bevor ich aus Lustlosigkeit Mitte 50 mit vorgeschobener Krankheit in den Vorruhestand ausscheide? Die Antwort in mir lautete: Nein.

Geschrieben habe ich „schon immer“, wie Autorinnen und Autoren gerne behaupten. Kurzgeschichten, längere Geschichten, und es machte einfach unglaublich viel Laune, Dinge geschehen zu lassen und Welten oder Szenarien zu erschaffen. Dazu kam, dass ich seit Mitte der 80er sogenannter Rollenspieler war, Pen&Paper, aber das zu erklären, dauert zu lange. Das Internet wird aufklären oder die „Big Bang Theory“. Ungefähr ähnlich nerdig wie Rollenspiel und mein Dasein als Grufti (bis heute, ha!) wurde das Geschichtsstudium betrachtet, das ich nun im Verbund mit Literaturwissenschaft auf Magisterabschluss studierte. Wenn schon Uni, dann mit Abschluss, und „Meister“ ist jetzt nicht die schlechteste Anrede. Trägt man übrigens „Magister“ in der Anrede bei österreichischen Hotels ein, wird man tatsächlich damit angesprochen. Hab’s ausprobiert.

Ich hatte verdammt viel Spaß mit meinem Geschichtsstudium.

Ich wurde aber oft gefragt: „Mh. was machst du denn mit einem Geschichtsstudium?“ Dazu muss man wissen, dass ich nebenbei bei der Saarbrücker Zeitung als freier Mitarbeiter angefangen hatte. Journailleur zu sein, gefiel mir sehr gut. Germanistik hatte seine Höhen und Tiefen. Aber Geschichte rockte, fortan in mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Epoche! Ich fühlte mich ein bisschen wie ein lesender Indiana Jones: Alte Quellen sichten, suchen, übersetzen, entdecken. Aus dem Thema konnte man ein Buch machen, daraus auch, und dem noch und das noch!

Da ich jetzt keine Eile mehr hatte (denn Lehrer im Osten war kein Thema mehr, obwohl ich den Osten sehr mag und oft dort bin), ließ ich mir Zeit. Nahm alles an interessanten Vorlesungen mit und nutzte die abgeranzten blauen Sessel und zugigen Fensterplätze zur Recherche bei den wildesten historischen Themen. Hanse, Kreuzzüge (ein Muss als Rollenspieler, Klischee, ich weiß), Gerichtsbarkeit der Frühen Neuzeit und, und, und. Zum einen, weil ich die Themen ungemein spannend fand, zum anderen, weil ich viele Storythemen darin sah. Die Nischen suchte, über die noch keiner geschrieben hatte. So nahm ich für das Schreiben am meisten aus dem Geschichtsstudium mit: Was ist der historische Ursprung, was bzw. welches Ereignis, welche Begebenheit steckt dahinter? Und die Grundkenntnisse und Fertigkeiten in Sachen Recherche.

Portraitfotos: Stefan Freund

Viele meiner Romane haben historischen Bezug – aber eben einen besonderen Bezug. Weil ich nach Verbindungen suche, die vorher noch keiner machte, wagte, was auch immer.

Im Jahr 2000 ging ich dann entspannt mit Abschluss in der Tasche von der Uni, nach einer denkwürdigen Prüfung, in der ein Prof zwei Pfeifen (eine erlosch, die andere wurde nachgezündet) und einen Zigarillo (weil die Ersatzpfeife auch verlosch) rauchte und ich ihn vor lauter Nebel beinahe nicht mehr sah. Hauptberuflich war ich Journailleur für die Saarbrücker Zeitung, schrieb nebenbei Romane. Nur zum Spaß. Bis ich den ersten bei einem Verlag einreichte, nachdem mich meine Freunde bestätigten, und siehe: 2002 erschien das erste Werk. Und es war kein kommerzieller Erfolg, von dem ich leben konnte. Die meisten Autorinnen und Autoren in Deutschland haben einen Brotjob, der ihnen das Einkommen sichert. Nur etwa zwei bis drei Prozent schaffen den Sprung in den anderen Bereich.

Mit etwas Glück und Unerschrockenheit schaffte ich durch den Fantasy-Roman "Die Zwerge" (nie wieder über Rollenspieler lachen, gell?) meinen ersten kommerziellen Erfolg. Ungeplant. Bestseller kann keiner garantieren. Die Kriegskasse war für ein Jahr gefüllt und ich wagte den Wechsel, wohlwissend, dass es auch wieder anders aussehen könnte. Tja, was soll ich sagen? Seit 2004 bin ich hauptberuflich Kreativer und Geschichtenerzähler, neudeutsch „Storyteller“: Sechzig Romane, um die fünf Millionen verkaufte Exemplare, Auslandsübersetzungen, diverse Kurzgeschichten, ein Musical, ein Fantastical, ein Computerspiel und verschiedene Songtexte kamen so zusammen.

Ohne Geschichtsstudium wäre ich nie darauf gekommen. Und auf viele weitere Romane mit historischen Bezügen auch nicht. In meinem Notizbuch lauern noch einige andere Stoffe, und erst vor kurzem stolperte ich wieder über eine Thematik, die nicht verarbeitet wurde.

Man ahnt es: Viele meiner Romane haben historischen Bezug – aber eben einen besonderen Bezug. Weil ich nach Verbindungen suche, die vorher noch keiner machte, wagte, was auch immer. Als ein Beispiel: "Des Teufels Gebetbuch", das auf der einfachen Frage des Historikers basiert: Woher kommt eigentlich das Kartenspiel? Kein Bond ohne Pokerpartie. Aber: Wann spielte der Mensch – historisch betrachtet – zum ersten Mal? Wo lassen sich Quellen finden? Interessanterweise bemerkte ich, dass – erstens – es noch keinen Roman gibt, der sich damit beschäftigte (außer den üblichen Tarot-Romanen) und – zweitens – kaum jemand wusste, woher das Kartenspiel kommt. Bingo, Bazinga, irgendwas mit Heureka: DA war das Thema!

Es stellte sich rasch heraus, dass das Kartenspiel es geheimnisvoll mochte und erst ab dem 14. Jahrhundert in Europa nachweisbar ist. In einem Verbot, weil die Menschen aller Stände zockten und sich verzockten, um Haus, Hof, Geld. Dem machte die Obrigkeit ein Ende – oder versuchte es. Was der Mensch gerne mag, tut er immer. Auch eine Historikerweisheit, man denke an die Prohibition oder Hexenverbrennung. Wobei, nein, das mit den Hexen hatte andere Hintergründe, pardon. Also führte man um 1400 die Spielkartensteuer ein: Für jedes hergestellte Spiel kassierte der Staat ab, in Deutschland bis in die 1990er. Alle historischen Fakten kamen als wissenschaftlicher Anhang mit Fußnote hinten in den Roman, wie ich’s gelernt habe. Für die Interessierten.

Das Werk selbst ist ein moderner Mystery-Thriller zwischen Bond und Dan Brown, mit zwei Zeitachsen in Gegenwart und 18. Jahrhundert, der sich um ein verfluchtes Kartenspiel dreht. Den Faust habe ich gleich mit dazugepackt, Literaturwissenschaft soll ja nicht unerwähnt bleiben. Der Roman "Des Teufels Gebetbuch" (eine historische Bezeichnung für das Kartenspiel) kam auf Platz drei der Spiegel-Bestsellerliste. Der Aufwand hatte sich also letztlich ausgezahlt. Ohne Geschichtsstudium wäre ich nie darauf gekommen. Und auf viele weitere Romane mit historischen Bezügen auch nicht. In meinem Notizbuch lauern noch einige andere Stoffe, und erst vor kurzem stolperte ich wieder über eine Thematik, die nicht verarbeitet wurde. Aha. Da wird’s aber Zeit, denke ich.

Ich kann den Studierenden in den modernisierten Gebäuden nur raten: Tut, was ihr wollt, und folgt dem inneren Drang.

Ich kann den Studierenden in den modernisierten Gebäuden nur raten: Tut, was ihr wollt, und folgt dem inneren Drang. Außer es ist strafrechtlich relevant, dann vielleicht nochmals drüber nachdenken, liebe Chemikerinnen, Chemiker und IT-Crowd. Wer dem nachgeht, was das Innerste erfüllt, hat das große Los gezogen. Nicht gleich finanziell, aber für den Seelenfrieden. Ich bewegte mich raus aus dem anvisierten sicheren Beamtentum in die ultimative Selbstständigkeit, war niemals angestellt und bereute das nicht einen einzigen Tag. Auch nicht an Tagen, an denen es finanziell überschaubar blieb. Für mich hätte es besser niemals laufen können, und das Geschichtsstudium war ein großer Schlüssel dazu. Und zum Abschluss noch ein paar schlaue Historiker-Worte: „Der Mensch ist dem Menschen stets eine Lehrstunde, auch durch die Jahrhunderte.“ Ist von mir. Gerade eben ausgedacht. Geistige Elite und so.

Meister des Fantastischen mit historischer Inspiration
Buchcover: Verlagsgruppe Droemer Knaur

 

Markus Heitz hat bislang 60 Romane veröffentlicht, viele davon landeten in der Spiegel-Bestsellerliste. Mit der Serie um "Die Zwerge" gelang dem mehrfach preisgekrönten Schriftsteller der nationale und internationale Durchbruch. Heute ist der Saarländer mit alleine in Deutschland mehr als fünf Millionen verkauften Büchern einer der meistgelesenen deutschen Fantasy-Autoren.
Sein neuestes Werk "Die Republik", das er im Oktober 2020 unter dem Pseudonym Maxim Voland veröffentlichte, ist ein Gedankenspiel, das beleuchtet, was wäre, wenn die Geschichte anders gelaufen wäre.

 

Beispiele historisch inspirierter Romane von Markus Heitz:

"Des Teufels Gebetbuch" (Kartenhistorie - mit wissenschaftlichem Anhang),
"Kinder des Judas" (Historie Vampirismus),
"Die Meisterin" (Historie Henker)
"Die Dunklen Lande" (Dreißigjähriger Krieg & Phantastik)

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    Buchcover: Verlagsgruppe Droemer Knaur

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