Clemens Hess

Die Preisträgerin Kerstin Wilhelm (l.) und das Vorstandsmitglied der DeGEval Dr. Sonja Sheikh nach der Preisverleihung in Mainz.

DeGEval-Nachwuchspreis

Mit Baby und Laptop in den Hörsaal

Ihren beruflichen Werdegang begann Kerstin Wilhelm als diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester in der Chirurgie – inzwischen arbeitet die 39-Jährige im Management der Deutschen Bahn. Angst vor neuen Herausforderungen kennt die Absolventin des Masterstudiengangs Evaluation nicht: In ihrer Abschlussarbeit hat sie die saarländischen Verwaltungsbehörden unter die Lupe genommen und untersucht, wie die Ministerien Evaluation zur Politiksteuerung nutzen. Dafür ist sie mit dem Nachwuchspreis der Gesellschaft für Evaluation ausgezeichnet worden.
Von Gerhild Sieber • 18.01.2018

Sieben Jahre lang hat die Deutsche Bahn unter dem Moselhang bei Cochem gegraben und rund 270 Millionen Euro in die Rundumerneuerung des Kaiser-Wilhelm-Tunnels investiert. Am 6. Oktober 2017 war es so weit: Die beiden Tunnelröhren der Moseltalbahn wurden feierlich eröffnet. Bei den Festivitäten mit dabei war auch Kerstin Wilhelm, Absolventin des Saarbrücker Masterstudiengangs Evaluation und seit Mitte September Referentin des Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn AG für Rheinland-Pfalz und das Saarland. Eigentlich handelte es sich erst um ihre dritte Arbeitswoche beim neuen Arbeitgeber. Trotzdem war es ihre Aufgabe gewesen, die Begrüßungsrede zu formulieren.

Veranstaltungen vorbereiten, an Projekten mitarbeiten, Workshops für Mitarbeiter konzipieren: „Mein Aufgabenspektrum im neuen Job ist sehr breit“, freut sich Kerstin Wilhelm. Die 39-jährige Österreicherin hat schon jede Menge Berufserfahrung vorzuweisen: 2002 zog sie im Alter von 24 Jahren zu ihrem Mann ins Saarland und arbeitete mehrere Jahre im zentralen Operationssaal am Klinikum Saarbrücken. Mit Unterbrechungen, denn 2003 kam ihr erster Sohn zur Welt, und ein Jahr später absolvierte sie das Fachabitur. „Eine wirklich tolle Zeit“, wie sie rückblickend bemerkt. Im Jahr 2008 begann sie mit dem Bachelorstudium „Management und Expertise im Pflege- und Gesundheitswesen“ an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken (htw). Wieder war „Multitasking“ angesagt, denn mit dem Start der Vorlesungen hatte sie gerade ihr zweites Kind bekommen: „Ich bin quasi mit Baby und Laptop in den Hörsaal gegangen – über 14 Monate lang. Meine Kinder standen immer an erster Stelle, ich wollte aber auch nicht, dass mein beruflicher Werdegang auf der Strecke bleibt.“ Zum Studium gehörte auch ein Praktikum, das sie im Zeitraum eines Jahres im ehemaligen Ministerium für Gesundheit- und Verbraucherschutz in Saarbrücken absolvierte.

„Bei dem Seminar ‚Ökonomische Evaluation‘ habe ich mein Faible für Evaluation entdeckt“, erzählt Kerstin Wilhelm. Sie sei so auf den Masterstudiengang Evaluation aufmerksam geworden, den die htw gemeinsam mit der Universität des Saarlandes anbietet. „Nach dem Bachelorabschluss 2011 lag es nahe, mit dem Master weiterzumachen – ich habe mich dabei für den Schwerpunkt Gesundheitswesen entschieden.“ Der Studiengang ist berufsbegleitend organisiert, sodass die junge Frau weiter als Krankenschwester tätig sein konnte.

Die Chance, berufliches Neuland zu betreten, bietet sich 2014: Als im Klinikum Saarbrücken ein interdisziplinäres Leitungsteam eingerichtet wird, bekommt Kerstin Wilhelm eine Position im Krankenhaus-Management, die sie bis zum Masterabschluss im Mai 2016 halbtags bekleidet. Daneben ist sie an der htw angestellt – als Lehrkraft für besondere Aufgaben im Modellstudiengang „Pflege B.Sc“ sowie als Beauftragte für die Evaluation dieses Studiengangs. Beides organisiert Kerstin Wilhelm durch Absprachen und freie Zeiteinteilung, sodass sie weiter für Kinder und Familie da sein kann.

„Im Masterstudium habe ich begonnen, mich neben dem Gesundheitsthema auch für Verwaltungspolitik zu interessieren“, erzählt sie. Daraus entstand das Thema der Masterarbeit, für die Kerstin Wilhelm im September 2017 mit dem Nachwuchspreis der Gesellschaft für Evaluation (DeGEval) ausgezeichnet wurde. „Wie nutzen die Ministerien des Saarlandes Evaluation zur Politiksteuerung?“ lautet der Titel der Arbeit. Betreut wurde sie dabei von Soziologie-Professor Reinhard Stockmann, Direktor des Centrums für Evaluation (Ceval) und Studiengangsleiter an der Saar-Uni, und von  Professorin Susanne Grundke, die den Modellstudiengang „Pflege B.Sc.“ an der htw leitet.

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Entscheidend bei der Evaluation ist, dass die Ergebnisse objektiv, belastbar und reproduzierbar sind.

Kerstin Wilhelm

„Ich habe fünf der sieben saarländischen Ministerien im Hinblick auf ihre Evaluationsaktivitäten untersucht“, erzählt die Master-Absolventin und betont: „Die Untersuchung zielt auf eine erste Bestandsaufnahme ab. Ich habe mich für einen Ansatz aus qualitativen und quantitativen Erhebungsmethoden entschieden. Entscheidend dabei ist, dass die Ergebnisse objektiv, belastbar und reproduzierbar sind.“ Und da jede Methode Vor- und Nachteile habe, würden immer mehrere Methoden angewendet, erklärt sie. Wie also ist sie vorgegangen? „Ich habe Experteninterviews durchgeführt, um die subjektive Einstellung der zuständigen Mitarbeiter zur Evaluation zu erheben und anschließend eine Dokumentenanalyse gemacht.“ Im Klartext: Sie hat Berichte, hausinterne Schriften und Standards dahingehend unter die Lupe genommen, ob sich in ihnen die Aussagen aus den Experteninterviews widerspiegeln oder ob sich neue Erkenntnisse daraus ergeben.

„Evaluation ist ein breit diskutiertes Thema in der Verwaltungspolitik“, fasst sie ihre Ergebnisse zusammen. Doch gebe es Hindernisse an den Schnittstellen. So werde der Evaluations-Prozess häufig nicht vervollständigt, und in vielen Fällen fehlten die Transparenz oder die Maßnahmen. „Wie fast im gesamten europäischen Raum steckt die Evaluation bei uns in den Kinderschuhen – es gibt keine einheitlichen Strukturen für eine wissenschaftliche, objektive Untersuchung“, urteilt sie. „Die Hauptschwierigkeit liegt darin, dass der Begriff Evaluation nicht geschützt ist und mit Begriffen wie Controlling oder Monitoring in einen Topf geworfen wird“, sagt die Nachwuchs-Wissenschaftlerin. Daher sei zunächst unbedingt der Evaluationsbegriff zu klären. Dies hat Kerstin Wilhelm als eine von drei grundsätzlichen Handlungsempfehlungen in ihre Arbeit aufgenommen – neben Trainings der zuständigen Mitarbeiter und einer notwendigen Vernetzung.

Mit ihrer Masterarbeit habe Kerstin Wilhelm Pionierarbeit geleistet, da weder auf Bundes- noch auf Landesebene vergleichbare Arbeiten vorliegen, sagt Professor Reinhard Stockmann und lobt „das Engagement, den Pioniergeist und die freundliche Hartnäckigkeit“ seiner Masterstudentin. Ohne diesen besonderen Einsatz wäre die Arbeit wohl nie zustande gekommen. Über die Widerstände, die sie überwinden musste, verliert Kerstin Wilhelm keine großen Worte, sondern bemerkt nur: „Der Verwaltungsbereich ist ein sehr sensibles Gebiet. Da muss Vertrauen aufgebaut werden – und man muss Unterstützung anbieten.“  Evaluation unterliege auch ethischen Prinzipien: Sie verurteile nicht, sondern beurteile, um Optimierung möglich zu machen. „Das heißt auch, Evaluationen werden immer dann durchgeführt oder beauftragt, wenn in den Köpfen bereits ein Optimierungsgedanke verankert ist.“ Dass es ihr vermutlich sehr gut gelungen ist, Vertrauen im Umgang mit den Behörden aufzubauen, zeigt die Tatsache, dass die Landesregierung inzwischen ein Weiterbildungsprogramm für Ministerialbeamte im Bereich Evaluation veranlasst hat. „Für mich hat sich damit die hartnäckige Arbeit der letzten Jahre schon mehrfach ausgezahlt“, freut sich Kerstin Wilhelm.

Evaluations-Studiengänge

Der interdisziplinär ausgerichtete Studiengang Master of Evaluation MEval (www.master-evaluation.de) wird gemeinsam von der Universität des Saarlandes und der Hochschule für Technik und Wirtschaft angeboten. Die Studenten kommen aus der ganzen Welt; jedes Jahr gibt es 25 Plätze. Der postgraduale Masterstudiengang ist der einzige seiner Art in Deutschland und als viersemestriges berufsbegleitendes Aufbaustudium angelegt.

Zum 1. April 2018 startet außerdem der englischsprachige Master of Evaluation MABLE (www.mable-evaluation.com), bei dem die Universität des Saarlandes mit dem Fernstudienzentrum der Technischen Universität Kaiserslautern zusammenarbeitet. Dieser Studiengang wird im Blended Learning-Format durchgeführt, das Präsenzveranstaltungen mit modernen Formen des E-Learning verknüpft.

Der DeGEval-Nachwuchspreis

Der Nachwuchspreis der Gesellschaft für Evaluation (DeGEval) würdigt die Pionierarbeit von Kerstin Wilhelm, da in ihrer Masterarbeit zum ersten Mal systematisch ein deutsches Bundesland analysiert wurde. Darüber hinaus habe sie einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Evaluationspraxis in den obersten Verwaltungsbehörden geleistet.
https://www.degeval.de

Quellennachweis
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