Thorsten Mohr

Nicolas Jäckel war einer von 420 Nachwuchsforschern aus aller Welt, die in Lindau mit Nobelpreisträgern diskutieren konnten.

Nobelpreisträger-Treffen

Forscher mit Biss

Nobelpreisträger sind hartnäckige Zeitgenossen. Vor dem Preis werden viele von ihnen stark kritisiert oder nicht anerkannt. Oft erst Jahrzehnte danach kommt der Nobelpreis, der alle Kritiker verstummen lässt. Wer es schafft, sich dem Gegenwind zu stellen, kann vielleicht jungen Wissenschaftlern beim Lindauer Nobelpreisträger-Treffen davon erzählen. Einer, der dieses Jahr den herausragendsten Köpfen unserer Zeit zuhören und mit ihnen diskutieren durfte, war Nicolas Jäckel. Der Saarländer promoviert an der Saar-Uni und am Leibniz-Institut für Neue Materialien über effizientere Energiespeicher.
Von Thorsten Mohr • 09.08.2017

Gemeinsam Essen ist etwas ganz Besonderes, sagt Nicolas Jäckel. Das ist oft so, wenn Wissenschaftler (und viele andere Berufstätige der Welt) auf Konferenzen in fremde Städte und Länder fahren, selbst wenn die Konferenz an sich Routine ist.

Im Falle des 28-jährigen Saarländers aber waren die Essen und Pausensnacks quasi die Momente, in denen sich die Atmosphäre einer ganz besonderen Konferenzwoche wie Lichtstrahlen unter einem Brennglas gebündelt haben. „Wenn es was zu essen gab, hat man sich einfach mit ein paar anderen an einen Tisch gesetzt. Da saßen dann acht Leute aus acht Ländern, vier Kontinenten und allen möglichen Religionen zusammen und haben über ihre wissenschaftlichen Themen geredet“, sagt er. Das sei sehr inspirierend gewesen. Genauso wie der Rest der Konferenz.  

Kein Wunder, denn Nicolas Jäckel war Ende Juni nicht auf irgendeiner Konferenz, sondern in Lindau am Bodensee beim alljährlichen Nobelpreisträger-Treffen. Er war einer von rund 420 jungen Wissenschaftlern aus aller Welt, die dort eine Woche lang mit 32 Nobelpreisträgern diskutierten, ihren Vorträgen zuhörten oder eben auch in entspannter Atmosphäre essen konnten. Jedes Jahr haben diese wenigen Jung-Forscher, ausgewählt aus Zehntausenden Bewerbern aus aller Welt, die Chance, die wissenschaftlichen Koryphäen aus Physik, Chemie und Medizin zu treffen.

Aus saarländischer Sicht ist die Teilnahme von Nicolas Jäckel in etwa so wahrscheinlich wie ein Lottogewinn. Denn er ist der zweite Doktorand der Saar-Uni, der nach Lindau fahren konnte – nach Marco Zeiger, der im vergangenen Jahr zum Treffen auf den Wissenschafts-Olymp konnte. Und um die Wahrscheinlichkeitsrechnung noch ein wenig mehr zu strapazieren: Beide promovieren überdies bei Volker Presser, Professor für Energie-Materialien an der Saar-Uni.

 

Die gesamte Atmosphäre garniert mit dem Spirit der Nobelpreisträger ist schon etwas ganz Besonderes.

Nicolas Jäckel

 

Die jungen Materialforscher sind über ihre Stelle am INM – Leibniz-Institut für Neue Materialien auf dem Saarbrücker Campus nach Lindau gekommen. Dort leitet Volker Presser den Programmbereich Energie-Materialien. Nicolas Jäckel untersucht am INM, wie Energiespeicher, also zum Beispiel Handyakkus, effizienter und nachhaltiger werden können. Fachlich konnte er nicht allen Vorträgen folgen, dafür waren die Disziplinen und Fachgebiete der einzelnen Nobelpreisträger doch zu weit weg von seiner eigenen Arbeit. „Aber alle waren sehr inspirierend, alle gaben sehr viel Motivation“, fasst Nicolas Jäckel zusammen. „Die gesamte Atmosphäre garniert mit dem Spirit der Nobelpreisträger ist schon etwas ganz Besonderes.“

Denn auch wenn die Nobelpreisträger auf den ersten Blick nicht viele Eigenschaften haben, die sie einen – der eine ist eher introvertiert und zieht sich nach dem Vortragsprogramm zurück, der andere ist offen und kommunikativ und steht noch stundenlang beim Bier mit den jungen Forschern zusammen –, so gibt es doch einige wenige Dinge, die alle hochdekorierten Damen und Herren gemeinsam haben: „Alle haben ein enormes Durchhaltevermögen und sind extrem neugierig und fleißig“, konnte Nicolas Jäckel beobachten. „Dan Shechtman musste sich zum Beispiel großen Widerständen entgegenstellen, bevor er für seine Forschungen den Nobelpreis erhielt.“ Der israelische Wissenschaftler wurde selbst von seinem damaligen Chef in den 1990er Jahren heftig kritisiert, bevor er 2011 den Chemie-Nobelpreis für die Entdeckung der sogenannten Quasikristalle erhielt.

Auch Ada E. Yonath hat Nicolas Jäckel beeindruckt. Die Wissenschaftlerin hat es geschafft, Familie und Beruf so unter einen Hut zu kriegen, dass es für einen Chemie-Nobelpreis 2009 gereicht hat. Auch sie musste sich gegen heftige Widerstände wehren, bevor sie mit den höchsten wissenschaftlichen Weihen für ihre Studien zur Struktur und Funktion des Ribosoms geadelt wurde.

 

Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings

Beim Lindau Laureate Meeting können junge Wissenschaftler wie hier beim bayerischen Abend in sehr ungezwungener Atmosphäre mit Nobelpreisträgern zusammenkommen.

 

Wie sie fand auch Dan Shechtman einen Gegenpol in seiner Familie zur teils unbarmherzigen Konkurrenz in der Welt der Wissenschaft. „Dan Shechtman riet uns jungen Wissenschaftlern, auch diese Dinge nicht zu vergessen. Er hat den Rückhalt in der Familie gefunden mitsamt Kindern und Enkeln. Das ist auch wichtig.“ Es kommt auf dem Weg zum Nobelpreis also nicht nur auf die wissenschaftliche Exzellenz an, sondern auch auf die scheinbar trivialen Dinge wie ein gutes Familienleben, die einem den nötigen Rückhalt geben, um die Widerstände im Beruf auszuhalten. Und gutes Essen. Diese besonderen Lektionen hat Nicolas Jäckel in Lindau gelernt.

Nicolas Jäckel war gemeinsam mit seinem Kollegen Shrikrishnan Sankaran, der als Postdoc am INM forscht, zum 67. Lindau Nobel Laureate Meeting am Bodensee. Dort treffen sich jährlich rund 30 Nobelpreisträger mit zirka 400 Nachwuchswissenschaftlern aus aller Welt, um den Austausch zwischen Wissenschaftlern unterschiedlicher Generationen, Kulturen und Disziplinen zu fördern. An die morgendlichen Vortragsrunden schließen sich in Lindau Podiumsdiskussionen an. Im Anschluss haben die Nachwuchsforscher Gelegenheit, in kleiner Runde direkt mit den Nobelpreisträgern zu sprechen. Die Tage werden mit einem gemeinsamen Abendessen beschlossen.
Infos unter www.lindau-nobel.org

Im Rahmen des Lindau Nobel Laureate Meetings war Nicolas Jäckel auch Gast bei einer Podiumsdiskussion des Fernsehsenders ARDalpha, in deren Rahmen er unter anderem mit Bundesforschungsministerin Johanna Wanka über „Emotionen statt Fakten – Wissenschaft in der Vertrauenskrise“ diskutierte. Sie ist hier in der Mediathek abrufbar.

Weitere Texte über Nicolas Jäckel und seine Forschungen sind hier und hier erschienen.

 

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    Julia Nimke/Lindau Nobel Laureate Meetings