Thorsten Mohr
Geisteswissenschaften

Eierlegende Wollmilchwissenschaften

Julian Blomann persönlich dürfte den wenigsten Zeitgenossen ein wissendes „Ach ja, der ist das“ entlocken. Seine Ideen hingegen werden zumindest viele Saarbrücker sofort vor Augen haben, wenn man sie erwähnt. Blomann, der vor zehn Jahren seinen Abschluss in Historisch orientierten Kulturwissenschaften an der Saar-Uni gemacht hat, betreibt unter anderem den Pub „Baker Street“ in Saarbrücken und veranstaltet beliebte Krimi-Dinner. Nicht zuletzt das Studium habe ihn zu dem gemacht, was er heute ist, sagt der Unternehmer.
Von Thorsten Mohr • 12.04.2016

„Was sagt ein Geisteswissenschaftler mit Arbeit zu einem Geisteswissenschaftler ohne Arbeit?  ‚Mit Ketchup oder Majo?‘“ Witzchen dieser Art sind für angehende Historiker, Philosophen und Germanisten meist Alltag.

Auch Julian Blomann musste sich solche Sprüche zur Genüge anhören. Er weiß aber, dass sie eben nicht mehr als das sind: Sprüche. „Ich kenne niemanden unter meinen Kommilitonen und Studenten, der in den vergangenen zehn Jahren an die Wand gefahren ist“, bilanziert der 39-Jährige, der 2006 seinen Abschluss an der Saar-Uni im Fach Historisch orientierte Kulturwissenschaften machte und von 2007 bis zum vergangenen Wintersemester einen Lehrauftrag hatte. Im Gegenteil. Viele der Studenten, die in seinem Seminar zu historischem Eventmanagement saßen, und auch viele seiner eigenen Studienfreunde haben heute gut bezahlte und interessante Stellen. Die interessanteste Stelle aber dürfte er vermutlich selbst haben.

Denn seinen Job gab es vorher gar nicht, er hat ihn sich kurzerhand auf den Leib geschneidert. Julian Blomann ist Chef und Mitbegründer der Saarbrücker Agentur „Erlebnisraum“ und hat den inzwischen im Saarbrücker Kneipenleben etablierten Pub „Baker Street“ im Stil des  viktorianischen Großbritanniens eröffnet. Mit der Agentur veranstaltet er Firmenevents wie eine „Agentenjagd“, bei der die Kunden – wie im Brettspiel-Klassiker „Scotland Yard“ – einen Schurken durch die Stadt jagen, allerdings in echt. Mit Smartphone und Netbooks bewaffnet, suchen Versicherungsabteilungen, Ingenieurbüros und Produktionsteams in der ganzen Stadt nach dem Verbrecher und haben dabei eine Menge Spaß. Aus solchen Veranstaltungen heraus hat sich ein neues Geschäftsfeld für Blomann und seine Kollegen aufgetan: die Personalentwicklung. 2012 ist sein Bruder mit in die Firma eingestiegen. Er ist als Soziologe und Psychologe bestens ausgebildet, um die mittleren und höheren Angestellten der Republik in Sachen Führungsqualität und Selbstvertrauen zu schulen.

 

Die Uni hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin

Julian Blomann

 

Julian Blomann selbst hat davon reichlich. Das hat er unter anderem  seinem Studium zu verdanken. Zwar hat er bereits während seines Studiums Anfang der 2000er Jahre historische Stadtführungen veranstaltet und dadurch schon sehr viel durch Versuch und Irrtum gelernt. Aber er ist sich sicher: „Die Uni hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. In einem Fach wie HoK lernt man viele Sichtweisen und Disziplinen kennen. Man landet nicht in seinem klassischen ‚Teller‘, über dessen Rand man nicht herausschauen kann“, findet Blomann rückblickend.

Dabei sei vor allem eines viel wichtiger als die eigentlichen Studieninhalte: „Als Geisteswissenschaftler konnte ich Organisieren lernen und Lernen lernen. Gerade die ersten Studienjahre, als auch der Studiengang HoK noch recht neu und die Organisation chaotisch waren, haben mich gelehrt, mich durchzubeißen, ein hohes Frustrationslevel zu ertragen“, sagt er. „Das sehe ich auch an meinen Kollegen. Bei uns arbeiten noch vier weitere ‚HoKler‘. Die lassen sich nicht so schnell frustrieren. Schließlich sind wir es gewohnt, dass es nicht so läuft, wie man es gerne hätte.“

Besser gelaufen, als er es sich hätte träumen lassen, war allerdings das Jahr 2008, ein „Meilenstein in der Firmengeschichte“, wie Julian Blomann feststellt. Damals entschloss er sich, auch auf das hartnäckige Drängen seiner Studenten hin, ein öffentliches Krimidinner zu veranstalten. Solche Abende, bei denen die Gäste während des Essens nach bester Agatha-Christie-Manier einen Kriminalfall lösen müssen, hatten sie zwar zuvor schon für Firmen im Angebot. Aber eben nicht für die Öffentlichkeit. „Im Saarland war das damals Terra incognita. Das Thema ging total durch die Decke“, freut er sich noch heute über den Erfolg der Veranstaltungen, die bis heute fester Bestandteil des Firmenportfolios sind.

Ein weiterer Eckpfeiler im Blomann’schen Ideenkosmos ist das „Baker Street“, eine Kneipe im Stile des viktorianischen Großbritanniens. Ende 2012 haben er und seine Geschäftspartner – sein Bruder Frederik Blomann und Michael Hess – in der Mainzer Straße in Saarbrücken buchstäblich eine „Schnapsidee“ umgesetzt: „Wir wollten ein Krimi-Café in Saarbrücken aufmachen“, erinnert sich Julian Blomann. Gerade für die Krimi-Dinner ist das Baker Street mit schweren Vorhängen, Teppichen, Bücherregalen, dicken Ledersofas, dem Kamin und dem „Abenteuerzimmer“, in dem einige Stücke aus dem Fundus des saarländischen Abenteurers Heinz Rox-Schulz gezeigt werden, eine ideale Ergänzung.

Dort können heute die Gäste Ketchup oder Majo zu ihren Pommes – besser gesagt, Chips – bestellen. Und vielleicht bringt sie ihnen sogar der Chef selbst. Den Geisteswissenschaftler-Witz werden sich die Gäste aber mit ziemlicher Sicherheit sparen.

Hintergrund

Der Bachelor-Studiengang Historisch orientierte Kulturwissenschaften (landläufig unter der Abkürzung HoK bekannt) ermöglicht ein interdisziplinär ausgerichtetes, eher anwendungsorientiertes Studium der Geschichts- und Kulturwissenschaften. Am Studiengang sind historische, philosophische, musik- und kunstwissenschaftliche, geografische, theologische, archäologische sowie sprach- und literaturwissenschaftliche Disziplinen beteiligt.

www.hok.uni-saarland.de

Agentur Erlebnisraum:

www.agentur-erlebnisraum.de

Baker Street Criminal Tearoom & Pub:

www.bakerstreetsb.de

Quellennachweis
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