Thorsten Mohr

Katrin Menzel hat in England und Schottland viele Kontakte in die britische Wissenschaft geknüpft.

Sprachwissenschaften

Wissenschaftsgeschichte auf einen Klick

Für Historiker ist es mühsamer Alltag: Am Anfang jeder Arbeit steht das Quellenstudium. Wochen- und monatelange Recherche in Bibliotheken und Archiven und aufwändige Reisen machen die Geschichtswissenschaft zu einem langwierigen Prozess. Sprachwissenschaftler wie Katrin Menzel aus Saarbrücken könnten hier Abhilfe schaffen. Sie forschen an einer Methode, mit der digitalisierte historische Texte blitzschnell durchsucht werden können. Ihr Forschungsobjekt sind die „Philosophical Transactions“, die älteste noch existierende Wissenschaftszeitschrift der Welt.
Von Thorsten Mohr • 02.08.2017

„Interdisziplinär“ und „international“: Beides sind Schlagworte, mit denen gerne geworben wird, wenn es um Projektbeschreibungen geht. So manches Mal haben Anspruch und Wirklichkeit aber wenig miteinander gemeinsam. Nicht so im Falle von Katrin Menzel und ihrer Arbeit im Sonderforschungsbereich 1102 „Information Density and Linguistic Encoding“ (Leitung: Prof. Dr. Elke Teich). In einem Teilprojekt erforscht sie darin die englische Wissenschaftssprache. Und welches Studienobjekt wäre dazu besser geeignet als die „Philosophical Transactions“, die älteste noch existierende wissenschaftliche Zeitschrift der Welt, die heute wie vor 352 Jahren von der ehrwürdigen Royal Society in London, der britischen Akademie der Wissenschaften, herausgegeben wird und in der Größen wie Isaac Newton, Charles Darwin und Albert Einstein publiziert haben?

Daher arbeiten Katrin Menzel und ihre Kolleginnen und Kollegen an der Saar-Uni mit den „Transactions“ der ersten 200 Jahre, um den Sprachwandel in der englischen Wissenschaftssprache empirisch zu untersuchen. „Denn mit der Zeit und der zunehmenden Spezialisierung der Wissenschaften sind auch bestimmte sprachliche Codes in den Disziplinen entstanden, die wir anhand einer großen Datenbasis nachvollziehen wollen“, erklärt die Wissenschaftlerin. Sie untersuchen zum Beispiel, wann welche Begriffe auftauchen, wie oft sie über welchen Zeitraum diskutiert werden oder wie sich zum Beispiel grammatikalische Konstruktionen verbreiten, die zu Stilmerkmalen der ein oder anderen Wissenschaft werden. Diese Arbeit, die natürlich zuallererst einmal für Sprachwissenschaftler interessant ist, kann aber auch Wissenschaftshistorikern zugutekommen.

Aber die Arbeit der Geschichtswissenschaftler ist mühsam. Sind sie einem Thema auf der Spur, müssen sie in vielen Fällen gezwungenermaßen irgendwo anfangen zu lesen und die Bestände von Hand durchblättern. Mithilfe der sprachwissenschaftlichen Methoden ist es allerdings möglich, solche riesigen Textsammlungen wie die „Philosophical Transactions“ mit Computerunterstützung zu durchsuchen. „Historiker können so zum Beispiel nach speziellen Begriffen suchen“, erklärt Menzel, die im Frühjahr an der Universität St. Andrews und im Sommer bei der Royal Society in London selbst zu Gast war. So setzt sich beispielsweise der Begriff „Photography“ in den Ausgaben um 1830 herum für das bildgebende Verfahren durch, das vorher mit verschiedenen Begriffen wie etwa „Heliography“ bezeichnet wurde. Auch Themen rund um den Begriff „Elektrizität“ kamen in den 1830ern verstärkt zur Sprache. Historiker können so den wissenschaftlichen Entwicklungen unserer Zeit nachspüren.

 

Historische Texte haben kaum standardisierte Schreibweisen, ein Wort wird mal so, mal so geschrieben. Außerdem gibt es Wörter, die heutzutage gar nicht mehr in Gebrauch sind und die ein Computerprogramm daher gar nicht erkennen kann.

Katrin Menzel

 

Solch riesige Text-Korpora (vom lateinischen Corpus = Körper) wie die „Transactions“ kann die moderne Sprachwissenschaft sehr schnell durchsuchen. Allerdings ist die Methode bei historischen Texten bisher schwierig anzuwenden, sie ist vor allem für zeitgenössische, einheitlichen Regeln folgenden Texte etabliert. „Historische Texte haben kaum standardisierte Schreibweisen, ein Wort wird mal so, mal so geschrieben“, erklärt die promovierte Sprachwissenschaftlerin Katrin Menzel. „Außerdem gibt es Wörter, die heutzutage gar nicht mehr in Gebrauch sind und die ein Computerprogramm daher gar nicht erkennen kann.“ Bei manchen Texten, zum Beispiel Briefen, die die „Fellows“, also die Mitglieder der Royal Society, untereinander austauschten, machen die Handschriften Schwierigkeiten oder es gibt fleckige Seiten, die nur schwer lesbar sind.

Über solche Probleme konnte Katrin Menzel im Juni vor Ort mit den Digitalisierungsexperten der Royal Society sprechen. Der direkte Kontakt zu der Wissenschaftsorganisation kam durch ihren Aufenthalt im Frühjahr im malerischen St. Andrews in Schottland zustande, wo sie den Historikern über die Schulter schauen konnte. Die Experten der Universität, die traditionell auch von der englischen Oberschicht gerne ausgewählt wird – auch Prinz William studierte hier –, sind vor allem an der Entwicklung vom Anfang moderner Wissenschaft hin zu heutigen Verfahren wie dem Peer-Review-Verfahren interessiert, nach dem Wissenschaftler sich gegenseitig begutachten, bevor sie einen Artikel publizieren.

Der Kontakt nach London zur Royal Society ist für beide Seiten vielversprechend. Katrin Menzel und ihre Saarbrücker SFB-Kollegen erhoffen sich, zusätzlich zu den bisher 200 frühen Jahren Zugang zu weiteren 50 Jahrgängen der „Transactions“ zu bekommen. Die Royal Society ist nun bereit, diese späteren Jahrgänge in maschinenlesbarer Form den Saarbrückern für die Forschung zur Verfügung zu stellen. Sie können im Gegenzug der Gesellschaft mit neuesten sprachwissenschaftlichen Technologien helfen, damit diese ihre eigene Wissenschaftsgeschichte schneller und gezielter erforschen kann.

„So können wir große Datenmengen verfügbar machen für Wissenschaftler, die nicht vor Ort sind, aber trotzdem an wissenschaftsgeschichtlichen Fragestellungen forschen“, erläutert Katrin Menzel. Und darin besteht ja ein zentraler Punkt der internationalen Forschung: Die meisten Forscher sind eben gerade nicht dort, wo ein Forschungsobjekt zu finden ist, sondern gerade irgendwo anders auf der Welt. Bei dem Projekt der saarländischen Sprachwissenschaftler liegen Anspruch und Wirklichkeit in Sachen „Internationalität“ und „Interdisziplinarität“ also gleichauf.

Weitere Informationen

Am 7. und 8. September treffen sich Experten aus Deutschland und dem Ausland auf Einladung der Fachrichtung Sprachwissenschaft und Sprachtechnologie zu einem zweitätigen Workshop an der Universität des Saarlandes. Der Workshop richtet sich an eine breite Interessengruppe von Linguisten (Germanisten, Anglisten, Computerlinguisten, Übersetzungswissenschaftler etc.), die mit historischen Texten oder generell mit großen Textsammlungen arbeiten (z.B. Proceedings and Transactions of the Royal Society of London, Old Bailey Court Proceedings, Oxford Text Archive, Deutsches Text Archiv) und entsprechende Verfahren und Visualisierungen nutzen, um (sozio-)linguistische Erkenntnisse aus diesen Daten zu gewinnen. Auch für die Studenten der linguistischen Studiengänge bietet das Programm interessante Themen, die sie durch die Teilnahme an den Vorträgen und Diskussionen vertiefen können.
Weitere Infos zum Programm des Workshops und den Vorträgen: http://www.sfb1102.uni-saarland.de/wp/?post_type=tribe_events.

 

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