Titelfoto: ©KHM-Museumsverband, mit freundlicher Genehmigung des Kunsthistorischen Museums Wien | Bethlehemitischer Kindermord, Kopie nach Pieter Bruegel d. Ä., zugeschrieben an Pieter Brueghel d. J. (fraglich), 4. Viertel 16. Jahrhundert, Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie

Plünderung eines winterlichen flämischen Dorfes, festgehalten auf einem Gemälde von Pieter Bruegel d.J. aus dem 16. Jahrhundert.

Klima schreibt Geschichte

Wie ein halbes Grad die Welt verändern kann

Große Kälte oder Hitze, lange Dürren, sintflutartiger Regen – das Klima hat mehr als einmal die Welt unserer Vorfahren aus den Angeln gehoben. Aufstieg und Niedergang ganzer Kulturen sieht der Historiker Wolfgang Behringer als Folge des Klimawandels, ebenso Hexenverfolgung und Aufstände. Er sagt: Die Industrielle Revolution war Europas Antwort auf die eisige Zeit zuvor. Während dieser "Kleinen Eiszeit" vom 14. bis ins 19. Jahrhundert veränderte sich die Durchschnittstemperatur gerade mal um ein halbes Grad.
Von Claudia Ehrlich • 25.08.2020

Um wie viel Grad wärmer wird es in den kommenden Jahrzehnten auf der Erde werden? Ein, zwei Grad – oder, wovor Forscher warnen, noch ein paar Grad mehr? Im Pariser Klimaabkommen haben sich annähernd 200 Vertragsstaaten das globale Ziel gesetzt, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf "deutlich unter" zwei Grad Celsius zu begrenzen. Mit weiteren Anstrengungen soll der Temperaturanstieg auf eineinhalb Grad fallen. Ein paar Grad mehr oder weniger – macht das denn wirklich für uns einen so großen Unterschied? "Ja, absolut", sagt Professor Wolfgang Behringer, "selbst geringfügige Klimaschwankungen haben in der Vergangenheit enorme Probleme bereitet. Die Auswirkungen sind unkalkulierbar." Der Historiker hat die vergangenen Jahrhunderte durchleuchtet, sie auf Klimaschwankungen hin untersucht und die geschichtlichen Entwicklungen der Folgezeit betrachtet. Was er fand, waren unverbrüchliche Zusammenhänge, die weit stärker und dramatischer ausfielen und weit größere Kreise zogen, als zunächst gedacht. Aufgrund der klimahistorischen Fakten konnte er historische Ereignisse neu interpretieren und Hintergründe aufdecken. Seine Ergebnisse machen deutlich, warum es Sinn macht, die Klimaziele ernst zu nehmen.

"Die Öffentlichkeit tat sich lange schwer mit dem Einfluss des Klimas auf die Gesellschaft. Die Folgen von Klimaschwankungen wurden lange unterschätzt", sagt Behringer. Vor rund 20 Jahren, als er damit begann, die Kulturgeschichte des Klimas zu erforschen, war der Gedanke, dass Menschheitsgeschichte und Klima untrennbar verwoben sind, auch in Fachkreisen noch eher ungewöhnlich. Dabei sind die Auswirkungen von Klimaänderungen für den Menschen in vieler Hinsicht massiv: "Die gesellschaftlichen Reaktionen auf diese Schwankungen laufen nach einer kulturellen Eigenlogik ab. Sie können im Extremfall gar zum Ende einer Kultur führen. Im Regelfall führen sie zu Anpassungsleistungen, nicht immer nur technischer Natur, sondern auch im Bereich der Ideen. Sie führen etwa zu erhöhter Religiosität und gesteigertem Sündenbewusstsein", zählt der Historiker auf. Dies alles belegt sich in der Vergangenheit: Behringer konnte die kulturellen Reaktionen nach Wetterereignissen wie in einer Petrischale beobachten. Immer mehr zeigte sich das fein verästelte Netzwerk aus Ursache und Wirkung.

 

Petrischale der Geschichte: Die Kleine Eiszeit

 

Eine besonders ergiebige "Petrischale" ist für den Klimahistoriker die Kleine Eiszeit: eine Periode, die etwa von 1300 bis 1850 andauerte. "Global verringerte sich die Durchschnittstemperatur in diesem Zeitraum gerade mal um etwa ein halbes Grad Celsius. Aber diese geringfügigen Veränderungen führten zu massiven Reaktionen. Das Klima beeinflusste die Menschen, ihre Umwelt und ihr Leben unmittelbar, sie waren Wetterereignissen noch weit mehr ausgeliefert als wir es heute sind", erläutert der Historiker.

Portraitfotos Behringer: Jörg Pütz

Selbst geringfügige Klimaschwankungen haben in der Vergangenheit enorme Probleme bereitet. Die Auswirkungen sind unkalkulierbar.

Professor Wolfgang Behringer lehrt an der Universität des Saarlandes Geschichte der Frühen Neuzeit

Die Quellen, die Behringer aus dieser Zeit heranziehen konnte, sind vielfältig: "Mit der Kleinen Eiszeit befinden wir uns in einem Zeitraum, in dem wir über zahlreiche Aufzeichnungen verfügen, auch Briefwechsel oder Tagebücher. Als Ergebnis frühmoderner Verwaltungstätigkeit gibt es zahlreiche direkte Klima-, Wetter- und Naturbeobachtungen. Jede Menge Daten über Erntezeiten, Weinqualität, Hochwassermarken sind überliefert. Auch die Archive der Natur bieten einen reichen Fundus, von Eisbohrkernen, Seesedimenten bis hin zu Baumringen", sagt er. Beginnend mit dem 14. Jahrhundert, verzeichneten die Quellen dramatische Kälteeinbrüche, insbesondere 1560 bis 1630 und in den Jahren von 1675 bis 1715. Die Sommer waren regnerisch und kalt, im Winter froren Flüsse und Kanäle zu Eisstraßen. "Die Lagune von Venedig, die Ostsee, der Bosporus und der Nordatlantik um Island erstarrten zu Eis. Im 17. Jahrhundert fror die Themse zehnmal zu, also in jedem zehnten Jahr, im 16. und 18. Jahrhundert immerhin fünf bis achtmal. Seit 1895 ist die Themse nicht mehr zugefroren", führt er an.

Die Klimaschwankungen lassen sich auch am Weinanbau ablesen: Während im Hochmittelalter bis nach Norwegen Wein angebaut wurde, wich seit dem 15. Jahrhundert der Weinbau mehr und mehr nach Süden zurück. "Die Herzöge orderten Weine aus Italien, der europäische Handel wurde angekurbelt und die Bevölkerung von Wein- zu Biertrinkern", führt Behringer aus. Heute wandert die Weinbaugrenze wieder nach Norden.

Behringer sieht Zusammenhänge zwischen der Klimabelastung und den historischen Ereignissen und Krisen. "Die Wikinger etwa besiedelten im warmen Hochmittelalter Island, Grönland und neuen Erkenntnissen zufolge sogar einige Plätze in Nordamerika. Mit Beginn der Kleinen Eiszeit mussten die Siedlungen in Nordamerika und Grönland aufgegeben werden. Island und die Königreiche Norwegen und Schweden gerieten unter die Vorherrschaft Dänemarks, Russland unter die Herrschaft der Mongolen."

In ganz Nordeuropa mussten Zehntausende von Dorfsiedlungen aufgegeben werden. In Norwegen sei die Hälfte der Dörfer betroffen gewesen: "Jeder Hof, der höher als 200 Meter über dem Meeresspiegel lag. England verlor 4000 Ortschaften. Für Deutschland wird die Zahl der Wüstungen gar auf 40.000 geschätzt. Dies alles nicht, weil die Bewohner starben, dann wären andere gekommen, die die Höfe bewirtschaftet hätten, sondern weil die Landwirtschaft wegen des Klimas nicht rentabel war", so Behringer. Skandinavien erfuhr im 17. Jahrhundert erneut einen einschneidenden Rückgang der Bevölkerung. "Die Lebensbedingungen auf Island waren Ende des 18. Jahrhunderts so entsetzlich, dass Kopenhagen eine Evakuierung der Insel debattierte", sagt er.

Im Dreißigjährigen Krieg, bei dem 1618 bis 1648 ganze Landstriche entvölkert wurden - Schätzungen zufolge verlor die Hälfte der deutschen Bevölkerung ihr Leben - seien bei weitem nicht alle Toten Plünderungen, Brandschatzungen und Schlachtengetümmel zum Opfer gefallen. "Die Hälfte der Opfer starb an Mangelernährung und Seuchen. Es handelte sich um einen besonders kalten Abschnitt der Kleinen Eiszeit. Es gab Jahre praktisch ohne Sommer", so Behringer. Die Sonne zeigte sich nicht, der Dauerregen ließ die Ernte verfaulen. Es folgten extrem kalte und lange Winter. Die Wetterbedingungen führten zu Missernten, diese zu Hungersnöten, Seuchen wie Pest, Typhus oder Ruhr breiteten sich rasend schnell aus.

Unter diesen Bedingungen konnte die Lage schnell eskalieren. "Der Nährboden für soziale Spannungen, religiöse wie weltliche Konflikte war bereitet, die auch in der Hexenverfolgung einen ihrer schlimmsten Auswüchse fanden", so Behringer: Sie flammte etwa 1562, zwei Jahre nach Beginn der extremen Klimaverschlechterung, in großem Ausmaß wieder auf. "Der Versuch, Klimasünder ausfindig zu machen, geht zurück bis in die frühen Hochkulturen", erklärt Behringer. Wurden Ernten durch Unwetter vernichtet, entlud sich auf sie der Zorn. "Große Hexenverfolgungs-Wellen kamen einmal pro Generation vor, im Turnus von etwa 30 Jahren. Auf jeden Höhepunkt scheint eine Einsicht zu folgen, die dann aber wieder in Vergessenheit geriet", sagt Behringer.

 

Globale Kettenreaktionen nach Klimaschwankungen

 

Aber warum änderte sich das Klima in so krassem Ausmaß? "Es gab verschiedene Ursachen, die am Anfang globaler Kettenreaktionen standen", sagt Behringer. "Der El Nino etwa, bei dem sich die Meeresströmungen und die Passatwinde umdrehten, oder auch Vulkanausbrüche, bei denen die Explosionswolke die Stratosphäre erreichte und Aerosole durch die Höhenwinde verteilt wurden, das Sonnenlicht filterten und für einige Jahre eine akute globale Abkühlung bewirkten." Dies führte zu sogenannten Freakjahren, in denen alles auf dem Kopf zu stehen schien. "Freakjahre waren Gift für die vormoderne Gesellschaft. Für den Zeitraum zwischen 1450 und 1835 lassen sich mindestens 35 solcher vulkanischen Explosionen ausmachen, die 70 bis 100 Freakjahre verursachten. 100 von 385, das ist ein Viertel aller Jahre. Wenn wir ab 1560 rechnen – 275 Jahre, 30 Fälle –, kommen wir sogar auf 33 Prozent, also etwa ein Drittel aller Jahre", so der Klimahistoriker.

Gerade diese Freakjahre eignen sich Behringer zufolge in besonderem Maße, um nachzuweisen, dass selbst geringfügige Klimaschwankungen enorme Auswirkungen haben können. "Nach einem verbreiteten Klimawirkungsmodell verursachen Missernten in einem ersten Schritt erhöhte Sterblichkeit bei Menschen und Nutztieren, in einem zweiten Schritt einen Preisanstieg für Nahrungs- und Futtermittel und in einem dritten Schritt politische Auswirkungen wie Teuerungsaufstände und Revolutionen", sagt Behringer.

So geschehen beim kolossalen Ausbruch des Vulkans Huaynaputina in Peru im Februar 1600. Behringer schildert die Ereignisse der Folgezeit: "Bodensee, Zürichsee wie auch die Lagune von Venedig froren zu. Es kam zu Hungersnöten in Lateinamerika, Skandinavien, Russland, Japan und China, zu Massenprotesten und Aufständen in Russland, im Osmanischen Reich und China, und zu Dynastiewechseln in Russland und Japan. In Russland starb ein Drittel der Bevölkerung, ganze Dörfer verödeten, sogar Kannibalismus ist überliefert. Es folgte ein Bürgerkrieg. Die Missernte- und Hungerjahre dauerten auch in Japan bis 1610 an, wobei sich Überschwemmungen mit Dürrejahren abwechselten. Dürre und Hunger werden auch aus Korea, Indonesien, Indien und Brasilien gemeldet."

 

Ausbruch des Vulkans Tambora 1815: Einschnitt in die Weltgeschichte

 

Im April 1815 explodierte im heutigen Indonesien der Vulkan Tambora mit einer Gewalt von 170.000 Hiroshima-Bomben. Die weltweiten Ereignisse der Folgezeit hat Behringer ausführlich untersucht. Er fand Belege dafür, dass die Tambora-Krise die Ursache des Pauperismus war, also für die Massenarmut des 19. Jahrhunderts, die zu Verelendung und sozialen Unruhen führt. "Bislang ging die Wissenschaft davon aus, dass die Industrialisierung zum Pauperismus führte, und dass er ab etwa 1830 auftrat. Die erste Society for the Prevention of Pauperism wurde jedoch schon im Herbst 1815 in New York gegründet und wurde das Vorbild für ähnliche Gesellschaften in Boston, Philadelphia und weltweit", sagt Behringer.

Nach dem Tambora-Ausbruch wurde es kalt und nass in Europa und Nordafrika, 1815 war ein Jahr ohne Sommer. Frostereignisse und heftiger, wochenlanger Dauerregen – die Redewendung "raining cats and dogs", hat in einer Karikatur von George Cruikshank aus dieser Zeit ihren Ursprung – führte zum Ausfall der Ernte, die Preise für Lebensmittel stiegen. Die Auswirkungen der Krise waren krass: "Hierzulande musste die Mittelschicht in Stadt und Land Mobilien und Immobilien verkaufen, um die Kernfamilie durchzubringen. Handwerker und Bauern entließen ihre Knechte und Mägde. Scharen von Bettlern zogen durch die Gegend, viele starben am Straßenrand. Die Beschreibungen von Armut sind für heutige Leser kaum erträglich. Mediziner beschreiben eindrücklich den Hungertod, auch breiteten sich schnell neue Krankheiten aus, Millionen starben", schildert Behringer. "Wie in allen traditionellen Gesellschaften, aber auch in Europa und Amerika, kam es zu einem starken Anstieg der Religiosität. In Europa wurden für die Preissteigerungen an Korn und Kartoffeln Wucher - also künstliche Teuerung aus Spekulationsgründen - verantwortlich gemacht, und eine Welle des Antisemitismus stieg in Deutschland und Dänemark an."

Es kam zu Massenauswanderungen. Die Flucht aus Europa führte viele nach Amerika. Nicht wenige Auswanderer mussten zu ihrer Überraschung feststellen, dass die Not an den Zielorten so groß war wie Zuhause. So auch in den amerikanischen Küstenstädten. "Aber hier gab es einen Ausweg: Die Westwanderung. Ganz Amerika schien in Bewegung zu sein, die US-Regierung gründete jedes Jahr neue Bundesstaaten. In den Jahren der Tambora-Krise verdoppelten die USA ihre Staatsfläche. Die Ureinwohner wurden vertrieben oder getötet", berichtet der Klimahistoriker.

Überall in Europa gab es Aufruhr, etwa in Frankreich, wo die Zufahrtswege nach Paris blockiert und Getreidetransporte ausgeraubt wurden. In der Ermordung des französischen Thronfolgers 1820 gipfelte eine Welle von Selbstmordattentaten in Europa. "Schließlich zogen alle europäischen Regierungen die Konsequenzen und schränkten die Versammlungsfreiheit und andere Grundrechte ein. Die anschließenden liberalen Proteste haben unser Geschichtsbild geprägt. Man sollte es sich aber nicht zu einfach machen: Denn die verantwortlichen Politiker waren nicht illiberal. Eine Wiederherstellung der Ordnung war angesichts des verbreiteten Terrorismus notwendig", merkt Behringer an.

Auch den Niedergang Indiens und Chinas führt Behringer mitursächlich auf den Ausbruch des Tamboras zurück: "In den vergangenen Jahren gab es eine erregte Debatte, warum Europa nach 1800 so reich wurde, während die asiatischen Reiche ihre gewohnte Rolle als reichste Zivilisationen nicht mehr weiterspielen konnten und teilweise sogar in koloniale Abhängigkeit gerieten. Bei dieser Diskussion geht es üblicherweise um ökonomische Standortfaktoren und historische Zufälle", sagt Behringer. Er sieht es anders: "Betrachtet man zum Beispiel das Kaiserreich China, das unter der mandschurischen Qing-Dynastie seine größten Ausmaße erreichte und schon damals das bevölkerungsreichste Land der Erde war, so wird deutlich: Der Abstieg wurde manifest, als das Großreich nicht nur von Cholera-Epidemien und Aufständen erschüttert wurde, sondern Räuberbanden und Triaden das Land terrorisierten, die Politik durch Geheimgesellschaften wie den Weißen Lotus unterwandert war, und aufgrund dieser Schwäche Großbritannien in den Opiumkriegen von außen angriff. China hatte keine Kraft zu politischen Reformen, zu technischen Innovationen oder zu einer Weiterentwicklung der Wissenschaften, sondern versank in Hungersnöten, Epidemien, Flutkatastrophen, Rebellionen und Chaos." Indien verlor in der Tambora-Krise sogar seine politische Unabhängigkeit. Behringer schildert: "1816 und 1818 waren Dürrejahre, in denen der Monsun ausblieb und Mensch und Vieh verhungerten. 1817 gab es Dauerregen und massive Überschwemmungen sowie den Ausbruch der Cholera, die sich rasch über den Subkontinent verbreitete, gerade zu einem Zeitpunkt, in dem der Dritte Marathen-Krieg tobte. Die Seuche legte alle Armeen lahm, aber im Unterschied zu den Indern konnten die Briten von außen frische Truppen zuführen. Sie besiegten nicht nur die Marathen-Konföderation, sondern auch noch die allerorts ausbrechenden Aufstände."

 

Die Chance der Krise

 

Aber die Krise habe auch Positives hervorgebracht, betont Behringer: eine völlig neue Form der Anpassung. Europa und Amerika hätten die Probleme offensiv angepackt und Lösungen gefunden, die zum Teil bis heute fortwirken. "Es begann der typisch europäische rationale Umgang mit Krisen. Man hortete Vorräte, man verbesserte den Anbau etwa durch Einsatz von Düngern, schaffte Infrastruktur", sagt Behringer. Besonders gut sei dies in den Niederlanden und England gelungen, deren Aufstieg begann. Die Industrielle Revolution nahm ihren Anfang. "Man koppelte sich mehr und mehr ab von der Natur. All dies bezweckte und bewirkte auch weniger Abhängigkeit vom Klima, dem man nicht mehr tatenlos ausgeliefert sein wollte."

Bei der Krisenreaktion in Europa falle die hohe Professionalität des Krisenmanagements auf. "Da in der vorhergehenden Periode der Revolution gerade alle traditionellen Institutionen der Krisenvorsorge und der Armenhilfe und oft sogar die kommunale Selbstverwaltung abgeschafft worden waren, schlug die Stunde der Improvisation: Praktisch alles musste neu erfunden werden", sagt Behringer. Ein System öffentlicher Tafeln wurde aufgebaut, um die Notleidenden vor dem Verhungern zu bewahren, Armen- und Gesundheitsfürsorge, Sparkassen und Sterbekassen als bessere Zukunftsvorsorge entstanden. "Eine Art Internationale der Sozialreformer begann sich herauszubilden. Bereits damals handelten die Politiker explizit nach dem Prinzip Fördern und Fordern", sagt Behringer. Großprojekte wurden als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gegründet, wie zum Beispiel am Rhein, dessen Schleifen mit immensem Arbeitsaufwand durchstochen wurden. In den USA verfolgte der Bau des Erie-Kanals dasselbe Ziel. Auch Straßenbau wurde ein großes Thema.

"Der Weg Europas aus der Krise hatte viele Voraussetzungen: Funktionierende Staaten, leistungsfähige Medien, Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit des Eigentums, Mitbestimmung, relative Freiheit des Denkens, gute Ausbildungsmöglichkeiten in Schule, Handwerk und Universität, soziale Absicherung, die Wertschätzung von Eigeninitiative: Das alles kommt uns heute noch bekannt vor. Ökonomisch resultierten diese Voraussetzungen in der Industriellen Revolution. Meine These wäre: Die Industrielle Revolution war Europas Antwort auf die Kleine Eiszeit. – Leider war es eine Antwort, die mit der Zeit neue Probleme schuf", stellt Behringer fest.

Vor eben diesen Problemen stehen wir heute, wo es darum geht, die menschengemachte Erderwärmung im Anthropozän, im Zeitalter, das vom Menschen bestimmt ist, zu begrenzen. Dass es dabei auf jedes halbe Grad ankommt, zeigt der Blick in die Vergangenheit. "Dieser Blick zurück belegt aber auch: Der Mensch kann Probleme offensiv anpacken und Lösungen finden, das hat er in der Geschichte schon mehr als einmal gezeigt. Warum sollte uns für die Globale Erwärmung nicht auch eine Lösung einfallen?", fragt Wolfgang Behringer.

Zum Thema hat Professor Wolfgang Behringer folgende Bücher veröffentlicht:

"Kulturgeschichte des Klimas. Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung" im Verlag C.H.Beck

"Tambora und das Jahr ohne Sommer: Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte" im Verlag C.H. Beck.

Prof. Dr. Wolfgang Behringer lehrt Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität des Saarlandes. Der Fokus seiner Forschung liegt auf der Kulturgeschichte: Zu seinen inhaltlichen Schwerpunkten zählen neben Klima, Umwelt und der Verarbeitung von Krisenerfahrungen insbesondere auch die Hexenforschung, in der er als einer der aktuell führenden deutschen Wissenschaftler gilt.

Quellennachweis