Oliver Dietze
Anglistik

Viel Drama in Nachrichten aus England

Harry Potter, James Bond und der kleine Hobbit zählen zu ihren populären Forschungsobjekten. Jetzt untersucht Lena Steveker scharfzüngige politische Texte der Vergangenheit – und hofft auf eine Karriere als Wissenschaftlerin. Für ihre Habilitation erforscht die Literaturwissenschaftlerin englische Schmähschriften der frühen Neuzeit.
Von Jana Burnikel • 14.07.2017

Bereits als Jugendliche galt Lena Stevekers Leidenschaft der Literatur und Kultur Großbritanniens. In Münster, Canterbury und Mainz studierte sie Englisch und Altertumswissenschaften auf Lehramt. Doch nach ihrem Abschluss zog es sie nicht ins Klassenzimmer. „Das wissenschaftliche Arbeiten bereitete mir viel Spaß. Ich wollte das Forschen nicht aufgeben“, erzählt Steveker. Nach ihrem Staatsexamen blieb sie daher im Universitätsbetrieb und promovierte. Jetzt ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Joachim Frenk, der als Professor für britische Literatur- und Kulturwissenschaften an der Saar-Uni lehrt und forscht.

Dort bereitet sie ihre Habilitation vor. In den Geisteswissenschaften wird diese umfangreiche Forschungsarbeit immer noch für viele Professuren vorausgesetzt.  Und eine solche ist Lena Stevekers Traumziel, auf das sie beharrlich hinarbeitet. „In einem geisteswissenschaftlichen Fach bringt so eine Karriereentscheidung viel Unsicherheit mit sich“, sagt die Anglistin. „Der Weg zur Professur ist eine berufliche Einbahnstraße, auf der man viele ungeschriebene Gesetze befolgen muss.“ Um am Ende Erfolg zu haben, sagt sie, braucht man einen langen Atem und muss hundertprozentig hinter seinem Vorhaben stehen.

Nach ihrem Englisch-Studium begann Lena Steveker daher mit ihrer Doktorarbeit. Doch sie wollte nicht allein “im stillen Kämmerchen“ arbeiten. Gefördert durch die Studienstiftung des deutschen Volkes suchte sie sich einen Platz in einem Graduiertenkolleg, in dem Doktoranden an ähnlichen Themen forschen und sich darüber austauschen. „Um in der Wissenschaft voranzukommen, ist ein gutes Netzwerk unverzichtbar“, betont Steveker.

Um in der Wissenschaft voranzukommen, ist ein gutes Netzwerk unverzichtbar. (...) Die Saarbrücker Anglistik ist auf internationalen Konferenzen sehr gut vertreten. Alle Professoren arbeiten in Forschungsverbünden mit.

Lena Steveker, promovierte Literaturwissenschaftlerin

Für ihre Habilitation forscht sie an „Pamphlet Plays“, einem literarischen Genre, das in der Welt der Anglisten noch recht unbekannt ist. In Pamphleten, auch Schmähschriften genannt, äußert sich der Verfasser in scharfen Worten zu einem politischen oder religiösen Thema. „Ich schaue mir Schmähschriften an, die erschienen, als die Theater in London im Zuge des englischen Bürgerkriegs durch die Puritaner geschlossen wurden“, erklärt Steveker. Die Puritaner lehnten aus religiösen Gründen jegliche Form von öffentlicher Unterhaltung ab. An die Stelle der Theater, die bis zur Schließung ein Massenmedium des Volkes waren, trat nun die Nachrichtenkultur. „Der Begriff der Nachricht war damals weiter gefasst. Pamphlete wurden als Nachrichten gehandelt “, sagt Lena Steveker.

Doch diese kamen nicht ohne das Theater aus, dessen Konventionen beeinflussten sie. „Die Theater waren wichtig gewesen, um das aktuelle Tagesgeschehen zu kommentieren und Neuigkeiten zu erfahren. Da keine Stücke mehr aufgeführt wurden, näherten sich die Pamphlete in ihrer Form jetzt Theaterstücken an“, erklärt Steveker. Dazu gehörte, dass die Pamphlete typische Merkmale aus Dramentexten aufwiesen: Sie hatten Personenverzeichnisse, waren in Akte aufgeteilt und vergaben Sprecherrollen.

Bislang hat Lena Steveker rund 50 Pamphlet Plays identifiziert. Dafür durchforstete sie die Bestände von Archiven und glich die gefundenen Schriften mit einem Merkmalskatalog ab. „Mein beruflichen Alltag finde ich sehr spannend, denn ich habe viele Möglichkeiten, ihn selbst zu gestalten“, so Steveker, die seit 2006 an der Saar-Uni arbeitet. „Die Saarbrücker Anglistik ist auf internationalen Konferenzen sehr gut vertreten. Alle Professoren arbeiten in Forschungsverbünden mit. Zudem pflegen wir enge Kooperationen mit den Anglistik-Instituten in York, Warschau und Metz.“

An der Saar-Uni hat Lena Steveker nur eine befristete Stelle, um ihre Habilitation zu verfassen und Erfahrungen in der Lehre und den universitären Abläufen zu sammeln. Danach will sie sich auf frei werdende Professuren bewerben. Die Anglistin weiß zu schätzen, dass sie bisher ihr Hobby zum Beruf machen konnte, auch wenn ein Teil ihrer Freizeit in die wissenschaftliche Arbeit einfließt. Wie alle Eltern in der Wissenschaft jongliert sie zudem mit zwei kleinen Kindern zwischen Privat- und Berufsleben. Für sich selbst kann sie sich dennoch keinen besseren Beruf vorstellen: „Ich unterrichte gerne, ich reise viel zu internationalen Kongressen und kann in meinem Fach Texten nachspüren, an denen bislang noch nicht viel geforscht wurde.“

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