Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe

Über die Faszination, Atome neu zu kombinieren

Eine neue Klasse von Molekülen entwickeln – auf diese wissenschaftliche Herausforderung hat André Schäfer hingearbeitet. Im Herbst kann er mit seinen Forschungen in der Anorganischen Molekülchemie am Lehrstuhl von Professor Guido Kickelbick starten: Für den Aufbau einer eigenen Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe wird er von der Deutschen Forschungsgemeinschaft fünf Jahre lang mit insgesamt 1,4 Millionen Euro unterstützt.
Von Gerhild Sieber • 05.09.2016

Vorfreude und Stolz blitzen aus seinem Lächeln, wenn André Schäfer über sein Projekt berichtet, das im Herbst anlaufen wird: „In unserem Forschungsvorhaben wollen wir eine neue, bisher unbekannte Klasse von Molekülen etablieren“, sagt der 31-Jährige und betont: „Das ist reine Grundlagenforschung.“ Für Laien dürfte es demnach schwierig sein, zu begreifen, welches  wissenschaftliche Neuland der junge Forscher mit seiner Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe betreten wird. „Wir synthetisieren und untersuchen so genannte ‚ansa‘-Verbindungen“, startet er einen Erklärungsversuch. „Deren Bezeichnung leitet sich vom lateinischen ‚ansa‘ für ‚Henkel‘ ab; das bezieht sich auf die Molekülstruktur, die wie ein Henkel aussieht.“

Das Konzept dieser Verbindungen sei nicht neu, „allerdings gibt es sie bislang nur für so genannte Nebengruppenelemente, bei denen es sich sämtlich um Metalle handelt.“ Gemeinsam mit drei Doktoranden will er nun auch aus Hauptgruppenelementen des Periodensystems ansa-Verbindungen generieren. „Wir wollen untersuchen, wie man diese Verbindungen synthetisieren kann, wie sie aussehen und vor allem: wie sich Atome in solch ungewöhnlichen Bindungssituationen verhalten.“ Erste Laborversuche hat André Schäfer bereits mit den Elementen Germanium, Zinn und Blei gemacht. Weit in die Zukunft gedacht, könnte diese Klasse von Molekülen als Vorläufer für neuartige Kunststoffe dienen, sagt er.

Die Leitung einer Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe ist in Deutschland neben Habilitation und Juniorprofessur die dritte Möglichkeit, um Professor zu werden.

Dr. André Schäfer

Der junge Chemiker, der seit 2015 an der Universität des Saarlandes arbeitet, erhält rund 1,4 Millionen Euro für das Forschungsvorhaben. Die Zusage für die fünfjährige Förderung durch das Emmy-Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist im Juni eingetroffen. Zuvor hat sein Forschungsantrag ein zweistufiges Auswahlverfahren durchlaufen. „Nur rund ein Fünftel der Anträge sind erfolgreich“, weiß er. Voraussetzung war auch eine mindestens zweijährige Forschungstätigkeit im Ausland, die Schäfer im englischen Bristol absolviert hat. „In England wäre eine Förderung reiner Grundlagenforschung in diesem Ausmaß nicht möglich. Die Gelder fließen dort fast nur in Projekte für die angewandte Forschung“, erzählt er. Die Leitung einer Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe gilt als ausgezeichnete Qualifikationsmöglichkeit für eine Professur – „in Deutschland neben Habilitation und Juniorprofessur die dritte Möglichkeit, um Professor zu werden“. Die meisten würden trotzdem zusätzlich eine Habilitationsschrift erstellen, um ihre Chancen auf eine Berufung zu erhöhen, meint André Schäfer. Mit den Fördermitteln wird er nicht nur seine eigene Stelle finanzieren, sondern ab Herbst auch drei Doktoranden einstellen sowie die passende Laborausstattung beschaffen.

Fotos: Sieber

Mit einer Handschuhbox kann André Schäfer unter Ausschluss von Luft und Wasser arbeiten; hier werden die Proben vorbereitet und die synthetisierten Stoffe analysiert sowie kühl gelagert.

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    Fotos: Sieber