Titelfoto: Ilaria Vangi |

In Florenz findet alljährlich auf der Piazza Santa Croce der "Calcio Storico" („historischer Fußball“) statt.

Fußball historisch

Schon die Ritter spielten Fußball

Wer glaubt, heute ginge es auf dem Platz grob zu, der würde sich über den mittelalterlichen Fußball wundern. Das Spiel stand den allseits beliebten Steinschlachten in nichts nach. Es kam ohne Spielfeld aus, war zeitweise gar verboten. Der Historiker Wolfgang Behringer von der Saar-Uni hat die Geschichte des Sports erforscht.
Von Claudia Ehrlich • 09.06.2016

Warum sind an manch altem Gemäuer in englischen oder italienischen Altstädten die Fenster auch der oberen Stockwerke vergittert? Warum betrieb man in schwindelnder Höhe solch teuren Aufwand? Die Antwort von Wolfgang Behringer: „Fußball! Zu Renaissance-Zeiten hatten die Menschen ihre Erfahrung damit: Sie wollten die teuren Fenstergläser vor den harten Bällen schützen.“ Fußball ist weit älter, als man vielleicht vermuten würde. Zwar ist er keine antike olympische Disziplin. Aber Professor Behringer hat in unzähligen Quellen – in Chroniken, Briefwechseln, Tagebüchern, Memoiren – Nachweise gefunden, die bis ins Mittelalter reichen.

Aus welcher Zeit stammt der älteste Beleg für den Fußball? „Quellen aus dem Mittelalter nennen nur Ballspiele, ohne weitere Unterscheidung. Ballspiele waren damals generell sehr beliebt. Etwa das dem Volleyball ähnliche Pallone, das in Deutschland und Italien die populärste Sportart war. Als die Quellen für Fußball einsetzen, gibt es diesen schon, so dass man über seine Anfänge nur spekulieren kann. Der vielleicht älteste handfeste Nachweis stammt aus dem Jahr 1137: Es handelt sich um einen Bericht vom Tod eines Jungen, der beim Fußballspiel in England starb“, erklärt Behringer.

Mord und Totschlag waren verboten, sonst war der Körpereinsatz nicht groß beschränkt. Massenraufereien, Unfälle, sogar Tote waren nicht selten

Professor Wolfgang Behringer

„Ab dem Spätmittelalter waren England, Italien und auch Frankreich die Fußball-Hochburgen“, sagt der Historiker. Ein Spiel dauerte oft so lange es hell war, von morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit. Das Spielfeld konnte kilometerlang sein. Stadttore dienten an manchen Tagen als Tor. Zum Beispiel waren Faschingsdienstag und Aschermittwoch beliebte Termine für große Fußballturniere. Die Zahl der Spieler war nicht begrenzt und zimperlich ging es auch nicht zu. „Mord und Totschlag waren verboten, sonst war der Körpereinsatz nicht groß beschränkt. Massenraufereien, Unfälle, sogar Tote waren nicht selten – auch Blutrache nach solchen Vorfällen ist bekannt.“ Und so wurde der Fußball des Öfteren verboten: zwischen 1314 und 1667 insgesamt 30 Mal. „1424 wurde eine Geldstrafe für das Fußballspielen verhängt“, sagt Behringer.

In Italien traten beim Calcio genannten Fußball ganze Dörfer und Stadtviertel gegeneinander an. „Die Medici, die wie der sportbegeisterte Cosimo I. selbst spielten, erhoben das Spiel in Zeiten der Renaissance zu ihrem Markenzeichen, machten ihn in Florenz zum Nationalsport“, erklärt der Historiker. Die Medici pflegten eine galantere Spielart, zivilisierten das wilde Spiel. Zwar immer noch recht grob, aber bereits mit genauen Regeln, versuchten die 27 Spieler einer Mannschaft das gegnerische Zelt-Tor zu treffen. Der Ball, so eine Quelle aus dem Jahr 1625, war aus weißem Leder und mit Luft gefüllt.

„Regelmäßig fanden große Spiele auf der Piazza Santa Croce oder auf dem Platz vor der Kirche Santa Maria Novella statt, was große Zuschauermassen anzog. Ein Anlass, einen großen Calcio zu veranstalten, wurde bei jeder Gelegenheit wahrgenommen, etwa bei Staatsbesuchen, Hochzeiten oder an Festtagen“, sagt Behringer. Im Winter wurde das Spiel kurzerhand aufs Eis verlegt – so geschehen 1491, als in Florenz der Arno zufror. „Ebene, nicht zugebaute Flächen ohne Wälder waren selten, da wurde die freie Eisfläche sofort zum Fußballplatz erklärt“, erläutert er.

Und Deutschland? „Deutschlands Fußballtradition ist eher jung“, erklärt er. Hier waren andere Ballspielarten beliebter, bei denen aber auch bisweilen der Fuß zum Einsatz kam, etwa beim Pallone, bei dem die Spieler verhindern mussten, dass der Ball auf den Boden fiel. In dieser Hinsicht – so fand Behringer in Tagebüchern heraus – könnte Herzog Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg im 16. Jahrhundert als einer der ersten verifizierten Fußballer in Deutschland gelten. Der Herzog war sehr sportlich. „In seinen Tagebüchern findet sich fast täglich der Eintrag ´Nachmittags Pallone`“, sagt Behringer.

Der Fußball in seiner heutigen Erscheinungsform entstand 1863: „In diesem Jahr wurde Fußball in England Schulsport. Im Zuge dessen legte man die Spielerzahl auf elf fest und formulierte Spielregeln. So wurden etwa grobe Fouls und die Zuhilfenahme der Hände untersagt. Der traditionelle, kampforientierte Football wurde in Rugby umbenannt. Aus einer Sportart wurden damit zwei“, erläutert der Historiker.

Ab den 1890er Jahren packte auch Deutschland dann endgültig das Fußball-Fieber, viele Vereine wurden gegründet. Im Vergleich zum Ur-Fußball spielen auch sie seither regelrecht sittsam. Jedenfalls: Wird nach dem nächsten Foul beklagt, Fußball sei heute brutal wie nie, kann getrost berichtigt werden: Alles harmlos im Vergleich zum Mittelalter-Fußball.

Wolfgang Behringer lehrt Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität des Saarlandes. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit. Zu den inhaltlichen Schwerpunkten seiner Forschung zählen europäische Frühe Neuzeit in vergleichender Perspektive, Klima und Umwelt, Verarbeitung von Krisenerfahrungen, Hexenforschung, Herausbildung der Nationalstaaten, Radikale Reformation, Städteforschung, Hofkultur, Kommunikations- und Mediengeschichte.

Weitere Artikel über Professor Behringers Forschung zur Kulturgeschichte des Sports:

„Die bewegte Vergangenheit“
Zum Wintersport
Zum Rennsport
 

 

Zur Sportgeschichte hat Wolfgang Behringer ein Buch veröffentlicht:
Kulturgeschichte des Sports. Vom antiken Olympia bis ins 21.Jahrhundert“ erschienen bei C.H. Beck, 2012, ISBN 978-3-406-63205-1

 

Historisches Bild: Repro aus „Kulturgeschichte des Sports“, C.H.Beck, S.181: Fresco von Jan van der Straet.

Jan van der Straet malte 1558 den Calcio vor der Kirche Santa Maria Novella. Das Fresco befindet sich heute im Palazzo Vecchio in Florenz.

Foto Calcio Storico: Ilaria Vangi, |

Wie vor Jahrhunderten: Die Florentiner halten die Tradition des historischen Fußballs aufrecht - der Calcio Storico vor der Kirche Santa Maria Novella heute. Foto: Ilaria Vangi, www.VisitFlorence.com

Fußball war zwischen 1314 und 1667

30 Mal

verboten

Quellennachweis
  • Bilder
    Titelfoto: Ilaria Vangi |
    http://www.VisitFlorence.com
    Historisches Bild: Repro aus „Kulturgeschichte des Sports“, C.H.Beck, S.181: Fresco von Jan van der Straet.

    Foto Calcio Storico: Ilaria Vangi, |
    http://VisitFlorence.com Portraitfoto: Jörg Pütz