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Sprachwissenschaft

Krimis auf dem Seziertisch der Sprach-Profiler

Stefan Diemer seziert mit seinem Team die Sprache von Fernsehserien. Insbesondere Krimis kommen auf den Tisch der Sprachwissenschaftler. Wortwahl, Sätze, Gesprächsstruktur, ja selbst die Zahl der Worte verraten ihnen Ungeahntes. Nichts Geringerem als der Erfolgsformel des „Quality TV“ sind die Anglisten auf der Spur.
Von Claudia Ehrlich • 05.01.2016

„Wo habt ihr denn diesen Jungen aufgetrieben?“, flüstert ein FBI-Agent seinem Kollegen ins Ohr und deutet mit dem Kopf auf den jungen Dr. Spencer Reid: Der hält gerade ebenso selbstvergessen wie begeistert einen Vortrag über Wörter, Sätze und Interpunktion und entlarvt ganz nebenbei den Täter durch dessen Wortwahl und Dialekt. „Er wurde in einem Korb auf den Stufen des FBI ausgesetzt“, so die gemurmelte Antwort. Es sind Szenen wie diese aus der Serie Criminal Minds, die die Herzen der Saarbrücker Sprachexperten höher schlagen lassen. Stefan Diemer, Professor für Englische Sprachwissenschaft, geht mit seinem Team den Dialogen der Profiler und Agenten auf den Grund. Auch andere Qualitäts-Serien wie „The Big Bang Theory“ durchleuchten die Sprachermittler der Saar-Uni.

Die Forscher sind spezialisiert darauf, herauszufinden, wie Gespräche funktionieren, wie Themen eingeführt und gewechselt werden, welche Signalwörter genutzt, wie Pausen oder Lachen eingesetzt werden. Eines ihrer Fachgebiete ist die forensische Linguistik: Hier kommen Experten dem Täter anhand seiner Sprache auf die Schliche – oder auch einem ganz unschuldigen Autor. „Wir haben auch schon Briefe einer englischen Familie aus dem 14ten bis 16ten Jahrhundert daraufhin untersucht, wer sie dem Schreiber diktiert hat. Wer schreibt oder spricht, hinterlässt einen sprachlichen Fingerabdruck. Mit unseren Methoden können wir diesen Personen zuordnen“, erklärt Diemer.

 

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Der Schlüssel zum Serien-Erfolg liegt in der Sprache.

Mag jemand durch die Wahl seiner Worte etwas verschleiern können, sein sprachliches Unterbewusstsein kann keiner ganz ausschalten. Und dieses offenbart den Experten vieles. Wie Rechtsmediziner sezieren die Forscher auch die Serien-Dialoge. „Hierzu erfassen wir die Texte mit dem Computer. Meist können wir auf ein Skript zurückgreifen“, erklärt Marie-Louise Brunner, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an Diemers Lehrstuhl. Die Textsammlung werten die Sprachforscher aus: Wörter werden gezählt, Satzlängen und -aufbau erfasst, es wird grafisch dargestellt, wer wie lange redet, geprüft, wie oft welches Wort vorkommt, Schlüsselsätze und -wörter werden gesucht und gefunden, der Text grammatikalisch komplett zerlegt.

„Wir können Muster erkennen und Profile herauslesen“, sagt Brunner. „Allein mittels der 50 häufigsten Wörter können wir einen Serienhelden identifizieren – oder einen Serienautor. Bei einigen genügen sogar weniger“, erläutert Diemer und fügt als Beispiele Mafioso Tony Soprano an, der durch seine Flüche in „Die Sopranos“ pfeilschnell ausgemacht ist, oder die Erfolgsserien-Autorin Jane Espenson, die gerne ihre Rollen einander ins Wort fallen lässt. Auch Plagiate lassen sich so aufdecken. „Die Sprache der Serien ist voller Klischees – mit Absicht, die Charaktere sind auf den Punkt gebracht. Übrigens ist die Darstellung etwa der Sprach-Profiler wie Spencer Reid erstaunlich faktenbasiert und hat wissenschaftlichen Hintergrund“, ergänzt Brunner.

Was macht sie denn nun aus, die „gute“ Serie? Gibt es eine Erfolgsformel? „Wir arbeiten daran“, sagt Diemer. „Die Sprache spielt auf jeden Fall eine entscheidende Rolle. Alle Quality-Serien stimmen etwa darin überein, dass sie mehr Wörter enthalten als andere. Bei einigen ist es sogar schwer, Schauspieler zu finden, die es schaffen, so viel Text in kurzer Zeit schauspielerisch umzusetzen. Wir können ganz klare Qualitätskriterien rund um die Sprache herausarbeiten, von Wortwahl, typischen Redensarten, Gesprächsstruktur bis hin zu überraschenden Mustern“, erklärt er. Die Erkenntnisse könnten Serienautoren nutzen. „Es sind auch schon Autoren von Computerspielen an uns herangetreten, wie sie ihre Charaktere realistischer machen können“, erwähnt Diemer. Auch in der Lehre kommt seine Forschung an: In einem Drittel der Arbeiten am Lehrstuhl kundschaften seine Studenten die Sprache in Quality-Serien aus. Es ist eben nicht ohne Reiz, sich eine ganze Staffel Criminal Minds ansehen zu müssen, um herauszufinden, was Serienhelden wie das Sprachgenie Spencer Reid einfach besser machen als andere.

Die Sprachforscher können Serienhelden anhand ihrer

50

häufigsten Wörter identifizieren

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