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Gewaltforschung

Amokläufe können verhindert werden

Christoph Paulus erforscht Amokläufe. Der Aggressionsforscher von der Saar-Universität analysiert die Taten, die Täter und ihr Umfeld, sucht nach Übereinstimmungen, typischen Abläufen und Mustern. Sein Ziel ist, die Gefährdung etwa bei Drohungen schon im Vorfeld einschätzen zu können und dadurch Amokläufe zu verhindern.
Von Claudia Ehrlich • 19.11.2015

An der Wand, an der an jenem Tag noch die Tafel hing, steht heute in schwarzen Zahlen schlicht: „11.03.2009“. Am 11. März 2009, um 9.33 Uhr, reißt der 17-jährige Tim Kretschmer in der Albertville-Realschule in Winnenden die Tür des Klassenraums 301 auf und schießt. Immer wieder. Wortlos, wahllos. Auf Schüler, Lehrer, Referendare. 15 Menschen wird der Amokläufer im Laufe dieses Tages töten, elf verletzen. Nach mehrstündiger Flucht schießt er sich in den Kopf – mit der Waffe seines Vaters.

Was so beispiellos scheint, ist es in Wahrheit nicht. „Alle Amokläufer durchlaufen typische Stadien. Ein Amoklauf ist nie spontan. Er beginnt lange vor der Tat, es ist ein Prozess, der sich über Jahre hinzieht“, sagt Christoph Paulus. Teils bis ins Detail stimmen Merkmale und Muster in den Profilen der Täter bei allen Amokläufen überein, die der promovierte Bildungswissenschaftler analysiert hat. Bestimmte Phasen im Vorfeld der Tat sind auffallend ähnlich, bis hin zu typischen Geschehnissen und Umständen im Umfeld des Amokläufers. „Und hier liegt die Chance, das Drohende zu erkennen und die Spirale zu stoppen“, sagt Paulus.

Der Aggressionsforscher, der auch schon Täterprofile für die Polizei erstellt hat, befasst sich an der Saar-Uni seit Jahren mit extremer Gewalt, insbesondere von Jugendlichen. Hunderte Informationen über rund 60 Amokläufe vor allem aus den USA und Europa hat er bereits zusammengetragen, seine Quellen sind Staatsanwaltschaften, Polizei, FBI, aber auch die Medien. Die Datensammlung wertet er unter anderem mit statistischen Methoden aus, um Übereinstimmungen zu finden.

Foto (Paulus): Claudia Ehrlich

In allen Phasen kann die Spirale unterbrochen werden, entscheidend ist, das Gefährdungspotenzial zu erkennen.

Erste Ergebnisse seiner Analysen liegen vor: „Für jugendliche Amokläufer sind eine Persönlichkeitsstörung, eine aggressive, gewaltbereite Grundhaltung, gesteigertes Interesse an Waffen und der Zugang zu Waffen charakteristisch. Bei Erwachsenen kommen zu Persönlichkeitsstörung und Waffenzugang typischerweise ein geringes Selbstbewusstsein, niedrige Frustrationstoleranz, familiäre Probleme und eine Wahrnehmung der Umwelt als Bedrohung hinzu“, erläutert Paulus. „Bei diesen Tätermerkmalen liegen die statistischen Konsistenz- und Abdeckungswerte bei 1,000000 oder 0,909091 – das bedeutet, dass sie in allen untersuchten Fällen identisch sind oder annähernd identisch übereinstimmen“, erklärt er.

Christoph Paulus will wissenschaftlich fundierte, feinmaschige Kriterien herausarbeiten, die es ermöglichen, das Gefährdungspotenzial in einem frühen Stadium zu beurteilen. Damit ließen sich dann zum Beispiel Amokdrohungen darauf überprüfen, ob es sich um eine ernsthafte Bedrohung oder nur um Scheindrohungen eines Trittbrettfahrers handelt. „Die bisherigen Auswertungen haben gezeigt, dass bei allen Amokläufern eine paranoide oder narzisstische Persönlichkeitsstörung vorlag. Deshalb kann hier auch geholfen werden. Eine solche Persönlichkeitsstörung kann therapiert werden. In allen Phasen vor dem Amoklauf kann die Spirale unterbrochen werden, entscheidend ist, das Gefährdungspotenzial zu erkennen.“

Hier liege der Unterschied zu Serienkillern, mit denen Paulus sich jahrelang in seiner Forschung befasst hat. „Einen Serienkiller kann man nicht stoppen. Dort geht es um Machtphantasien – und Phantasien sind nicht therapierbar“, sagt er. Motivation des Amokläufers ist Wut. „Sie begehen ihre Taten aus einer unbändigen Wut heraus auf eine nicht greifbare Gruppe: die Schule, die Lehrer, die Schüler“, erklärt Paulus.
Von außen betrachtet stehen Amokläufer als Außenseiter außerhalb der Gruppe. „Aber oft schließt nicht die Gruppe den Einzelnen aus, sondern es ist genau umgekehrt: Sie isolieren sich selbst, weil sie nicht dazugehören wollen, etwa weil sie sich der Gruppe überlegen fühlen. Also nicht alle gegen einen, sondern einer gegen alle. In der Regel sind Amokläufer keine Mobbingopfer.“

Es ist ein langer Weg: Kritik oder Ablehnung werden als schwere persönliche Niederlage empfunden, die Umwelt nimmt immer bedrohlichere Züge an, die Sichtweise der Welt verdunkelt sich, der Täter durchläuft Phasen des Grübelns. „Auf Frust und Trauer folgen depressive Zustände. Irgendwann schlägt Trauer in Wut um, die sich zunehmend steigert und denen er nichts entgegenzusetzen hat, weil Handlungsalternativen für ihn fehlen“, sagt Paulus.

Amokläufer kündigen oder deuten ihre Taten an, meist innerhalb einer bestimmten Gruppe in Blogs oder Chats. „Sie wollen die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Diese Äußerungen, so genannte Leakings, werden aber fatalerweise oft nicht ernst genommen. Wer etwa im Internet oder sozialen Netzwerken Andeutungen auf Amokläufe findet, typische Sätze sind etwa `Von mir werdet ihr noch hören. Meine Trauer schlägt in Wut um`, sollte umgehend die Polizei informieren, die den Fall überprüft. Lieber einmal zu viel warnen, als die Chance zu verpassen, den Amoklauf zu verhindern“, sagt Paulus.

Zum Thema hat Christoph Paulus ein Buch veröffentlicht:

Das Amok-Puzzle - Psychologische Erklärungsansätze und Täterprofile
Tectum, Der Wissenschaftsverlag, 449 Seiten, 39,95 Euro
ISBN 978-3-8288-3795-9

Was treibt einen Amokläufer dazu an, eine scheinbar willkürliche Auswahl an Menschen mit in den Tod zu reißen? Warum sind die meisten Täter männlich? Und gibt es Unterschiede zwischen erwachsenen und jugendlichen Tätern? Christoph Paulus stellt die Ergebnisse einer der größten deutschen Amok-Studien vor. Die Stichprobe umfasst insgesamt 58 Fälle, davon 46 Amokläufer und 12 sogenannte "Trittbrettfahrer", die zwar Amokdrohungen ausgesprochen, diese jedoch nicht ernsthaft in Erwägung gezogen haben. Es entsteht ein Netz von Bedingungen und Umständen, die allesamt Hinweise auf die Frage liefern, ob und warum nicht alle Menschen, die eine schwere Kindheit hatten oder Ego-Shooter spielen, zu Amokläufern werden. Die Lösung des Amok-Puzzles ist nicht so einfach wie das Stellen dieser Fragen. Der Autor gibt der Betrachtung erstmals einen umfassenden Analyserahmen.

 

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